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Mittwoch, den 08.11.1978
Ich bin hier nicht unbeliebt, was mich wundert. Mein verhältnismäßig guter Ruf hat vornehmlich zwei Gründe: Erstens meine Angewohnheit, Ärger einzustecken und in mir selbst zu verarbeiten und zweitens die Tatsache, daß ich mich oft auf für andere unverständliche Art und Weise verhalte. Man hat hier wie überall Respekt vor dem, was man nicht versteht.

Freitag, den 10.11.1978
Jemand aus einer anderen Abteilung fragte mich, warum ich diesen einfachen Job mache, und riet mir, mich um einen anderen zu bewerben. Ich dankte ihm für den Hinweis und begann nun tatsächlich, auf bessere Zeiten zu hoffen.

Samstag, den 11.11.1978
Schon als Kind sehnte ich mich immer nach endloser Freiheit, und so stellte ich mir abends vor dem Einschlafen häufig vor, ich könne mit meinem Bett aus dem Fenster fliegen, oder doch wenigstens unter freiem Himmel übernachten. Dabei kam mir jedesmal der Gedanke, es könne brennen und ich wäre in der Wohnung schutzlos.

Sonntag, 12.11.1978
Dieser Sonntag war einer der trübsten, den ich je erlebt habe. Die Herbststimmung, die scheinbar ständige Dämmerung zwischen regnerischem Wetter, diese trübe Luft schien mich zerdrücken zu wollen. Früher war da immer noch die Hoffnung, und war es nur die auf Weihnachten oder auf den kommenden Sommer, auf gemeinsame Unternehmungen oder nur auf ein Gespräch. Diesmal fühle ich mich ausgeschlossen von Weihnachten, vom Sommer, von der Welt überhaupt.

Es scheint, daß ich nach langer Pause wieder in der Lage bin, "Akzente" richtig zu setzen. Dieses blinde Streben nach Sonderurlaub scheint mir nun klein und dumm, geradezu lächerlich zu sein - aber nicht lustig. Die Bundeswehr erzieht einen zum Egoismus; sie drängt alles Wollen und Denken auf Fleisch, Bier und die Frau zurück. Wir sind nun einmal Wesen, die zittern, wenn es kalt ist und weinen, wenn sie wochenlang nicht zu Hause waren; wir sind viel leichter zu beeinflussen, als wir glauben!

Dienstag, den 14.11.1978
Da fällt mir ein Traum ein, in dem meine jüngere Schwester durch einen Unfall ums Leben gekommen zu sein schien - das Gesicht, das unter dem Leichentuch pechschwarz hervorguckte, schien fast verfault; ich rief sie, und war sicher, sie dadurch wieder zum Leben erwecken zu können. Es gelang - im Traum ...

Donnerstag, den 16.11.1978
Außer mir haben alle von unserem Zimmer Urlaub - ich bin also alleine hier seit gestern abend. Eigentlich wollte ich die Gelegenheit nutzen, um mit meinem 'Fernstudium' weiterzukommen, doch ich habe nicht einmal die Antwort auf Olivers Brief zuendebringen können. Zuerst kam Karl-Heinz (er war auch alleine) und mußte wohl einiges loswerden. Dann kam Fußball im Fernsehen (warum steht gerade bei uns so ein Fernsehgerät?!), dann beschlossen wir, ein paar Flaschen Bier zu trinken. Nach vier Flaschen war es zu spät und außerdem undenkbar, noch etwas zu tun. Dann glaubte ich, 'mal eine Zigarette rauchen zu müssen. Rauchen sei bloß Zeitvertreib, gestand mir Karl-Heinz.

Ich erlebte gestern abend zum ersten Mal, wie befriedigend ein Alkoholrausch sein kann, welche Befreiung und Erlösung von ihm ausgeht, aber auch wie gefährlich dieses Genußmittel ist - als gesellschaftliches Machtmittel. Ich glaube, ich werde mich nicht mehr so betrinken!

Was für ein Zustand, daß wir in diesen Tagen zwar zum Dienst getrieben werden wie die Hunde, daß wir aber doch nicht wissen, was wir machen sollen. Tun wir nichts, laufen wir Gefahr, angeschnauzt zu werden; tun wir Überflüssiges, werden wir ausgelacht. Irgendwo dazwischen liegt also unsere Tagesbeschäftigung ...

Freitag, den 17.11.1978
"Oh the wind, the wind is blowing; Freedom soon will come; then we come from the shadow ..." (Leonard Cohen)

Jetzt ist Freitag, es ist Dienstschluß, die Kaserne ist bis auf ganz wenige menschenleer. Es ist still, und ich liege auf dem Bett und weißt nichts anzufangen mit der Einsamkeit, die ich doch so standhaft verteidigt hatte. Gerd, ein etwas sonderbarer Zeitgenosse, wollte, daß ich mit ihm nach Bremen in die Jugendherberge fahre - ich habe mich da herausgeredet, ich wollte meine Ruhe haben. Jetzt fühle ich mich doch elender als ich erwartet habe. Hier will mir einfach nichts sinnvolles gelingen, die Umgebung ist zu kalt.

Samstag, den 18.11.1978
Dieser graue, verregnete Samstagmorgen hat es in sich; nichts lohnt sich mehr, denn in zwei Stunden beginnt bereits die Wache. Kein Brief, ich habe niemandem etwas zu sagen; die Leere hat meine Gedanken längst ergriffen. Könnte man sich doch noch einmal schlafen legen und dann später wieder aufwachen: in der 'alten' Welt, mit den Menschen, die man gut kennt, mit Erlebnissen, Zielen und Hoffnungen; nur noch einmal auf der Schulbank sitzen und sich mit guten Freunden unterhalten. Noch einmal leben ...

Dienstag, den 21.11.1978
Seit gestern Abend habe ich "GvD" (Gefreiter vom Dienst); folglich hatte ich nur 4 Stunden Schlaf und gewisse Unannehmlichkeiten, weil ich beim 'Ausrufen' mal wieder nicht die gewünschte (bzw. erforderliche) Lautstärke erreichte. Immerhin kann ich hier etwas lesen und die Mathematikunterlagen durcharbeiten - wenn auch in einem ziemlich beschränkten Umfang.

Wieder war ich beim Arzt; obwohl er heute sehr überlastet und gereizt schien, wurde er plötzlich sehr freundlich und verständnisvoll, als er mich wiedererkannte. Sofort legte er mir seinen Arm auf die Schulter, was mich, obwohl es mir eigentlich peinlich war, sehr freute. Andererseits stellte sich sofort die Frage, was diese Bevorzugung rechtfertigt und ob es vielleicht in der Tat schon so schlecht um mich bestellt ist. Aber immerhin geschieht etwas, immerhin bin ich nicht mehr alleine auf mich gestellt! Das bedeutet, daß an die Stelle meiner eigenen 'medizinischen' Experimente mit Nagelzange und Schraubenzieher eine etwas fachkundigere Behandlung tritt.

Donnerstag, den 23.11.1978
Heute sah ich, wie ein anderer Soldat einen etwa 8-seitigen Brief schrieb und ich wurde insgeheim neugierig, was man denn in 8 Seiten alles schreiben könne. Ich versuchte herüberzuschielen und einige Satzbrocken mitzubekommen, doch es ging nicht, ohne daß ich aufgefallen wäre. Zwischendrin fragte er mich, ob man Sympathie mit "th" schreibt. Ich sagte es ihm - und war plötzlich unerklärlich gut gelaunt ...

Wollte man die Armee wirklich reformieren, so sollte man sie unbedingt auf freiwillige Basis stellen nach amerikanischem Muster. Eine radikale Abschaffung der Armee ist wohl bei den derzeitigen politischen Verhältnissen undenkbar. Eine freiwillige Armee hat vor allen Dingen den Vorteil, daß niemand 15 Monate gegen seinen Willen abbüßen muß, was ja die Situation des Soldaten aus psychologischen Gründen stark beeinträchtigt. Außerdem muß eine solche Armee um ihre Anhänger werben, das heißt, sie muß sich in ihren Forderungen auf das Notwendige und Vernünftige beschränken - und sie wird darüber hinaus noch manches zur Humanisierung des militärischen Betriebes unternehmen.

Freitag, den 24.11.1978
Manchmal kommt es mir vor, als sei das Wochenende schwerer zu ertragen als der Wehrdienst selbst ...

Jürgen, einer von unserer Stube, mit dem ich heute nach Hause fuhr (zumindest bis Düsseldorf), war heute krank - Bauchschmerzen. Mit einem Humor, der mehr Ernst als Spaß verriet, sagte er, er habe Magenkrebs. Er könne das Malzbier nicht hinunterschlucken, weil es dann brennen würde und wieder hochkäme. Magenkrebs. Wieviel hat er bereits vom Leben erfahren? Hat er seine Ziele und Hoffnungen darauf eingestellt? Steht ihm noch der Zusammenbruch bevor, die unbarmherzige Kenntnis vom Tode?

Samstag, den 25.11.1978
Während mich Stefan mit seinem Wagen nach Hause fährt, ziehen all die Geschäfte von Mühlheim an mir vorüber; alle sind geschlossen, als wollten sie MICH ausschließen...

"Das Ende einer Dienstfahrt" ist ein Versuch Bölls, Kritik an der Bundeswehr literarisch zu verpacken. Das Werk ist kaum gelungen, das Ziel weitgehend verfehlt, obwohl ich das Stück von der Aussage her unterstützen würde. Man muß die Öffentlichkeit wie Politiker mit bestechenden Aussagen zur Rechenschaft zwingen, muß die Dinge beim Namen nennen und darf das nicht gleichgesinnten Interpreten überlassen!

"Mach's gut." Eine banale Schlußszene eines Films könnte mich jetzt zum Weinen bringen. Ein Abschied, etwas, woran man fühlt, wie sehr man gelebt hat, was einem zeigt, daß es sich gelohnt hat und noch lohnen würde. Liebe.

Sonntag, den 26.11.1978
Der Schlaf hat mich genährt und hat gleichzeitig vieles erhellt; trotzdem hat sich nichts geändert, denn es ist schließlich eine der Aufgaben des Schlafes, die Dinge zu entstellen, um ein weiterleben zu ermöglichen (wie alles an uns Lebewesen die Aufgabe hat, das Weiterleben zu ermöglichen). Nach zwanzig gymnastischen Übungen schien die Welt plötzlich zur Ruhe gekommen zu sein. Es kam mir vor, als hätte ich da erst (seit drei Tagen) die Wände in meinem Zimmer richtig erkennen können. Geblieben ist ein wenig Mull-of-Centyre- und Leonard-Cohen-Stimmung, die Erinnerung an böse Zeiten Anfang des Jahres und die Angst.

Montag, den 27.11.1978
"Erwachsene Kinder sind das da oben. Wir haben früher immer mit Autos gespielt, doch die spielen mit Menschen, die noch lebendig sind!" Mit solchen Worten überraschte mich ein alter eingelebter Soldat, dem ich das beim besten Willen nicht zugetraut hätte! Und wie recht er hat, denn viel komplizierter liegen die Dinge offenbar nicht.

"ROA-Belehrung" gehabt (Reserve-Offiziers-Anwärter). Wir seien bisher verwöhnt worden, hätten fast alles haben können, was wir wollten, hätten uns nun bei der Bundeswehr einschränken und dienen gelernt und müßten uns langsam fragen, woher der Wohlstand käme und wozu wir hier seien. Das war der Hauptauftritt des Kommandeurs gegen Ende der Veranstaltung. Man solle das beste aus der Militärzeit machen, also Offizier der Reserve werden ...

Hatte eine einstündige Unterhaltung mit einem unserer Unteroffiziere. "Wenn man bedenkt, wie viele Leute der Bund schon kaputt gemacht hat! Ich kannte einen, der war vorher wirklich in Ordnung, und dann kam er zum Bund. Jetzt hat er überhaupt keine eigene Meinung mehr; wenn wir mit unserem Motorrad-Club zusammensitzen und überlegen, was wir machen sollen, sitzt er da und ihm ist alles egal. Ihn hat der Bund auf dem Gewissen!"

Mittwoch, den 29.11.1978
Der Wettlauf mit der Zeit, die übrig bleibt, macht alles kaputt. Das Lachen klingt nach Aggression, die Friedfertigkeit ist nur oberflächlich. Michael zersticht seine eben erst angefertigte Zeichnung mit einer Schere.

Donnerstag, den 30.11.1978
Beinahe heimtückisch schleicht sich die Weihnachtszeit heran, und ich kann mich kaum noch halten vor Sehnsucht; ich muß heulen. Immer mehr zieht es mich jetzt wieder aus dieser Grotte heraus. Alle unsere Versuche, durch das Verschönern der Stube und das Erkaufen von altgewohntem Luxus letztendlich ein Stück von zu Hause hierhin zu verpflanzen, führten uns doch nur immer wieder vor Augen, wo wir hier sind.

Freitag, den 01.12.1978
Bei meinem kurzen Einkaufsspaziergang zum einzigen nächsten Geschäft (3 Kilometer entfernt) fiel mir auf, daß die Menschen hier lauter und rücksichtsloser sprechen als woanders. In der Tat wohnen hier ja größtenteils die ranghöheren Soldaten mit ihren Familien. Selbst die Kinder scheinen beim Spiel Autorität einzuüben, und eine Mutter prügelte ihr etwa einjähriges Kind wie ich es schon lange nicht mehr gesehen hatte. - Was ist das für eine Erziehung?!

02.11.1978
"Wenn ich deine Tageszahl hätte, würde ich mich erschießen!", sagt man hier manchmal zum Scherz; was ist das für eine Wirklichkeit, die solche Scherze hervorbringt?

Meine 'Stubenkameraden' scheinen kein anderes Ziel zu haben, als den Stubenwettbewerb' zu gewinnen; jedenfalls setzen sie alle Kraft daran, diesen Raum anzustreichen, auszuschmücken und zu reinigen. Es ist wie im Leben: man klammert sich an eine Nichtigkeit, ein kleines Ziel, für das man sich ganz hingibt und was, sollte es einmal erreicht sein oder uninteressant werden, durch ein anderes ebenso 'wichtiges' Ziel abgelöst wird.

Schmerzen an den Füßen erinnern mich unausweichlich daran, daß alle Erwartungen und Freuden beschränkt sind, daß das Leben eine winzige Episode ist im Verhältnis zu dem, was uns unsere Illusionen vorspielen.

Montag, den 04.12.1978
Die Zeit hier wird immer länger und erdrückender. Ich bin fast sicher, 1979 nicht mehr Soldat zu sein. Wie, das ist noch offen.
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