Samstag, den 27.10.1979
In meiner Erinnerung klingt noch betäubende Frage von Markus: "Was machst Du eigentlich immer, wenn Du hier bist?" Jetzt frage ich mich plötzlich selber: Was mache ich heute?
Die Zeit, meine Wünsche, meine Ängste - ein tobendes Wirbelspiel, ein unendlich schwer zu durchbrechender Ring!
Sonntag, den 28.10.1979
Nein! Ich will nicht dem folgenschweren Fehler verfallen, mir von der Bequemlichkeit der Allgemeinheit irgend welche Schwierigkeiten aufschwatzen zu lassen! Noch sehe ich meinen Studienerfolg auch ohne übermäßige Anstrengung nicht gefährdet! Das war letzten Endes auch meine Dummheit beim Bund, die mich in tödliche Trübsal vor Übungen, Wochenenddiensten und Unannehmlichkeiten aller Art versetzte! Einzig und allein angemessen ist die Überlegenheit, die aus der Distanz zu all diesen Dingen schlechthin erwächst.
Dienstag, den 30.10.1979
Sigrid war wieder da; sie kam diesmal nicht mit dem Auto, sondern mit der Straßenbahn! Brachte Unmengen von Weintrauben und Mandarinen mit, erzählte von der Renovierung ihres Zimmers, von kleinen Studienerfolgen, von Erfolgsaussichten, von Ungerechtigkeiten. Es kam mir vor, als sei sie alleine, hoffnungslos alleine. Kein Wort von Gerhard! Die Zeit hetzt unaufhörlich weiter. Schon vorbei, für Sigrid und für mich? Bleibt nur noch ein häßliches freudloses "Weitermachen", bis es nicht mehr geht? Gerade jetzt im Winter, wo Frost und Dunkelheit über allem liegen, wo jeder Schritt eine größere Standfestigkeit und eine größere Hoffnung verlangt?
Mittwoch, den 31.10.1979
Um 8 Uhr schwimmen gewesen; zwischen den bildschönen Körpern Jugendlicher armselig dahergeschwommen; dennoch macht es Spaß, die Lebenden zu beobachten und zum Teil unter ihnen zu sein.
"Man freut sich ja doch auf Weihnachten!", war das Ergebnis des Gesprächs gestern mit Sigrid. Alles, was es einmal an großartigen Zukunftsplänen und Idealvorstellungen gegeben hatte, hat sich an den Felsen rücksichtsloser Wahrheitsfindung und bestechender Erfahrungen zerschlagen. Es ist, als ob wir nun die Augen vor solchen Dingen verschlössen und wie im Traum den früheren Wünschen aus der Kindheit nachhingen. Es ist seltsam, man kommt immer wieder zurück auf die Kindheit, auf die Tatsache, daß letztendlich die Kinder es sind, die zu leben wissen.
Donnerstag, den 01.11.1979
Wie an einen vergessenen Schatz dachte ich heute ans Geld, daran, daß man sich doch noch einiges kaufen könnte, und insgeheim schienen sich alle Probleme mit großen Kaufprojekten lösen zu lassen; dann die schnelle Ernüchterung: "Was, was sollte ich denn kaufen?" Was also! Neue Kleidung, Radiogerät, Filmprojektor, Möbel, neues Fahrrad, neue Tasche, neu, neu, neu ...
Freitag, den 02.11.1979
Auf einer Lyrikveranstaltung mit Walter Helmut Fritz; seine Gedichte sind gezeichnet von Enttäuschungen, vom Verlust von Hoffnungen, von Kapitulation und nochmals Kapitulation; zwischendurch einige sozialkritisch gefärbte, jedoch in ihrer Art harmlos gebliebene Werke. Dann eine 'Diskussion' mit den Zuhörern. Nun kamen sie zu Wort, nun hörte man ihnen zu und sie waren wichtig: die verschüchterten kleinäugigen Rückzugsgesichter; die studierten, verbissenen Wissensanwälte, die Kenner, die Literaturkonsumenten, die sich hinter ihrem Bart verbarrikadierenden nervösen Flüsterstimmchen und die erfolgshungrigen fehlgeleiteten Anfängerdichter. Jeder auf seine Weise ein Gescheiterter, ein Zurückgelassener. Alle diese bilden eine Welt für sich, sie machen das Literaturgeschehen aus. Dort hineinzuwollen, um dazuzugehören, bedeutet: alles beim Alten zu belassen, bedeutet das Scheitern für jede Veränderungsabsicht!
Es drängt mich nach einer "Lösung", nach einem Plan, der zum Ziel führt; Alkohol, Drogen, Suggestion oder sonst etwas. Oder so etwas wie eine Kontaktanzeige ...
Samstag, den 03.11.1979
Josef, einen früheren Mitschüler, getroffen; ein bißchen erzählt, ein bißchen über den Bund gewettert. Das tat gut. Dann jemanden aus einer Klasse unter mir getroffen; der ist nun beim Bund, tut sich dort auch ziemlich schwer, obwohl er einen weitaus lebhafteren Charakter hat als ich. Er versucht's mit Beschwerdebriefen, will auf diese Weise wenigstens einen besseren Stand erhalten (ist zur Zeit Wachsoldat!). Am Schluß wünschte er mir noch ein schönes Physikstudium. Den verschwiegenen Sarkasmus dieser Bemerkung verstand ich sehr wohl.
Sonntag, den 04.11.1979
Seit langem wieder bei unserer "Clique" gewesen, im Königsforst Volleyball bespielt, anschließend Apfelkuchen mit Sahne gegessen. Jeder hat seine Erscheinung ausgebaut, einzementiert. So konnte es nur noch zu einem armseligen Theater kommen, der alte müde einfallslose Klamauk. Stefan, Bernd und Marion ulken, Dagmar moralisiert oder ist beleidigt, Sigrid und Marita schweigen. Nichts Neues, nein, alles ist älter als je zuvor.
Montag, den 05.11.1979
Ein neuer Morgen. Das Leben beginnt wieder: Universität, die alten Bekannten, die alten Kämpfe aufs Neue, frühstücken, abwaschen, einkaufen; kein Platz für Fragen - bis zum Abend ...
"Was ist das denn? So was ist mir noch nicht vorgekommen!" Und die Dame, wohlgesittet und -genährt, mußte erst ihren Mitarbeiter fragen, ob eine solche Anzeige überhaupt zulässig sei. Nun gut, das ganze war um vieles peinlicher, als ich es mir vorgestellt hatte (genau genommen hatte ich mir überhaupt nichts vorgestellt), doch wenn ich das vorher gewußt hätte, wäre die Anzeige ganz bestimmt nicht zustandegekommen ...
Donnerstag, den 08.11.1979
Klaus war seit Tagen nicht mehr bei den Vorlesungen gewesen; ich sagte Markus, daß mich das beunruhige; Markus rief ihn an; Klaus hat das Studium aufgegeben; er habe seine Gründe. Wenn ich bedenke, was er alles vorhatte, wie lange er sich schon auf sein Studium gefreut hatte, beim Bund mit dicken mathematischen Büchern, mit Formeln und Sätzen im Kopf, von denen ich nie gehört hatte. "Wenn ich erst mal hier raus bin und studiere, weiß ich, wozu ich da bin!" Plötzlich, von heute auf morgen: "Ich habe meine Gründe." ...
Freitag, den 09.11.1979
Bei Mathias Schreibers Dichterlesung gewesen; ein Handwerker, ein Leistungssportler auf diesem Gebiet; alles andere als ein Dichter, vielmehr ein erfolgsbedürftiger Schrift-Ersteller.
Mittwoch, den 28.11.1979
Bodo war da; bin sogar rot geworden, als ich ihn die Treppe zu meinem Zimmer runterkommen sah; er hat gar nicht erst sein Studium begonnen; reist einfach durch Deutschland; genießt seine Freiheit, wie er sagt; sieht aus wie neu geboren; lacht noch strahlender als vorher; redet von der Welt mit erfrischender Begeisterung; redet von alten Freunden und Bekannten, die wir "beim Bund" kennengelernt habe, von Menschen, die ich längst vergessen habe. Er hat sie einfach besucht.
"Was hast Du mir leidgetan, aber jetzt hast Du ja gottseidank alles überstanden!" - Sigrid gestern am Telefon. Leidtun wollte ich ihnen schon - und bei Sigrid ist es mir also gelungen; aber es war ein widersprüchliches Spiel: auf der einen Seite flehte ich hundertfach versteckt um Zärtlichkeit, auf der anderen Seite kämpfte ich verbissen um meine Freiheit von ihnen allen; geblieben ist die Einsamkeit ...
Freitag, den 18.01.1980
Damals, die ersten Heimfahrten vom Bund; bittere Tränen und ein eiserner Kampf um mein Leben; um all das, was mir noch gehörte! Jede Träne war ein Zeichen dafür, wie stark der Wunsch war, weiterzuleben; hinterhergeweint habe ich all dem, was man mir zu nehmen drohte! Anfangs war ich noch wach, fuhr an den Wochenenden nach Mühlheim, kaufte "Die Zeit", die "FAZ" und Bücher; ließ mich mit leidenschaftlichen Träumen in der Mühlheimer Geschäftsstraße treiben; ich wußte, daß jetzt all meine Kraft nötig sein würde, um mein Leben zu retten! Doch so sehr ich mich gewehrt hatte - die Kraft reichte nicht, oder ich hatte sie falsch eingesetzt, oder meine verbissenen Hungerkuren hatten mir meine Kräfte einfach geraubt ...
Sonntag, den 20.01.1980
Plötzlich tauchte bei mir der Gedanke auf, daß es einen Augenblick geben wird, wo ich mich (wie alle) ins letzte Unwetter stürzen werde und der Tod nicht einmal mehr eine Zigarette abwarten wird ...
Mittwoch, den 23.01.1980
Auf der Bahn stand "Ostheim". In diese Bahn wäre ich am liebsten eingestiegen, um alles hinter mir zu lassen, um 'nach Hause' zu fahren und wieder Leben zu sehen. Doch es ist nicht Ostheim, es ist die Vergangenheit, wonach ich mich sehne ...
Samstag, den 26.01.1980
War gestern abend bei einer Autorenlesung von Dieter Lattmann gewesen. Obwohl er Politiker ist, hat er mich ziemlich beeindruckt, vielleicht gerade weil er als Politiker nicht die unumstößliche Wahrheit unseres Denkens übersieht; er spricht vom Sinn, den er sich durch soziale Aktivitäten zu erwerben suchte, vom Tod, vom Leben mit dem Tod, gegen den Tod, vom Leben durch den Tod. Bezeichnend ist dann aber wieder, daß er inzwischen nicht mehr als Kandidat seiner Partei (SPD) aufgestellt wird!
Hab' Reinhard Mey im Fernsehen gesehen; er sang "Ich will nach Haus', ich hab genug" auf Holländisch. Nein, er sang es nicht, er klagte erbärmlich, er flehte, er weinte! Schlecht sah er aus, eingefallen im Gesicht, harte Züge, tiefe Kerben unter den Augen. Das war etwas für heute, was mir das Grausen beibrachte. Er, mein letztes Vorbild, hat es nicht vermocht, mit der Wahrheit im Bewußtsein glücklich zu werden; es hat ihn auf die Knie gezwungen.
Absurd, daß ich nun, als weiß Gott freier Mensch, hier hocke wie zu Bundeswehrzeiten und nur Gefängnismauern um mich vermute und untätig bleibe vor lauter Resignation. Als gäbe es nicht genug Außergewöhnliches, Ausbrecherisches zu tun, um all diese eingeklemmten Todesrhythmen ins rechte Licht zu rücken! Hält mich diese so sauber vergessene lichtlose Zeit immer noch in ihrem Bann?!
Fehler gemacht. Jetzt wage ich mich daran zu erinnern und sehe es ein! Ich hätte verweigern sollen vor einem Jahr! Ich hätte mich auf diese Weise am Leben halten können und wäre jetzt nicht eine solche konsumsüchtige Leiche!
Freitag, den 01.02.1980
Wie soll das nur gutgehen! Schon jetzt, vor der Vorlesung, schleppe ich Sinn- und Aussichtslosigkeit mit mir herum.
Sonntag, den 03.02.1980
Bundeswehr. Die Erinnerung an Stunden, Tage und Wochen voller Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, doch auch voller Lebenswille! So kommt es, daß ich Sonntag abends oft daran denke, zum Bahnhof zu fahren und ihnen zu helfen, aber natürlich kann ich so nichts ausrichten, und ich denke dabei sicherlich zuallererst daran, mir selbst Sinn und Rechtfertigung zu geben ...
Mittwoch, den 06.02.1980
Bodo kam mich heute besuchen, sieht noch besser aus als je zuvor; er arbeitet jetzt bei der deutschen Welle, hat wenig dabei zu tun, viel Freiheit, und lebt - und es ist eine wahre Freude, ihn so leben zu sehen! So hat er es denn auch vermocht, meine schlechte Laune ins Gegenteil zu kehren, und ich wüßte tatsächlich nur sehr, sehr wenige Menschen auf dieser Welt, denen dies hätte gelingen können! Wir haben uns prima unterhalten, gut verstanden; er las in meinen Aufzeichnungen, die herumlagen, was mir zwar unangenehm war, aber es befreite mich auch! Wahrscheinlich ist das das Geheimnis von Freundschaft, Vertrauen und Freiheit, daß man den Mut hat, in den anderen, in sein intimstes Leben, auch gegen dessen Widerstand einzudringen.
Freitag, den 08.02.1980
Literaturveranstaltung mit Dieter Lodemann. Ich bereute jede Sekunde, die ich bei seiner verklumpten mißlungenen Wortakrobatik saß. Großes zu sagen hatte er ohnehin nicht, prahlte lediglich von seinem vielbereisten Amerika, das er nicht einmal seiner Begeisterung entsprechend beschreiben konnte! Die Zuschauer teilten sich auf in die, die für jede Andeutung von Ironie schon im Voraus lachten und sich auch die restliche Zeit in stillem Vergnügen kräuselten und die, die vor Erwartung nicht um einen Zoll von ihrer ernsthaften Miene abwichen. Ich ging vorzeitig, aus reiner Langeweile ...
Montag, den 11.02.1980
Meine Algebra Klausur, für die ich mehr getan habe, als ich mir je verzeihen könnte, ist ausgesprochen schlecht ausgefallen! Eigentlich ist das ein deutlicher Wink, mit dem Studium aufzuhören!
Wenn jetzt die Männer von Kriminalamt hier einbrechen würden und meine Leiche rettungslos im eigenen Blut vertrocknen sähen, gingen sie auf meine Tagebücher zu, würden ein paar Zeilen lesen und dann trocken nicken: Hier, hier und hier! Dort steht es! Ein Wahnsinniger, nicht mehr zu retten; so hätte es ohnehin früher oder später kommen müssen! Jede Zeile ein Grund, jedes Wort eine Rechtfertigung mehr, mit der sie mühelos über meine Leiche würden balancieren können. Ja, ja. Leben will gelernt sein, mit all den Unannehmlichkeiten, die so mancher heutzutage nicht wahrhaben will ...
Dienstag, den 12.02.1980
Seltsam, das Blättern in meinen Bundeswehraufzeichnungen stimmt mich fröhlich.
Mittwoch, den 13.02.1980
Sperre ich mich ein, bin ich eingesperrt? Ich rühre mich nicht, als könnte ich es nicht! Ich schweige, als hätte ich nie gelernt zu reden! Ich lache nicht, als ob es mir schlecht ginge! Ich kann ein Buch zur Hand nehmen, darin lesen, doch ich nehme nicht ein Wort auf! Bei jedem Schritt spüre ich Widerstand, und so setze ich meinen Fuß wieder zurück. Als ob ich ausweglos eingesperrt wäre ...
Sonntag, den 17.02.1980
Oliver schrieb mir, er sei sehr traurig, seine Freundin habe ihn verlassen. Er schrieb nur ein paar knappe Sätze. Ich werde ihm sofort zurückschreiben, doch helfen kann ich ihm wohl nicht ...
Wie tief steckt doch in mir der Wunsch, weiterzumachen. Doch da ist nicht EIN Vorschlag, nicht eine Idee, WIE! Dann sage ich mir: Ich bin seelisch krank, ich werde eine Therapie machen, ich werde mich heilen lassen ...
Samstag, den 23.02.1980
Der ziemlich junge Schriftsteller Jürgen Fuchs, aus der DDR nach West-Berlin übergesiedelt, ehemals Angehöriger der Armee, las in "Literatur aktuell" aus seinen Aufzeichnungen. Ähnliche Erlebnisse, wie ich sie beim Bund erlebt habe; ähnliche Verharmlosung dessen, was war, aus der Erinnerung eben. Dann eine recht lebhafte Diskussion über die "Funktion des Schriftstellers" mit dem einzigen glaubhaften Ergebnis, daß der Anspruch des Schriftstellers, zu verändern, weit zu hoch gegriffen ist und daß die meisten nicht einmal die Möglichkeiten ausnutzen, die ihnen gegeben sind.
Bei Dagmar war es richtig lustig; wir sprachen bunt durchs Leben, lachten, fanden auch den Humor über uns selbst, oder Bernd (der auch da war) führte uns zu diesem Humor hin ...
Montag, den 25.02.1980
In der Straßenbahn begegneten mir einige Bundeswehrsoldaten auf dem Weg zurück zur Kaserne. Ihren anklagenden Blicken vermochte ich nichts entgegenzusetzen, und ihre Anklage wog doppelt, da ich von ihren Verhältnissen weiß, mehr weiß als die meisten anderen, und doch keinen Finger rühre!
Freitag, den 29.02.1980
Lars Gustafsson ist typischer Berufsschriftsteller! Gleichgültig, was für seelische Nöte sein Schreiben beeinflussen - er braucht sich darüber keine Rechenschaft abzulegen, denn Schreiben ist ja sein (von allen anerkannter) Beruf. Natürlich erspart er sich dadurch viele Zweifel und Sorgen, doch gleichzeitig zementiert er damit seinen Zustand (vorläufig) ein und raubt sich zunächst einmal die Chance, sein Leben anders, besser, glücklicher zu gestalten. Über dies ist er auch nicht gezwungen, sein Schriftstellerdasein gesellschaftlich zu rechtfertigen und über mögliche Pflichten nachzudenken, seine Stellung ist ja 'gemacht' ...
Dienstag, den 04.03.1980
Beim Bund habe ich den Augenblick des allergrößten Lebenswillens, diese Stunden der ausweglosen Verzweiflung nicht genutzt, habe mich damals nicht aus dem Wehrdienst katapultiert, habe dieses (so seltene) Angebot des Lebens ignoriert.
Mittwoch, den 05.03.1980
Bei einer Lesung junger Autoren gewesen. Einer schreibt fast nur vom Essen und vom Biertrinken (er war bezeichnenderweise bei der Bundeswehr gewesen). Die anderen drei schreiben von der Liebe.
Donnerstag, den 13.05.1980
Geträumt: Meine Uhr hatte, wie ich plötzlich entdeckte, eine ganze Reihe mehr Anzeigen als vermutet. Sie gab zum Beispiel eine Übersicht über deutsche Schriftsteller und ihre Werke ...
Samstag, den 05.04.1980
Ein Buch über die Bundeswehr? Oliver hatte mir das gestern vorgeschlagen. Doch wie soll ich die Zeit zu einer solchen schriftstellerischen Arbeit finden bei diesem Studium?
Mittwoch, den 16.04.1980
Wie gestern saß ich auch heute in der Vorlesung, ohne ein Wort zu verstehen.
Freitag, den 25.04.1980
Bin am Ende! Daß ich das Studium nur 'halb' betreibe, macht sich natürlich bemerkbar; ein 'Mißerfolg' löst den anderen ab! Doch ich könnte mich jetzt nicht ins Zeug werfen wie all die anderen. Heulen, ja das könnte ich. Unentwegt mit dem Kopf schütteln. Das Leben, das ja längst jeden Tiefsinn verloren hat, enthält mir jede Freude vor.
Montag, den 28.04.1980
Immer noch die Befürchtung, ich könne mir irgendeine 'Karriere' vermasseln; dementsprechend träumte ich diese Nacht, es gebe irgend eine Entscheidung zu treffen, doch da ist nichts, was Raum für eine Entscheidung ließe!
Sonntag, den 04.05.1980
Hans, ein Student im fortgeschrittenen Semester, bezeichnete mir gegenüber sein eigenes Studium als eine Fehlentscheidung und sprach mir Mut zu, die Physik nicht so ernst zu nehmen, wie er das getan habe.
Dienstag, den 06.05.1980
In den Vorlesungen sitze ich bloß noch als Fremder, in Gedanken meist der Interessensvereinnahmung durch das Studium trotzend, dennoch nicht minder als vorher den Druck von Hausaufgaben im Nacken.
Mittwoch, den 07.05.1980
Werner, einem Studienfreund, klagte ich heute über die Bundeswehr; seine Antwort: "Du hast es doch jetzt hinter Dir! Sieh zu, daß Du die Zeit vergißt!" Aber in welche Richtung soll ich "zusehen"?
Samstag, den 10.05.1980
"Der Bernd weint immer, wenn er vom Bund kommt. Er will dann nicht wieder zurück.", habe Marion, Bernds Freundin, gesagt. Bernd, der Nachbarsjunge, ein Jahr jünger als ich, und "frech wie Dreck", wie meine Mutter immer sagte. Ich habe später am Abend die Strecke von Ostheim bis Zollstock zu Fuß zurückgelegt, um zu irgend welchen Ergebnissen zu kommen. Meine Gedanken pendelten zwischen Kindheits- und Wehrdiensterinnerungen - beides hatte sich ähnlich gründlich in meinem Unterbewußtsein vergraben, und mir scheint, daß das eine sehr viel mit dem anderen zu tun hat!
Dienstag, den 20.05.1980
Ich bin kein Physiker und werde nie einer sein, genausowenig wie ich nie Soldat geworden bin!
Mittwoch, den 21.05.1980
Alle Gefühle verlorengegangen; die Menschen nicht mehr gesehen; in ihren Gesichtern nichts mehr entziffern können, aus dem Leben abgeglitten ins Mechanische. Ich muß die Physik aufhören, ganz klar!
Als ich den Arzt bat, mich zu einem Psychotherapeuten zu überweisen, fragte er zunächst: "Wieso?". Ob ich Probleme hätte. Was ich studiere. Physik, das sei doch eine Wissenschaft! Probleme müsse man immer selbst lösen, man könne von außen nur Anstöße bekommen. Das einzige, was in seiner Hand liege, sei eine Überweisung zu einem Nervenarzt, der dann alles weitere entscheiden müsse.
Sonntag, den 25.05.1980
Eine Art von Wahn hatte mich schon während des ganzen Tages begleitet. Hatte das Gefühl, mich nicht mehr halten zu können, den Straßenverkehr, die Schaufensterdekorationen, die Blicke von Passanten oder das Kreisen der Pedale nicht mehr ertragen zu können und auf der Stelle zusammenbrechen zu müssen.
Mittwoch, den 28.05.1980
Gestern früh ins Bett gegangen, denkbar schlecht geschlafen, unangenehm geträumt. Das einzige, woran ich mich erinnern kann ist, daß Bernd, der jetzt beim Bund ist, im Traum immer wieder auftauchte und in mir Selbstvorwürfe hervorrief.
Sonntag, den 01.06.1980
Schwimmen gewesen mit meinem Bruder. Ein wirklich wohltuendes Erlebnis nach dieser verschwitzten, so gut wie schlaflosen Nacht, in der ich mich von einem Vorwurf zum anderen wälzte; anschließend Flohmarktbesuch; war schön.
Mittwoch, den 04.06.1980
Bei der Nervenärztin gewesen; sie kommt mir vor wie eine strenge Autorität, die mich für all meine Fehler mit bösen Blicken strafen will. Alles liege an meiner Situation. Initiative müsse ich ergreifen - Studentengemeinde, gemeinsames Musizieren, Biertrinken - sie sei davon überzeugt, daß ich nicht krank sei ...
Dienstag, den 10.06.1980
Eine halbe Flasche Apfelkorn, zwei halbherzige Schnitte an den Handgelenken - und eine Entscheidung war gefallen ...