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Teil 1: DESILLUSIONIERUNG



Dieses Dokument enthält Auszüge der Tagebuchaufzeichnungen von Gregor X. (Name geändert) aus der Zeit seines Wehrdienstes vom August 1978 bis zum Oktober 1979. Sie wurden in seiner Wohnung gefunden und umfassen gut 400 lose Blätter (A4), von Hand geschrieben, zuzüglich Aufzeichnungen, die er in Büchern festhielt.

Da das komplette 'Werk' zahlreiche inhaltliche Wiederholungen enthält, wurde hier eine Auswahl getroffen, die möglichst alle nötigen Informationen enthält, um sich ein Bild von den Vorgängen und dem psychischen Zustand des Betreffenden zu machen.

Folgende kurze Information zur Ausgangssituation: Nach bestandenem Abitur plante Gregor X. offenbar ein Physikstudium, was auch sein favorisiertes Fach in der Schule gewesen war. Über den bevorstehenden Wehrdienst hatte er sich nie geäußert und es gab auch keine aktenkundigen Anstrengungen zu einer eventuellen Kriegsdienstverweigerung. Herr X. wurde planmäßig am 16.08.1978 eingezogen, wo er zunächst die Grundausbildung absolvierte. Die ausgewählten Texte beginnen 2 Wochen vor Wehrdienstbeginn ...


Donnerstag, den 03.08.1978
Habe einen Schulfreund mit Dauerwelle - und mit Freundin getroffen. Er will eine akademische Laufbahn einschlagen. Ich schlage zunächst die militärische ein ...

Freitag, den 04.08.1978
Geträumt: Sven (auch ein guter Schulfreund) brauchte nicht zum Bund, weil er schlechte Augen hatte. Ich war sehr enttäuscht. In den letzten Tagen scheint mein Gehirn jedoch genau das Richtige zu tun: Alles, was die Bundeswehr angeht, wird mit einer Denkhemmung belegt. Der Wehrdienst ist eine dichte, unbestimmbare Nebelwolke vor meinen Augen, nichts Konkretes, nichts Greifbares und weit weg.

Montag, den 07.08.1978
In die Stadt gefahren, die Fahrkarte für die Bundeswehr eingelöst, die restlichen Sachen gekauft, beim Friseur angemeldet.

Samstag, den 12.08.1978
Meine Hände begannen tatsächlich zu zittern, oder besser: sie vibrierten immer unkontrollierter, je näher der Zeitpunkt kam, an dem ich dem Friseur sagen mußte: "Bundeswehrhaarschnitt".

In der Straßenbahn hatte sich ein verwahrloster, alkoholisierter älterer Mann neben mich gesetzt und mir sein Elend geklagt: die Frau war ihm weggelaufen. Während andere sich voller Abscheu abwandten, ließ ich es mir gefallen - und war zufrieden mit mir. Als er dann ausstieg und einsam in der Menschenmenge stand, mir nachsah, als die Bahn weiterfuhr, tat er mir leid. War er nicht genauso Mensch wie wir alle? Eigentlich taten mir in diesem Augenblick alle Menschen leid.

Ich fing noch das eine oder andere Gespräch auf; eine vorlaute, ältere Frau ließ ihrem Mann nicht ausreden, wiederholte aber sinngemäß immer genau das, was er zuvor gesagt hatte. Plötzlich erschien mir alles, was mit Worten ausgedrückt wird, so trügerisch und unerheblich, so heuchlerisch. Die Sprache ist doch eigentlich ein ganz ungeeignetes Kommunikationsmittel. Sie braucht eigene komplizierte Regeln, um überhaupt etwas aussagen zu können.

Samstag, den 13.08.1978
Wenn Stefan von der Bundeswehr berichtet, werde ich natürlich hellhörig; es beruhigt mich daß der Wehrdienst in seinen Schilderungen nach und nach an Strenge und Härte verliert und wie ein Spiel erscheint .

Dienstag, den 15.08.1978
Johannes (Gitarrist unserer Band) hat angerufen. Patrick (unser Schlagzeuger) wollte, daß wir wieder mit unserer Band proben. Daraus wird leider nichts, ab morgen bin ich nicht mehr hier ...

Nach dem Besuch bei Sigrid hatte ich auf dem Nachhauseweg meine Jacke verloren, bin also wieder zurückgefahren mit dem Fahrrad. Man hatte die Jacke aufgehoben und an einem Pfosten an den Wegrand gelegt. Plötzlich war ich dankbar, nicht nur gegenüber dem ehrlichen Finder, sondern gegenüber jedem, der mir entgegenkam. Der Duft der abgemähten Felder durchdrang mich, ich glaubte endlich seit langem wieder das 'Leben' zu spüren. Ich hatte keine Wünsche mehr, nur noch Hoffnungen, und war fast glücklich. Irgend etwas hatte mich zuvor immer gehindert. Ich hatte immer etwas verlangt, vom Leben, von meinen Mitmenschen, hatte gerechnet und kalkuliert - und nun wollte ich nichts mehr.

Mittwoch, den 16.08.1978
Fahrt zur Kaserne; unruhige Atmosphäre im Zug; dann die 'Einweisung'; keine Zeit für Aufzeichnungen.

Donnerstag, den 17.08.1978
'Volleinkleidung'; erste ärztliche Untersuchung. Nichts aufgezeichnet.

Freitag, den 18.08.1978
Unterricht; Übungen; Drill; zum Essen gehen in Reih' und Glied - Erinnerungen an den Kindergarten.

Samstag, den 19.08.1978
Was für ein endloser, gnadenloser Alptraum! Soldaten rennen auf Kommando wie wild auf ihre vorbestimmte Stelle, richten' sich brav aus und liegen den Vorgesetzten förmlich zu Füßen. Keine Frage, kein Zweifel, kein eigener Gedanke. Die meisten haben Angst, doch keiner weiß wovor. Die Selbstverständlichkeit von Drill und Gehorsam macht mich rasend.

Jetzt bleibt mir nichts mehr übrig, als still in mich hineinzuheulen; ich 'brülle' auf meine Art, auf der Heimfahrt bei lauter Musik, wenn der Dienst vorbei ist und die Gedanken kommen; Musik, die mich an vergangene Zeiten erinnert. Das Spiel ist sinnlos und dreckig, ein Sumpf, in dem man fast zwangsläufig erstickt. Hier zu Hause blicke ich mich um, sehe alleingelassene Räume, Scherben, die es sich kaum wieder zusammenzusetzen lohnt - als sei eine Atombombe gefallen. Ich traue mich nicht, auch nur ein Teil zu berühren, meine Schritte steigen vorsichtig über alles hinweg; ein Museum ohne jeden Wert.

Dienstag, den 22.08.1978
"Kompanie aaaaaufstehen!" Die Stimme, die einen erbarmungslos aus den Betten zwingt, ohne daß man sie wirklich wahrnimmt, leitete wieder den Alptraum der Ausweglosigkeit ein, der letzten Samstag abgebrochen worden war. Ich ärgere mich inzwischen nur noch über Kleinigkeiten. Freunde gibt es hier keine, hier gibt es nur 'Kameraden', Angstgesichter, sie sich ständig gegenseitig in den Nacken boxen, um den Befehlen schnell genug folgen zu können, um die Besten zu werden und auf keinen Fall einen 'Anschiß' zu riskieren.

Dienstag, den 22.08.1978
Bodo ist der einzige in unserer 'Stube', mit dem ich mich auf Anhieb verstanden habe; wir sind uns vor allen Dingen in unserer Kritik gegenüber dem Militär einig. Nach der letzten Unterrichtsstunde war er sichtlich deprimiert, weil es um lautloses Töten gegangen war. Er meint, er könne fast heulen über so etwas; - daß es solche Menschen noch gebe. Er fragt sich, ob er noch verweigern solle?!

Daß ich einfach nicht brüllen kann, wird mir hier zum Verhängnis; der Unteroffizier zeigte sich ungehalten über meine zu leise Meldung. Wer nicht brüllt, existiert hier nicht.

Auch Sündenböcke gibt es hier: Einer der Soldaten bietet sich geradezu an, als Witzfigur mißbraucht zu werden; etwas linkisch und hilflos wirkend, wird er ständig das Opfer bösartigen Spotts. "Hat auch Panzergrenadier xxx das endlich begriffen?" tönt der Ausbilder - und die Meute grölt lauthals. Für so was sind sich auch die Unteroffiziere nicht zu schade; solche 'Scherze' gönnen sie sich alle.

Heute abend hatten wir 'Stubendienst' mit anschließender Meldung, und wie immer hatte ich Herzklopfen und einen roten Kopf, das altbekannte Leiden also.

Freitag, den 25.08.1978
Bald ist Wochenende!!! In dieser Erwartung läßt sich der heutige Tag ertragen, doch schon gestern und vorgestern spürte man das kommende Wochenende. Das Befehl- und-Gehorsam-Getriebe wird strammer, doch man hat sich daran gewöhnt und tut, was verlangt wird, denkt kaum noch darüber nach.

Eigentlich haben wir die ganze Woche körperlich nichts geleistet, auch beim Sport nicht, doch dieses formale System, das ständige Melden, das von uns verlangt wird, das Bereitsein und Vor-den-Stuben-Antreten usw. macht einen müde und lethargisch. Die Stimmung auf unserem Zimmer war schon am Montag etwas gespannt und hat sich bis heute derart gesteigert, daß Bodo und Klas sich schlugen.

Geschossen haben wir. Aus den Zielscheiben wurde der Feind, wurden "Pappkameraden". Man denkt nicht an Menschen, an fließendes Blut, sich vor Schmerz überschlagende Schreie, weinende Frauen und Kinder.

Wenn sich die Gruppenführer genügend Respekt verschafft haben, sämtliche Rekruten der Kompanie in Reih' und Glied aufzustellen, kommt auch schon der Herr Oberleutnant, erlaubt nach langem Zeremoniell großzügig ein "Rührt Euch!", verleiht Orden und gibt gutgemeinte Ratschläge, während er sich in der Menge der auf ihn gerichteten Blicke badet.

Die Heimfahrten haben immer dieselbe Stimmung. Die aggressive und eindringlich laute Musik aus dem Auto-Casetten-Recorder erschlägt alles, was gewesen ist. Waldzungen schieben sich in- und auseinander, während wir die Autobahn mühselig in Richtung Heimat heraufkriechen. Die Erwartung der Heimat läßt so manches erleichterte, wenn auch erschöpfte Lächeln entstehen; kein Unglück ist schon Glück!

Samstag, den 26.08.1978
Die 'Hölle' pausiert zwar am Wochenende, doch in diese Lücke tritt dann geballte Trostlosigkeit. Zeitung lesen, Zeitung, Zeit, tung, lesen, lesen, le ... Ein riesiges, verdammtes Nichts. Zuhause eine Unordnung, Bahnhofsvorplatz statt Familienleben. Allein unter vielen. Schreibversuche fallen düster aus, beschriebenes Pech, so schwarz. Weder die Gitarre noch der Kuchen, die Suppe, die Kekse, nichts holt mich da raus. Innerlich töte ich mich, in der Stunde gleich mehrmals! Mit Sprengstoff, dann mit Messer, Strick, Sturz aus dem Fenster, wieder Sprengstoff; mein Leben erscheint mir wie ein Schrotthaufen.

Sonntag, den 27.08.1978
Das trübe Regenwetter zeichnet eine hoffnungslose Stimmung. Ich taste mich vorsichtig zum Bahnsteig, von wo ich fortgerissen werde für eine Woche, in der Hoffnung, mich anschließend wieder aufrichten zu können.

Dienstag, den 29.08.1978
Geländetag, eine große Schweinerei (der Regen); das Schlimmste war die lange Zeit draußen, dieser nie enden wollende Ekel, diese erbarmungslose Trostlosigkeit. Jeder klammert sich an den Feierabend.

29.08.1978
Was mich sehr verwundert hat: In der Kantine wurde nach Dienstschluß lauthals gesungen: "Wir scheißen auf die Bundeswehr". Niemand schritt ein, niemand wurde zur Rechenschaft gezogen. Vielleicht lag es an der überwältigenden Stimmung, die unter der Soldaten herrschte und so etwas wie Macht ausstrahlte. Sind das die Momente, von denen ehemalige Soldaten immer schwärmen?

Ständig das Gefühl, außerhalb zu sein! Keine Nachrichten, keine Literatur, kein Studium. Wie kann denn daraus ein Schriftsteller hervorgehen? Lebe ich zeitweise nicht allein deswegen noch, weil ich schreiben will? Läßt mir überdies mein Körper, der aus bloßer Überlebensangst nach jeder Befriedigung ruft, überhaupt noch Kraft, Zeit und Lust dazu? Wo führt das alles hin?

Mittwoch, den 30.08.1978
Sport gehabt; Androhungen der Ausbilder und Vorgesetzten wegen angeblich schlechter Moral.

Donnerstag, den 31.08.1978
Zweiter Geländetag, noch viel länger als der erste, nämlich 14,5 Stunden langer Ekel und Abscheu, zwar weniger Gefechtsübungen ('Stellung', 'Auf', ...), dafür aber ewig langes Verharren in Erdschächten ("Kampfstände").

Freitag, den 01.09.1978
Ich bin also wieder da (zu Hause), halte mich von meinem eigenen Körper fern, der mich anekelt. Wieder dieses melancholische Verlangen nach 'Liebe'! Und wieder drängt es mich in eine ganz bestimmte Richtung ...

Samstag, den 02.09.1978
Langsam beginne ich mich auf dieser Wochenendinsel in die Wirklichkeit hineinzufinden. Einzelne Wortfetzen, Kommandoreste des Leutnants, bringen mich plötzlich in Wut. Was ist mit einem solchen Menschen geschehen, daß er die Zwangsverpflichteten so bedingungslos vergewaltigt? Laute Drohungen sind da nicht das einzige Mittel zur Durchsetzung pedantischer Forderungen: Mit einem kleinen Lob nur gelingt es, sich die verhungernden Seelen gefügig zu machen. Inzwischen ziehen die Vorgesetzten nur noch ein wenig an den Fäden, und die Rekruten ohrfeigen sich selbst - wie Marionetten; und wenn es sein muß mit einem fröhlichen Gesicht.

Kaum stecken meine Beine in den Jeans, dann bin ich auch wieder Mensch, getraue mich, vernünftig zu reden und zu denken und, vor allen Dingen, keine Angst zu haben. Ich führe nun also ein Doppelleben; einerseits Gehorsam, Angst, Unfreiwilligkeit und Abhängigkeit, andererseits Vernunft, Gedanken, Gefühle und Lebensziele. Dem Mensch steht der Soldat gegenüber, der sich nicht entschuldigt und nicht bedankt. Der Soldat ist kalt und hart - wie man auch zu ihm kalt und hart ist. Er ist ein gefügiger nützlicher Roboter.

Montag, den 04.09.1978
Während wir den ganzen Tag Schießübungen machen, wobei die meiste Zeit mit Warten vergeht, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Kälte; man fiebert dem Feierabend und der Tasse Kaffee entgegen.

"Wenn wir durch die Öffentlichkeit marschieren, müssen wir ein gutes Bild hinterlassen! Das, was Ihr Euch heute geleistet habt, ist alles andere als das!" Unser zukünftiger Zugführer ist ein Mann der starken Sprüche, ein machtwilliger Scheinmächtiger.

Wir sollten heute noch einmal einzeln den 'Gruß' vorführen: Klas war dabei (wie bei allem) sehr verbissen, als gehe es um Leben und Tod; sein Gesichtsausdruck mit den tiefen Kerben um den Mund und auf der Stirn verrieten die Nähe zur Verzweiflung. Manchmal sind wir heilfroh, daß wir Udo auf unserer Stube haben: "Das macht uns alles nur noch härter, Jungens!" - Udo hat beinahe immer gute Laune, verbreitet sie vor allen Dingen und hält uns wohl alle über Wasser damit. Er ist immer zu Humor aufgelegt; macht kleine Witze, die uns noch im rechten Augenblick zum Lachen bringen. "Das Leben muß was bringen, da muß abends das Bierchen und die Frau her, das Leben muß Spaß machen!"

Da gibt es noch den Feierabend, auch wenn er noch so kurz ist, und da spielt dann der Casetten-Recorder "Layla" und der Lichtstrahl zieht hell und blau, dunkelblau, dicht an mir vorüber; und ich blicke ihm nach. Das Blut tropft schmerzhaft aus der schon so oft offen gewesenen Wunde und fließt heraus, aus dem Fenster, nahe an der Sonne vorbei, wo es mich hinzieht. Endlich! Am Wochenende?


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