Mittwoch, den 06.09.1978
Wir haben also einen neuen Zugführer bekommen. Mein erster Eindruck bestätigt sich: ein blödes Schwein, schnauzt jeden für alles an, 'Disziplin',' Gehorsam', ...
Post bekommen von Oliver (ein Schulfreund), mit dem mich bisher nicht besonders viel verbunden hat. Im Brief war auch eine 'Einlage' von Sven; riesige Freude darüber. Oliver meint, daß er zum ersten Mal solche Schilderungen gehört habe. Sven will sich nachmustern lassen und, falls er nicht durchkommt, verweigern. Mir fiel wieder der Traum ein, in dem Sven nicht zum Bund brauchte, weil er einen Augenfehler hatte. Damals war ich erschrocken, fühlte mich alleingelassen. Heute dasselbe. Ob ich nicht doch noch verweigern könne, fragt Oliver. Das wäre tatsächlich eine Möglichkeit, diesem Laden zu entkommen, denn ich befürchte immer mehr die bleibenden Auswirkungen wie Stumpfsinn, Entmutigung, ...
Donnerstag, den 07.09.1978
War gestern noch ganz kaputt; hatte nicht nur keine Lust, sondern war auch vollkommen deprimiert; ich hätte wirklich heulen können. Beigetragen haben dazu wohl einige Anschisse unseres Gruppenführers wegen Schuhputz, verspätetem Antreten, usw. Ich war schon entschlossen, um jeden Preis noch zu verweigern; werde mich aber auf jeden Fall noch erkundigen. So ist das nun einmal; spätestens hier gehen die "großen Gedanken" verloren. Spätestens hier bist Du von Deinem vernachlässigten Körper so eingenommen, daß Du zu keiner ernsthaften geistigen Tätigkeit mehr in der Lage bist. Die gleiche Wirkung haben hier das Nichtstun und das ständige endlose Warten. Letzten Endes denkst Du nur daran, wie Du selbst da am besten herauskommst.
Vor allen Dingen wegen der ganzen 'Anscheißerei' war ich heute sauer. Nachdem wir dann die 'Hindernisbahn' gelaufen sind, die Zeit unmittelbar nach dem ersten Verschnaufen, die Erholungspause, fühlte ich mich aber nicht nur viel besser, sondern war auch frei von jeder Wut; einer der wenigen angenehmen Augenblicke, die ich bisher hier kennengelernt habe.
Gestern Nachtschießen, das heißt: Marsch zum Schießstand (jedesmal ein Drama), warten, warten, warten; einige sportliche Übungen mit dem Gewehr; warten, warten, warten (einige Stunden im Stehen); dann 5 Schuß, das war alles. Natürlich mit Stahlhelm und kleinem Kampfgepäck. Unser neuer Zugführer spielt sich dabei besonders autoritär auf; sadistisch verbissenes Gesicht, eine ordinäre Sprache und typisch breitbeiniger Stand. Wir könnten ihm glauben, daß das, was er tue, wirklich das Richtige und für den Dienst Erforderliche sei. Abiturienten und Schüler seien wahrscheinlich durch ihr reichhaltiges Wissen überfordert, so daß ihr Gehirn das nicht mehr alles verarbeiten könne und verrückt spiele. Ich fühlte mich irgendwie angesprochen ...
Stuben- und Spindkontrolle. Der neue Zugführer hat gleich gemeckert, gebrüllt, getobt, zusammengeschissen, um dann befriedigt wieder zu gehen ... "Sie haben eine Hose an, da geht mir glatt die Hose auf!", schnauzt er mich tiefsinnig an beim 'Stubendurchgang'. Irgendwie hasse ich diese Schweinsmiene! Und trotzdem erwische ich mich wieder, wie ich mich emsig bemühe, es allen recht zu machen; wie ich - gegen meine Überzeugung - zittere vor den Vorgesetzten, wenn es mir nicht gelingt, mich zusammenzureißen.
Vielleicht sollte ich auch dankbar sein für diese Erfahrung hier. Was denkt man sich schon dabei, wenn man im Fernsehen vietnamesische Soldaten unter Gewehrfeuer im Gelände kriechen sieht? Was ahnt man wirklich von dem, was die Menschen dort, als Soldaten maskiert, durchmachen?
Freitag, den 09.09.1978
Im Nebenabteil sitzen einige Soldaten bei lauter Musik, man riecht den Alkohol bis ins eigene Abteil und überhört kaum das laute Gegröle. Sobald jemand vom Bahnhof her fragend in die Zugfenster sieht, rufen sie unüberhörbar: "Zwanzig, zwanzig!" Dann lachen und brüllen sie wieder, man vernimmt jetzt auch Glasscherben-Klirren. Sie feiern schon die Entlassung in die Freiheit, ins Glück und in die Ewigkeit; sie feiern einen Irrtum! Als gäbe es je einen Ausweg aus dieser Mühle.
Freitags abends sieht man die ersten Wochenendpärchen, wie sie einander anblicken, streicheln und vertrauensvoll zureden. Ich möchte immer gleich beide umarmen und noch näher zusammenbringen. Doch was mache ich bloß mit mir selber?
Samstag, den 10.09.1978
Wieder das alte melancholische Gefühl, den Morgen versäumt zu haben, der letzte Kaffeegeruch aus der Thermosflasche. Brotkrümel und mit Butter verschmierte Messer zeugen davon, daß hier heute morgen jemand gegessen haben muß - vor langer Zeit. Trotzdem raffe ich mich auf, um mich über die Reste herzumachen.
Nun stehe ich wieder einmal hoch über allem und möchte nicht glauben, daß ich am Sonntag Abend wieder mitten drin sein werde: Entsetzen packt mich über diese kleine Spielwelt mit kleinen Stahlhelm-Figuren, die ich einfach umwerfen möchte. Dann wieder bin ich verwundert über diese alte Welt hier zu Hause, in der ich einst gelebt und mich wohlgefühlt hatte. Dazwischen liegt die Schlucht, an deren Abgrund ich stehe und wanke. Hier zu Hause versuche ich, das alles festzuhalten, was früher einmal gewesen ist und wieder sein könnte. Aber ich sehe immer nur, was ich versäume, was andere für mich erleben. Flucht gibt es nicht mehr, weil die Welt zu klein und zu organisiert ist; deshalb denke ich an die 'außerirdische' Lösung; sie drängt sich mir auf, und es gibt beinahe nichts mehr, was sich dem entgegensetzen könnte. Nichts.
Abends bei Sigrid; Stefan und Dagmar kamen auch. Diesmal hatte jeder ein Leid zu klagen: Sigrid, weil sie keine Beschäftigung hat, Stefan, wegen der Bundeswehr, Dagmar, weil ihre neue Arbeitsstelle so arbeitsintensiv und beanspruchend ist. Ich klagte auch. Keiner erhörte den anderen ernsthaft; trotzdem ging man befriedigt wieder auseinander. Die Sorgen provisorisch übertuscht, sah die 'schlimme' Welt nun viel bunter aus; man konnte sich beruhigt schlafen legen, um unter den jetzt erträglich-unerträglichen Umständen wieder zu erwachen.
Samstag, den 16.09.1978
Wenn auch die Grundausbildung immer anstrengender wird, so wird sie doch auch immer eintöniger; es gibt immer weniger darüber zu berichten. "Zum Glück ist die Grundausbildung bald vorbei!" - Dies und nichts anderes denkt ein jeder von uns.
Samstag, den 17.09.1978
Jetzt sitze ich hier in meinem düsteren Zimmer, denke gar nicht daran, irgend etwas zu tun; mich bei Sigrid zu melden würde bedeuten, meine Freiheit an diesem Wochenende aufzugeben. Ich kann mich zu nichts entschließen. Wie kann es sein, daß mir die Chance, selbst zu entscheiden, plötzlich solche Probleme bereitet? Wie erklärt sich diese neuartige Hilflosigkeit, die in ein Chaos zu münden droht? Ich weiche davor zurück, scheue die Verantwortung dafür, weil in den letzten Wochen immer nur die anderen verantwortlich waren. Der Befehl, auf den Tod gehaßt und verhöhnt, war nun schon zu meinem Beherrscher geworden, und ich hatte mich ihm blind ergeben. Und was ist mit der Liebe? Da kommt doch niemand und befiehlt mir den Mut dazu.
Es scheint sich jetzt alles einzuspielen: Am Wochenende der Jammer und zum Trost der Magen voller Süßigkeiten, am Montag wieder die gute Laune, als Polster, damit ich bis zum Freitag durchhalten kann. Müdigkeit und der Entschluß, schlafen zu gehen, hindern mich daran, zu heulen oder um Freiheit zu ringen. Das Notwendige wird sich alles im Traum erledigen - erledigen müssen.
Mittwoch, den 13.09.1978
Am Montag beim Arzt gewesen wegen sich unaufhaltsam vermehrender Knötchen an den Füßen; er meint, es sei kein Fußpilz, wie mein Hausarzt behauptet hatte, sondern so etwas wie Warzen. Da er das Mittel dafür nicht habe, solle ich ein anderes Mal wiederkommen. Gestern ins Gelände; ich ging nicht zum Arzt, weil ich Angst vor Konsequenzen wegen versäumter Ausbildung hatte. Im Gelände war es zwar nicht übermäßig anstrengend, aber kalt, naß, dreckig und - langweilig. Kaum etwas zehrt so sehr an der Substanz, wie sinnlos im allerdreckigsten Schlamm bei Regen und Kälte zu hocken. Man denkt an zu Hause oder zumindest irgend einen trockenen Ort ... Heute ging ich wieder zum Arzt, wurde behandelt und soll täglich wiederkommen. Verspüre insgeheim eine Genugtuung, weil doch morgen wieder Geländetag ist.
Donnerstag, den 14.09.1978
Wieder beim Arzt gewesen; er will, wenn das neue Mittel nicht hilft, die 'Warzen' herausschneiden. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken daran. Jetzt hocke ich hier alleine auf dem Zimmer und warte, bis ich ins Gelände herausgefahren werde. Alles in mir wehrt sich gegen diesen schleimig-kalten Dreck. Immer wieder rette ich mich in einen Traum, in die Illusion, das hier sei alles nicht wirklich. Wo ist der Hebel, durch dessen Betätigen ich alle hier erlösen könnte? Klas sagte gestern abend: "Wenn mir die Frau auch noch wegläuft, mache ich Schluß." Wir sind inzwischen zwangsweise so vertraut geworden, daß solche kühnen Worte möglich sind. Jeder von uns hat, wenn auch in gespielter Ironie, schon so geredet.
Nun sitzen wir hier, schieben die Uhrzeiger mit den Augen vorwärts, warten auf den Feierabend, das Wochenende und Gott-weiß-was; ich kaue beständig an Fingernägeln - und an meiner Zukunft ...
Montag, den 18.09.1978
Der erste Werktag außerhalb der Kaserne; der erste normale (Montag-) Morgen in alter Umgebung: Es liegt noch immer der alt bekannte Geruch in den präzisen Sonnenstrahlen und im wehenden Septemberwind: das alte, das Vergangene ist noch gegenwärtig. Als wäre ich noch einer von ihnen, so stolziere ich zwischen den mir so vertrauten Menschenmassen, deren Anonymität mich wohltuend umgibt. Wie tausend unbekannte Händler, die mir höflich ihre Waren anpreisen, berührt mich die so oft verhöhnte Werbung. Dabei bin ich doch frei; ich darf, ich kann; ich muß nicht und ich brauche nicht. Wo sonst könnte man so frei atmen als in den Fußgängerzonen der großen Städte?!
Meine Füße sind inzwischen reichlich verunstaltet; was immer es ist, es erschreckt mich! Von vier Ärzten bisher ist es niemandem gelungen, eine Besserung herbeizuführen. Es muß etwas geschehen! Ich werde so lange zum Sanitätsbereich laufen, bis die Herren wissen, was sie gegen diese Krankheit tun können!
Diesmal gehe ich selbstsicherer zurück zur Kaserne, als ich es vorher immer tat; diesmal bin ich fest entschlossen, über all das hinwegzugehen, was ich anfangs glaubte besiegt zu haben. Ich werde mich von den Vorgesetzten mit ihren Machtansprüchen nicht fertigmachen lassen!
Donnerstag, den 21.09.1978
Heute ließ mich der Zugführer aus dem San-Bereich wieder abholen, bevor ich überhaupt zum Arzt gerufen werden konnte. Ich wußte zuerst gar nicht, wie ich das deuten sollte, dachte doch ernsthaft, ich sollte wegen der Operation ins Krankenhaus gebracht werden, aber es ging ins Gelände. Keine Frage, ich hätte ihn erschlagen können - den Zugführer. Mit Wut im Bauch 'rödelte' ich auf, trotz Schmerzen an den Füßen. Vor allen Dingen aber hatte ich Angst, daß irgend etwas verschleppt werden könnte und sich die Krankheit verschlimmerte. Nach wie vor gab es keine eindeutige Diagnose: Hautpilz, Warzen, Krebs - ich befürchtete natürlich das Schlimmste.
Im Gelände war dann 'Besichtigung', durchgeführt von einem hageren, sportlich anmutenden Major. Er ließ es sich nicht nehmen, die Leistungen einzelner Gruppen und Züge hervorzuheben. Die obligatorische Lobeshymne auf die Bundeswehr, die üblichen Autoritätsbekundungen - und ein weiterer Scheißtag in Dreck und Kälte war vorüber.
Freitag, den 22.09.1978
Zum San-Bereich wegen Schmerzen an den Füßen; der Arzt behandelte nur die Blasen vom Marsch; die alte Krankheit fand plötzlich keine Beachtung mehr; er diagnostizierte diesmal: Hühneraugen. Sein Assistent versicherte mir aber später, daß es eigentlich Fußpilz sei.
Wegen das Arztbesuchs konnte ich also nicht am großen feierlichen Gelöbnis teilnehmen; ich mußte es daher später mit noch einigen anderen Kranken nachholen. Dabei passierte mir ein 'Mißgeschick': Ich hatte beim großen Dienstanzug meine Stiefelgummis in aller Eile vergessen, fummelte also noch schnell an den viel zu breiten Hosenbeinen herum, als der Oberleutnant hereinkam und jemand "Achtung!" rief, was soviel bedeutet wie "Nichts geht mehr!". Da stand ich nun still in verhunztem Anzug, mit zerzaustem Haar und schiefer Krawatte, und sprach gemeinsam mit den anderen die vorgebeteten Treueworte. Meine Zugabe war ein roter Kopf und verschwitzte Hände ... Als der Oberleutnant näherkam, um jedem die Hand zu drücken, sah er mich an, als hätte ich gerade jemanden ermordet.
Samstag, den 23.09.1978
Der Tag verging mit lauter Notwendigkeiten. Auch bei Sigrid war ich, meine 'Ohrfeige' (weil ich mich nicht gemeldet hatte) wieder einlösen und meine allwöchentliche Pflicht erfüllen, die offensichtlich nur in meiner Anwesenheit besteht. Dagmar war da, Stefan hatte Dienst, wir redeten unbefangen miteinander, doch wir flüsterten uns nach wie vor über riesige Distanzen hinweg zu; Sigrid schwieg, lachte, alberte, kreischte, schwieg, während wir anderen um Mut kämpften. Wieder einmal engt mich all das Bekannte und Vertraute ein; ich möchte am liebsten mit riesigen Schritten fliehen, alles Alte hinter mir lassen und die Freiheit des Neuen genießen.
Dienstag, den 26.09.1978
Die 'Offenbarung', den Brief an Sigrid, zweimal angesetzt, dann aber nicht den Mut gehabt, ihn abzuschicken. An diese Stelle ist eine dieser stahlglatten moosweichen Gruß-Ansichtskarten getreten, also nichts als eine Lebensbestätigung. Alles andere muß mündlich geschehen, das ist zumindestens meine neueste Weisheit.
Ein Soldat feierte heute seinen Geburtstag; es war viel los, heitere Atmosphäre, gelöstes Lachen, Erleichterung: ein bißchen Leben. Sollte also alles gar nicht so schlimm sein? Doch die Freude wurde bei vielen zu zwanghaftem Verlangen. Bier, Zigaretten, aufgeplusterte Gesichter, versteinertes Lachen. Auch ich selbst wurde durch das alles wieder ein wenig losgebunden von meinen Vernunfts-Stricken. Es regte sich wieder der sehnsüchtige Wunsch etwas ganz anderem: Liebe!
Mittwoch, den 27.09.1978
Den ganzen Tag Waffenreinigen und Unterricht. Abends die 'Zugfeier'. Neun Tische, hufeisenförmig aufgestellt und mit Bettlaken als Tischdecken bedeckt, sollten als Ablage für 20 Steaks, 10 Kisten Bier und zahlreiche Knabbereien dienen. Der Ablauf war weitgehend festgelegt: Der Zugführer bemühte sich, durch Kommandos das Geschehen in die erwünschten Bahnen zu lenken und jegliches Abweichen davon zu unterbinden. Es gelang! Brüllen, fälschlicherweise für Stimmung gehalten, erfolgte auf Pfeifton; den Gacks, so billig sie waren, mußte sich jeder unterordnen; der dazu erforderliche Alkoholrausch mußte auf dem schnellsten Wege herbeigeführt werden ...
Bodo fragte mich soeben, ob ich nun dabei sei, die Eindrücke niederzuschreiben. Er weiß wohl längst, daß ich keine Briefe schreibe, sondern Tagebuchaufzeichnungen. Dann sind wir gewaltsam unterbrochen worden und zurückgeholt worden zum Orte des Geschehens, also in die triefende Scheiße aus Bier und Erbrochenem. Der Abend war aber bald vorbei, es war spät, fast alle waren besoffen. Dieser Abend hat nun die letzte Runde der Grundausbildung eingeläutet. Von Melancholie ist bei mir nichts zu spüren, lediglich Verärgerung über diese und jene Kleinigkeit. Die große Wut über das Ganze spüre ich nicht mehr, sie ist irgendwo gut verstaut.
Donnerstag, den 28.09.1978
Ich lese "Schnipsel" von Kurt Tucholski. "Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben." Wenn ich das lese, möchte ich am liebsten tausendmal nicken, um zu sagen: ja, genau das ist es, genau das und sonst nichts! Und dann sehe ich mich um ... Ich frage mich schon, warum dieser Allwissende und alles Wagende sich das Leben genommen hat. Warum muß der Sehende verzweifeln an dem, was er erkennt? So scheint es nun einmal zu sein, diese komplizierte Verzwickung, die sich Leben nennt, dieses atemlos rasche Entstehen und Sterben, diese unbegreifliche Hetze, die uns den letzten Tropfen Blut kostet - der uns allein zu diesem Zweck geblieben ist ...
Durch heftiges und verzweifeltes 'Stuben- und Revierreinigen' wurde diese Grundausbildung endgültig abgeschlossen; keine Feier- oder Förmlichkeiten mehr; Abrücken ins Ungewisse, um das Hoffnung und Angst miteinander ringen. Aus den Kameraden wurden wieder - wie zu Beginn - Leidensgenossen; oder waren sie es noch geblieben?
Samstag, 30.09.1978
Habe mich davor drücken können, zu Sigrid zu gehen (sie wollte unbedingt, daß ich komme).
Sonntag, den 01.10.1978
Ich hatte mich bei der Fernuniversität Hagen als Gasthörer im Studienfach Elektrotechnik eingeschrieben; jetzt sind mir die ersten Unterlagen zugeschickt worden und ich habe begonnen, mich auf ein intensives Studium der Materialien einzurichten. Nun liegt es an mir, den 'Verrückten' spielend und das obendrein wissend, die Zeit möglichst ohne Verluste und ohne Verzweiflung zu überstehen. Ich muß mich selbst ständig beflügeln, mir Illusionen erschaffen, die, weil ich sie längst durchschaut habe, nur noch Heuchelei sein können. Schon wage ich es kaum, mit Wäschesack und Aktentasche gleichzeitig in die Kaserne zu gehen.
Montag, den 02.10.1978
Jetzt bin ich also in meiner neuen Einheit. Ich solle gefälligst einen Bierkasten spenden - oder ob ich auf dem Flur schlafen wolle?! Ohne Alkohol lasse sich der Bund nicht ertragen, schon gar nicht in dieser Einheit. Dann fingen sie an, sich hemmungslos zu besaufen, sangen stupide Lieder, grölten, lachten. Einen Leidensgenossen, dem sie - genau wie mir - den Oberarm blau geschlagen hatten (offenbar ein Begrüßungsritual) nahm ich mir vor. Man konnte mit ihm reden. Wir legten uns gegenseitig unsere Situation dar, bekundeten den dringlichen Wunsch, diese Hölle zu verlassen, und empörten uns über die militärische Kleingeistigkeit.
Dienstag, den 03.10.1978
Die Wachausbildung dauerte nicht - wie angekündigt - bis 22.00 Uhr, sondern nur (Gott sei Dank!) bis fünf. Im Unterricht hatte ich sogar einen 2-seitigen Brief an Oliver schreiben können. Die Ausbildung war wie immer: draußen in der Kälte, Langeweile, unbeschreibliches Unbehagen; aber daran habe ich mich gewöhnt. Aus dem erhofften 'gemütlichen Dienst in der Stammeinheit' ist ja nun nichts geworden. Heute morgen hatte ich seit langem wieder das Gefühl, in einen bösen Traum hinein zu erwachen und konnte nicht glauben, daß das alles wahr sein sollte. Und trotzdem ging der ganze Mist wieder von vorne los ...
Michael, auch auf unserer Stube, ebenfalls aus Köln, ist mitten aus seinem Studium geholt worden; er schreibt auch gerne Briefe und ist mir sympathisch. Nur eins stört mich an ihm: er ist so verdammt lethargisch; alles ist ihm egal, nichts ist schlimm, nichts ist außergewöhnlich gut. Kann man so leben?
Er (ich kann ein gewisses Gefühl der Sympathie für ihn nicht leugnen) hat soeben das Feld geräumt; vielleicht, weil ich begonnen habe, das hier zu schreiben und damit das Gespräch beendet habe. Wem könnte ich auch von dem erzählen, was ich denke? Hier würde jede geringfügige Offenheit zum Todesurteil.
Beim Durchlesen physikalischer Formeln bekomme ich noch ein wenig Herzklopfen; Melancholie beim Gedanken an einmal Gekonntes und Gewußtes; es überkommt mich die Einsicht, daß alles letzten Endes aufhört, daß sich nichts lohnt. So! Nun haben meine Träume das alles wieder auszubaden.