Mittwoch, den 04.10.1978
Am Montag Abend war hier im Zimmer ordentlich Radau gewesen; Alkohol, Gegröle, billige Witze. Jetzt fällt mir auch wieder ein, daß eine ganze Reihe anwesender Soldaten homosexuelle Kontakte imitierten, natürlich stark überzeichnet und vom Alkoholrausch legitimiert. Wer wollte auch schon offen zugeben, was er sich - wenigstens als Notlösung - hier wünscht, was er aber nicht haben kann?! Natürlich habe ich mich da herausgehalten.
Im Unterricht gestern dachte ich an Bodo, an Udo und alle anderen ehemaligen 'Stubengenossen' aus der Ausbildungskompanie. Es waren zwar sehr unangenehme und nicht selten verwünschte, aber dennoch sehr lange und intensive sechs Wochen. Es ist ein Ärgernis, daß man die Dinge erst zu schätzen weiß, wenn sie ein für allemal vorbei sind. So plötzlich, wie unsere Freundschaft begonnen hatte, ist sie auch wieder untergegangen. Gegen was habe ich dieses Gefühl des Zusammenhalts und der Gemeinsamkeit, diese selten gekannte Vertrautheit eingetauscht? Hier finde ich bloß ein erbarmungsloses Chaos!
In der 'Nato-Pause', zwischen Himmel und Hölle hin- und hergezerrt, schlage ich eine bereits zwei Tage alte Zeitung auf und sehe das Bild einer Menschenmenge, die sich um eine überfüllte Straßenbahn schaart; und ich denke an eine Tasse Kaffee und ein Honigbrötchen in einem warmen Zimmer; ja damals bei Oma ...
Da fragt doch wieder diese naive Stimme, die immer noch nicht aufgegeben hat, ob es nicht doch möglich wäre, das alles zu verlassen, nein: Sie stellt ein Ultimatum: Geh fort! Reise ins Ausland, verweigere noch oder stich dir ein Auge aus (das kann doch nicht so schlimm sein); aber bleibe nicht hier! Sei nicht dumm, anderen geht es besser, denke nicht an dein Gewissen, du hast ohnehin keines mehr!
Donnerstag, den 05.10.1978
In der Kantine redete man von jemandem, der für drei Tage 'schuldhaft von der Truppe ferngeblieben' ist. Man sagte, abhauen müsse man zuvor organisieren, z.B. ein Flugticket nach Südamerika kaufen, oder in einen anderen Staat, der nicht ausliefert. Dann dachte ich daran, daß ich eigentlich schon immer ins Ausland wollte, daß das Leben kurz genug ist, daß man sich beeilen müsse, alle Chancen wahrzunehmen, daß ich nichts zu verlieren habe und daß ich mir zur Not immer noch einen Strick kaufen könne. Das alles war ernsthaft gedacht und beinahe schon geplant.
Freitag, den 06.10.1978
Einen Brief von Bodo erhalten, er scheint einen guten Job in seiner neuen Einheit erwischt zu haben. In Gedanken habe ich ihm daraufhin bereits all meinen Kummer geklagt. Das Semester hat begonnen, und wenn ich an irgendeiner Universität vorbeifahre, möchte ich schreien, dorthin laufen und studieren; schließlich sind fast alle meine Bekannten an der Uni. Es ist ein belastendes Gefühl zu sehen, daß die meisten Freunde um den Wehrdienst herumgekommen sind.
Samstag, den 07.10.1978
Abends war ich zusammen mit Stefan und Sigrid bei Dagmar. Die ganze Zeit war ich grundlos wütend und spürte aufdringliche Stiche im Herz. Ich spürte die zurückgehaltenen Tränen ihr Unwesen treiben und meiner Vorstellung die Kapitulation vorschlagen. Jetzt wollte ich aufhören - hatte bloß keine Gelegenheit dazu. In Gedanken zehrte ich schon von den zukünftigen Tränen der Hinterbliebenen. Auch meine Fußkrankheit entmutigte mich.
Zugegeben, ich war etwas kalt zu Sigrid, doch ich fühlte mich verpflichtet, bei ihr keine Illusionen aufkommen zu lassen. Außerdem konnte ich ihr nicht die Wahrheit über meine 'Veranlagung' sagen. Nächsten Samstag soll sie zu einer Fete zu Gerhard kommen, der, wie Dagmar sagte, wirklich 'gut' sei. Ich werde auf keinen Fall kommen in der Hoffnung, daß sie jemand anderes als mich findet.
Dienstag, den 10.10.1978
Das Spiel geht weiter, es gelingt mir mehr und mehr, das alles zu ertragen, doch wenn ich darüber nachdenke, werde ich um so melancholischer. Habe das Gefühl, nicht mehr zu dieser Welt zu gehören. Wenn ich mich nicht immer den anderen 'Kameraden' gegenüber für mein Schreiben rechtfertigen müßte, hätte ich sicher mehr Mut und mehr Gelegenheit dazu. Wenn man nicht aufpaßt, zieht man sich zurück auf triviale Ebenen und kompensiert seine Sorgen durch Essen, Trinken, Sex und sonstiges - damit alles laufen kann und einen weiter ins Verderben treibt.
Werden die Bundeswehrsoldaten entlassen, sind sie richtige Männer: Entweder mit Bierbauch oder als Tyrann - oder als blinder Tölpel. Auf jeden Fall sind sie 'charakterstark', wissen, was sie wollen und was nicht. Menschwerdung wie sie im Schulbuch der ersten Klasse der Grundschule steht. Alle Türen geschlossen - nur zur Dachluke schaut noch Gott herein.
Donnerstag, den 12.10.1978
Der Tag ist bisher gnadenlos vergangen, aber es ist trotzdem 17.00 Uhr geworden, also wird es auch noch - genauso erbarmungslos - 22.00 Uhr werden, wir haben nämlich Nachtausbildung heute. Der Spieß erscheint mir mehr und mehr als ein Mensch, der es für gerechtfertigt hält, seine Wut an seinen Untergebenen auszulassen. Den dünnen Vorhang, den er vor alles hält, bezeichnet er mit 'soldatischer Disziplin'. Sein Gesichtsausdruck zeigt, wie ungesund seine 'Dienstmoral' ist. Ohne jeden Hintergedanken glaube ich: Wenn er so weitermacht, bekommt er Magengeschwüre.
Morgen will ich zum Sanitäter wegen meiner Füße; es ist kaum zu leugnen, daß ich daran wieder Hoffnung knüpfe, wenigstens für kurze Zeit von hier wegzukommen. Er muß einfach etwas unternehmen, und das kann unmöglich in einer Verabreichung von neuen Medikamenten bestehen. Es muß ... könnte ... ich hoffe! Die folgenden drei Wochen haben wir Übung; sie stehen vor mir wie ein riesiges schwarzes Loch. Verloren sind sie allemal und überstanden sind sie noch lange nicht.
Freitag, den 13.10.1978
Heute morgen war ich beim 'Sani'; er sagte, es seien Warzen und ich solle nächste Woche wiederkommen, um sie mir herauskratzen' zu lassen. Die Warzen haben auf 2:3 verkürzt, der Fußpilz liegt nur noch knapp vorne.
Diethelm, der neue aus der Fahrschule, ein blonder schmaler, hochgewachsener schöner Junge mit interessantem Gesichtsausdruck (ein wenig würdevoll) hat es mir angetan. Er hat ebenfalls Abitur, flucht auch ständig über diesen Job, den wir hier machen müssen und verzichtet genauso wie ich auf die hier üblichen Ersatzbefriedigungen. Mir scheint allerdings, daß ich ihm auf die Nerven gehe.
Wir waren zu dritt, Michael, Diethelm und ich. Michael sagte, er habe das letzte Mal seine geschmierten Butterbrote im Essensfach vergessen. "Ich auch", sagte Diethelm. "Ich wollte meinen Eltern den Aufschnitt mit nach Hause bringen und habe das dann hier liegen lassen." "Das stinkt doch!", versuchte ich mir Gehör zu verschaffen. "Ach nein. Außerdem rieche ich hier gar nichts mehr beim Bund. Hier stinkt alles - auch ich." Michael meinte dann zu Diethelm: "Aber Deine Freundin riecht das dann!". Diethelm senkte nachdenklich den Kopf und schwieg. Und schwieg! Ein Leidensgenosse? Jubel stieg in mir auf ...
Einer der Soldaten griff sich später an die Hose und sagte: "Ich spür schon, heut' geht es nach Hause!"
Die Autofahrt nach Köln dauerte über 5 Stunden, wegen eines Motordefektes an dem Wagen dessen, der mich mitgenommen hatte. Ich mußte erst in den Zug umsteigen. Zu allem Überfluß traf ich eine Schulfreundin, der ich selbstverständlich über meinen derzeitigen Verbleib Rechenschaft ablegen mußte, und die behauptete, ich sehe sportlich aus, was mir alles sehr unangenehm war, weil ich nicht wollte, daß mich jemand in diesem jämmerlichen Zustand erkennt.
Samstag, den 14.10.1978
Es ist Herbst, für mich der zwanzigste; doch diesmal vergeht diese Jahreszeit ohne mich; die Welt schafft es alleine. Ich bereite inzwischen mit den anderen Krieg vor und schieße auf Pappfeinde, in der Hoffnung, daß es nie wirkliche Feinde geben wird. Keine Jahreszeit, kein Klima und kein politisches Ereignis wird mich aus diesem Gefängnis befreien.
Heute Mittag erhielt ich einen Anruf von Bodo. Allein seine Stimme strahlt eine ungetrübte Lebendigkeit und Lebensfreude aus; und ich freute mich riesig, freute mich, begann überlegen zu lächeln und bekam dann bittere Wut. Das Gespräch war viel zu kurz gewesen, der Einblick in die Helligkeit eines anderen Lebens (Bodo macht zur Zeit Fahrschule). Es hatte nicht gereicht, mich anzuspornen. Ich ging danach wieder alleine in die Stadt, wollte endlich wieder Freiheit einatmen und frischen Wind zu Gesicht bekommen. Entschlossen 'Leben' zu finden, konnte ich mich nicht entschließen, ernsthaft danach zu suchen. Ich irrte umher, fragte die Passanten mit meinen Augen, starrte sie an, und konnte keinen Mut aufbringen.
Sonntag, den 15.10.1978
Unbehagen und Ekel verfolgten mich den ganzen Tag. Die Alpträume der Nacht, aussichtslos kämpfte ich mit dem Militär, bestimmten auch meine Laune während des Tages. Die Tatsache, daß ich unvorteilhaft aussehe und zudem feige bin, war nicht der einzige Grund, warum ich mich zu hassen begann. Auch die Fußkrankheit, die sich weiter ausgebreitet hat, spielte eine Rolle. Es ist, als klebte der Tod jetzt an meinen Füßen und als könnte ich ihn nur dadurch abschütteln, daß ich ihm zuvorkomme. Ich nehme mir wieder vor, dem Arzt gegenüber Entschlossenheit zu zeigen und mich nicht abermals abwimmeln zu lassen. Vielleicht würde es etwas nützen, wenn ich bei ihm zu heulen anfinge ...
Montag, den 16.10.1978 (auf Übung)
Die Zugfahrt hierhin hatte mich zum ersten Mal betrübt und melancholisch gemacht. Der Zug war fast ausschließlich mit Soldaten gefüllt. Es roch nach Alkohol und Erbrochenem, doch Stimmung war keine vorhanden. Das Leben fuhr an uns vorbei, während hinter vorbeihuschenden Fenstern die Studenten vor hohen Bücherstapeln saßen und sich vorwärts fraßen. Wie viel lieber wäre ich einer von ihnen, einer derer, die die Chance haben, etwas neues hervorzubringen. Vielleicht gelingt es mir ja, ähnlich wie Max Frisch, hier draußen im Gelände etwas zustande zu bringen ...
Dienstag, den 17.10.1978
Olivers letzter Brief war in auf-die-Schulter-klopfendem kameradschaftlichen Ton geschrieben und zeigte etwas mehr 'Intimes' als bisher. Er hat eine Wohnung für 240,- DM gefunden, beklagt sich über die nichtssagenden (und wahrscheinlich fremdwort-haltigen) Informations-Informationen - und: hat eine Freundin gefunden. Zu mir: Ich solle mir nichts vormachen, ich könne jederzeit hier heraus, wenn ich nur wolle; wie man mir im einzelnen helfen könne, wisse er allerdings nicht ...
Es ist mir fast unangenehm, ihm gegenüber das hilfesuchende klagende Kind gespielt und derartige Tröstungen herausgefordert zu haben, und ich weiß im Augenblick nicht, ob ich den Mut hätte, ihm unter die Augen zu treten. Freunde, das muß ich zugeben, habe ich wenige, und Oliver ist einer der Sterne am Horizont, die mich noch aufrechthalten. Mit ein paar Briefen, ein paar mitfühlenden und versöhnenden Worten, mit einem mit Tinte beschriebenen Blatt Papier.
Mittwoch ,den 18.10.1978
Heute morgen beim Arzt gewesen; der fragte mich zunächst, ob ich Wache hätte (in einem Tonfall, als ob er mich fragen wollte, wovor ich mich denn diesmal drücken wolle). Dann sagte er, ich sei doch einer von denen, die zur Übung nach Munster führen, da müsse man die Operation auf nachher verschieben. Eigentlich war genau DAS zu erwarten; trotzdem war ich wütend, nein mehr noch: ich hätte heulen können und mein Herz heulte bereits ungehemmt. Also wieder abgewiesen. Keine Frage, daß auch die bevorstehende Übung in Munster mir Probleme bereitete.
Die Erzählung von Leo N. Tolstoi "Der Tod des Iwan Iljitsch", die ich gerade lese, schildert genau mein 'Krebs-Erlebnis' (als ich glaubte, Krebs zu haben) - nur der Schluß war ein anderer. Da heißt es, das Leben sei trügerisch und nichtig, das Leben sei ein Nichts und am Schluß bleibt ein kleines Licht, das das Sterben beendet. Das kann und darf nicht alles sein! Was ich bisher erlebt habe, ist viel, viel mehr als nichts! Das Schöne hat es wirklich gegeben! Das Licht am Schluß mag versöhnend sein - der Grund zu leben ist es nicht. Der Boden, auf dem wir stehen, ist fester, oder besser: er kann fester sein, wenn wir nur das Unsrige dazu beitragen. Mag Tolstoi ein Genie gewesen sein - hier hat er seine Fähigkeiten in den falschen Dienst gestellt.
Donnerstag, den 19.10.1978
Jean Améri hat Selbstmord begangen; in seinen Schriften zuvor hat er dies bereits als mögliche Befreiungstat angedeutet. Das bestätigte meine Resignation, mit der ich bisweilen kämpfe. Die Frage ist, ob Améri ein besonders unglückliches Leben hatte, ob er also unter günstigeren Umständen weitergelebt hätte, oder ob der Selbstmord - früher oder später - die logische Konsequenz eines geistig alles erfassenden Menschen ist! Es sind nicht wenige, die sich das Leben genommen haben; nun kann man aber davon ausgehen, daß ein Großteil der Literaten aus einer seelischen Not heraus schreiben. Man kann nichts beweisen, man kann nur vermuten. Sollte es denn wirklich so schwer sein, das Leben so lange zu erhalten, bis es von alleine aufgibt? Sollte man nicht die Neugierde, auch wenn sie im Augenblick nicht erlebt wird, trotzdem verstandesmäßig bereit haben und wissen: da kommt noch etwas, wofür es sich lohnt zu leben, das war noch nicht alles?!
Freitag, den 20.10.1978
Im Zug von Bremen nach Köln traf ich Karl-Heinz, einen früheren Klassenkameraden, der jetzt erst 3 Wochen bei der Bundeswehr ist. Er sieht etwas abgemagert und ausgepumpt aus. Er habe sich nach einer kurzen Krise am Anfang an das Militär gewöhnt ("Anpassung muß sein. Wer sich nicht anpaßt, wird angepaßt!"). Er scheint den militärischen Vorschriften mit dem gleichen Eifer zu begegnen, mit dem er in der Schule seinen Pflichten nachgekommen war. Unser Gespräch wurde daher auch nur von dem einen Thema, dem Militär, bestimmt. Im Zug erlebten wir dann gemeinsam die Einfahrt in Köln; Entsetzen über die Großartigkeit dessen, was wir hatten verlassen müssen, und Bitterkeit über die uns noch bevorstehende Zeit berührten uns beide; als ob wir zusehen mußten, wie man eine Lanze in unseren Körper stach und langsam umdrehte.
Die betrunkenen 'Stammsoldaten' bestanden darauf, Gesicht, Füße oder auch das Glied eines jeden Neuen mit schwarzer Schuhcreme zu beschmieren. Auch ich entkam nicht, versuchte jedoch das 'äußerste' zu verhindern, indem ich mein Gesicht selbst mit Schuhcreme einrieb. Das wirkte; man setzte sich plötzlich dafür ein, daß ich in Ruhe gelassen wurde; mir wurde von da an eine ungestörte Nacht garantiert.
Freitag, den 27.10.1978 (auf Übung)
Der Tag war, obwohl er ohne größere Schwierigkeiten verlief, einer der unangenehmsten für mich. Heute morgen hat es gefroren und uns war es unbeschreiblich kalt; dann ging es zum Schießen mit Panzerfaust, eine ganz dreckige und widerwärtige Angelegenheit; aber das war noch nicht schlimm. Gestern beim Duschen war mir aufgefallen, daß meine Füße stark entstellt sind durch die alte Krankheit, und daß es sich weiter ausbreitet. Panik befällt mich.
Mit dem Stuhlgang funktioniert es nicht, was mich unter den gegebenen Umständen nicht wundert. Es ist kein WC vorhanden, sondern nur Sammel-Plumsklos für jeweils 3 Mann gleichzeitig. Das ist nichts für mich, da krieg ich nichts zustande. Nun quäle ich mich herum mit Magendrücken und allumfassendem Unwohlsein. Die Nacht verspricht, kalt zu werden. Ölgeruch im Zelt, die Magenschmerzen beginnen störend zu werden, ich habe das Gefühl, bald zu platzen. Ein Brief von Oliver hat mich für kurze Zeit alles vergessen lassen. Er wird immer vertraulicher, berichtet von seiner ehemaligen Freundin, an der er heute noch hängt. Er hatte mir umgehend geschrieben; ich schrieb sofort zurück. Wir scheinen das beide zur Zeit sehr nötig zu haben.
Montag, den 30.10.1978 (auf Übung)
Den Stahlhelm auf dem Kopf, den man nicht mehr spürt, die Windschutzbrille auf den Augen, steht man im Fahrzeug, bis zur Brust aus der Luke herausragend, und versucht, die Kälte bei 70 Stundenkilometern, die einem um die Ohren reißt, zu vergessen. Einige Augenblicke lang taucht Erinnerung auf. Wie war es noch in der Schule gewesen, als wir noch miteinander sprachen und die Freiheit wie selbstverständlich dazugehörte? Urlaub im Westerwald, die Wales-Fahrt mit der Schulklasse, Einzelzimmer, überstarker Kaffee, gemütliches Beisammensein, heimliche verträumte Liebeshoffnungen. Rhetorik-Seminar in Bonn, Spaß am Zuhören, politisch noch unzweideutige Vorstellungen, Freundschaftlichkeit. All das steht ohne Beziehung zum dem, was ich jetzt mache, zum Wehrdienst, dennoch taucht alles in festen Brocken wieder auf: die Durchfahrt durch Frankfurt-Hoechst mit dem Fahrrad und die Enttäuschung über einen verpatzten Urlaub.
Dienstag, den 31.10.1978 (auf Übung)
Nach 9 Tagen Biwak sind die Gefühle sehr schnell zu wecken: schon ein warmes Lagerfeuer und eine Tageszeitung verwandeln diese Pfütze hier in ein Paradies. Ein Stabsunteroffizier, einer von denen, die dazugehörten damals, 1965 bis 1975, erzählte, wie das war, früher; er konnte noch alle Gruppen und Musikstücke nennen, zeigte sich melancholisch. Essen und Rauchen, das sieht man ihm an, helfen ihm wohl, mit dem Älterwerden fertigzuwerden, oder: darüber hinwegzukommen - aber wohin? Draußen singen sie noch, beständig und unaufhaltsam kriechen sie demütig den ziellosen Zielen von Bundeswehroffizieren hinterher- dem Tod ohne es zu wissen entgegen. "Mensch, du regst mich auf! Immer wenn irgendwo getrunken wird, verziehst du dich!", sagte Klaus, mit dem mich eine Art von Haßliebe verband, weil er zwar vernünftig aber auch äußerst egozentrisch und wechselhaft war. Dabei wollte ich nur diese Aufzeichnungen machen. Es stört ihn, vielleicht bin ich sogar ein Konkurrent für ihn, und es dreht sich gar nicht mehr um mich.
Mittwoch, den 01.11.1978 (auf Übung)
Bisher haben wir nur Waffen gereinigt; dreckige Hände, von Öl verschmiert, Ekel beim Essen, doch Händewaschen würde frostige Finger und Seifenreste bedeuten - es wird schon alles vorübergehen; ich kann mich nun selbst kaum noch ausstehen. Habe mich vor der nächsten (und letzten) Übung drücken können und muß statt dessen diese Nacht Wache schieben - ob es die bessere Lösung ist? Ich habe da gewisse Zweifel ... Mein Darm regt sich wieder, ohne daß er jedoch etwas preisgeben will - ich habe das Nachsehen; aus diesem Grund ist es wohl gut, daß ich die Übung nicht mitfahre.
Inzwischen ist die Stimmung hier höchst gereizt; der Hauptmann liegt mit Lungenentzündung im Krankenhaus, der Oberleutnant ist vollends überfordert; die allgemeine Hektik war zu erwarten, da wir nun schon den 10. Tag hier in diesem Provisorium hausen ... Ganz leise und ruhig - und ohne jede Ungeduld, denke ich: "Nun ist's gut! Nun will ich nach Hause und es ein wenig schön haben." Das aber denke ich sehr bestimmt. Hier bei uns im Zelt herrscht Schweigen, weil wir wohl alle eingesehen haben, daß Gespräche nur noch zu Reibereien führen. Wir sind schon soweit, daß wir uns kaum zu bewegen trauen, damit wir unsere schmuddeligen, ekeligen Körper nicht spüren müssen.
Ich störe sie alle durch mein Schreiben, besonders Klaus, weil ich als Gesprächspartner ausfalle, weil ich Geheimnisse vorzuenthalten scheine, weil ich mir mehr vorzukommen scheine, weil ich sie dadurch nach außen hin ignoriere.
Mittwoch, den 08.11.1978
Der Brief, den ich von Oliver erhalten habe, hatte es in sich; ob ich denn nicht mehr verweigern wolle und die Macht der Gewohnheit schon zugeschlagen habe?! Er hat Recht, ich sollte es noch tun. In mir wühlt es, es kämpft und tobt; es verbraucht mich. Wenig, sehr wenig davon gelangt nach außen, aber in mir drin ist ein immer weiter wachsendes Trümmerfeld.
Montag, den 06.11.1978
Einer der Soldaten sagt, er freut sich darauf, gleich zu "schenken", was soviel bedeutet wie Nichtstun. Es ist beschämend, mit was für Zielen man sich hier zufriedengibt.
Dienstag, den 07.11.1978
Seit langem wieder eine Nacht ausreichend geschlafen, fühle ich mich schon viel wohler, zumal ich heute wieder im San-Bereich gewesen bin. Der Arzt - und das scheint mir fast das Wichtigste - hat mich diesmal ernstgenommen und mir ein Mittel verschrieben; wenn das nicht helfe, so solle ich nach einer Woche wiederkommen. Endlich geschieht etwas, endlich erlebe ich wieder diese alte Hoffnung, wie ich sie damals erlebte, als mir der Arzt zum ersten Mal sagte, daß das, was ich für Krebs gehalten hatte, eine besondere Art von Fußpilz sei.
Mittlerweile stellt sich bei mir Überdruß ein. Traurigkeit und Abscheu gegen diese öde Gegenwart, gegen die ewig roten Backsteinbauten mit den vom Regen verdunkelten Dächern, gegen all die lauten und selbstbewußten Phrasendrescher in olivgrüner Einheitskleidung! Nicht einmal die Vorteile der Natur können mich hier reizen; aus der Landschaft haben sie Gelände gemacht mit zu Matsch zerfahrenen Rasenflächen, mit unzähligen militärischen Stützpunkten überall verteilt, mit der von verbranntem Diesel verseuchten Luft ... Ich wage weder, mich richtig zu freuen, noch erlaube ich mir zu heulen. Weder schwarz noch weiß, nur grau in grau und eine nicht existierende Hoffnung ...