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Teil 2: KLÄGLICH VERSAGT



Dienstag, den 05.12.1978
Seit langem wieder Formalausbildung gehabt; die alte Abneigung stieg auf, der schlichte Haß auf sinnlose Schikane, auf alles Formale innerhalb des Militärs.

Meine 20. Adventszeit ist überhaupt keine - nichts ist zur Zeit. Meine Kopfschmerzen wollen nicht aufhören - ich lege das Schreibzeug weg, um zu schlafen.

Donnerstag, den 07.12.1978
Jeder, der einem hier begegnet, weiß nichts anderes zu berichten als seine Tageszahl, irgendeine aggressive Äußerung über den Spieß und eine dumme Bemerkung, die gar nichts aussagt, sondern höchstens in Erinnerung zurückruft, daß man halt bei der Bundeswehr ist ...

Freitag, den 08.12.1978
Die Heimreise heute war eine Bestätigung für meinen Entschluß, die Bundeswehr - wie auch immer - zu verlassen. Die eifrig zusammengestellten Auslagen der Geschäfte, dieses Geben und Nehmen in einem Großkaufhaus, Tausende von Menschen in den Einkaufsstraßen - all das packte mich, als hätte ich es zum ersten Mal gesehen. Dazu gehört die Tasse Kaffee im Stehen und johlende betrunkene Penner in der U-bahn-Haltestelle.

Samstag, den 09.12.1978
Bei meiner Ankunft sagte Oma heute, ob ich mich denn immer noch nicht an die Bundeswehr gewöhnt hätte? Mein Vater hatte gesagt, das würde ich auch noch hinkriegen. Heute, nachdem ich von Sigrid zurückgekommen war, nach 3,5 Stunden Bombardierung mit Belanglosigkeiten, ging ich zu Fuß nach Hause. Bald wär's geschehen, bald hätte ich den Schritt übers Geländer und den Sprung auf die Autobahn gewagt. Theorie und Praxis nähern sich ...

Sonntag, den 10.12.1978
Ein neuer Anfang? Habe mir die Telephonnummer der Beratungsstelle für Kriegsdienstverweigerer auf ein kleines gelbes Zettelchen notiert, um sie als letzte Hoffnung in der Hosentasche aufzubewahren.

Montag, den 11.12.1978
Gestern abend, diese Nacht und den ganzen bisherigen Tag nur an meine voraussichtliche Verweigerung gedacht. Die Frage, ob sich das denn für die noch verbleibenden 8 Monate lohnt, stellt sich nicht, zumal es sich für jede Sekunde lohnte, wenn damit Unheil verhindert wird. Tatsächlich bin ich seit gestern wieder in der Lage, zu lachen! Endlich wieder ein Licht, endlich wieder etwas, was meinen Überzeugungen nicht widerspricht!

Das Ganze hat mich also derart aufgewiegelt, daß mein Puls schneller schlägt und ich nicht mehr in der Lage bin, etwas vernünftiges zu unternehmen. Der Anruf bei der nächstbesten Kriegsdienstverweigerer-Beratungsstelle, die Unterrichtung des Batteriechefs, das Zusammenpacken meiner Sachen - alles muß schnell gehen, keine Sekunde darf verschwendet werden. Ein Mißerfolg würde mich jetzt sehr weit zurückwerfen. Raus hier, raus! Meine Fußkrankheit frißt sich weiter durch meinen Körper und verkürzt meine Zukunft und damit meine Illusion. Sie zwingt mich zum Mut. Der Tod fragt nur nach Leistungen, der Tod läßt keine Berufung zu.

Kopf- und Magenschmerzen begleiten meine beißende Ungeduld, noch nichts für meine Verweigerung tun zu können. Ich begann sogar zu zweifeln, ob ich das überhaupt noch wollte! Schließlich war heute alles so anders als sonst; der Spieß trat heute morgen in Zivil an, ein Feldwebel fragte mich nach meinem numerus clausus und staunte dann betroffen; als ich ihm dann noch erklären konnte, wie man Kaffee kocht, kannte mein Stolz keine Grenzen mehr. Schließlich zur rechten Zeit kam eine heftige Ermahnung eines Stabsunteroffiziers, ich solle gefälligst die Hände aus den Taschen nehmen. Dies und die fordernde Frage des Hauptmanns, ob denn etwa noch kein Kaffee gekocht sei, rettete meinen Entschluß dann vor den Zweifeln.

Montag, den 11.12.1978 (aufgeschrieben am 11.11.1980)
Aus dem Telefonbuch der Telefonzelle vor unserem Block hatte ich die Nummer einer Bremer Beratungsstelle für Kriegsdienstverweigerer herausgesucht, die ich nun, vor mich hinzitternd aus Angst und aus Kälte (ich war von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt) in die Wählscheibe hineinbohrte.

Die Stimme, die sich meldete, war sehr freundlich, fragte nach meiner Situation, interessierte sich für mich, was für mich inzwischen so ungewohnt war, daß ich plötzlich eine unbegreifliche Freude verspürte. Am Mittwoch sei die offizielle Beratung, von 19 bis 21 Uhr im Jugendheim "Stephanikirchhof 8".

"Stephanikirchhof 8", ich kritzelte es auf einen Zettel, sagte es immer wieder vor mich hin, "Stephanikirchhof 8", rannte zurück in den Block, nachdem ich mich wohl mehrfach bei der Stimme am anderen Ende der Leitung bedankt hatte, und fragte herum, ob mich jemand am Mittwoch bis Bremen mitnehmen könne.

Dienstag, den 12.12.1978
Die Weihnachts(-sauf-)feier ist in vollem Gange, ich bin besoffen und zusätzlich von meinem Whiskey-Tabbak benommen; nichts ist gut, nichts. Alles säuft, lacht, redet, einige tanzen und singen, einige freuen sich, niemand ist glücklich. Da werden manche bald entlassen; sie glauben, das ewige Glück stünde ihnen bevor, sie sehen die Ewigkeit vor sich. - Ein Häufchen Asche und ein trockenes Butterbrot erwarten sie.

Die Schwierigkeiten, die meiner Verweigerung entgegenstehen, sehe ich wohl: nach 4-monatigem Wehrdienst wird alles sehr unwahrscheinlich klingen; die Entlassung wird organisatorische Schwierigkeiten mit sich bringen; es ist nicht gewiß, daß die Verweigerung überhaupt anerkannt wird; schließlich tut es mir auch leid um die anderen Soldaten, die zurückbleiben müssen.

Mittwoch, den 13.12.1978 (aufgeschrieben am 11.11.1980)
Nach Dienstschluß ging alles ganz schnell; nach wenigen Minuten schon waren wir in Bremen. Mein 'Chauffeur' setzte mich am Bahnhof ab. Mein Gott - die Freiheit! Hier schien sie zu sein, und ich hatte sie überhaupt nicht mehr wahrgenommen! Ich lief zum Verkehrsamt, fragte nach dem "Stephanikirchhof 8", bekam eine Stadtübersicht, auf der die Stelle angekreuzt war, und lief los.

Lief ich oder rannte ich oder hüpfte ich durch die weihnachtlich glitzernden Geschäftsstraßen? Ich bebte vor Freude, ich lachte, sang vor mich hin! Die Menschen um mich herum, Eltern mit Kindern, Verliebte, Freunde - alle schienen glücklich zu sein, und ich hätte jeden umarmen können. Frei, frei, frei!

Ich war viel zu früh da, drehte also noch einmal eine Runde, diesmal etwas besonnener, schließlich mußte ich ja erst einmal abwarten. Dann kam ich herein in einen großen Raum, in dem schon alle saßen, viele mit langen Haaren, ein paar Mädchen. Und alle schienen sie mir glücklicher zu sein als diejenigen, die ich in der Kaserne täglich sah. Sie schienen zu leben, die Augen voller Hoffnung; sie konnten noch lachen, und sie wußten, was sie wollten! Wahrscheinlich sahen sie es mir sofort an, daß ich "Soldat" war, und wenn es bloß wegen meines trübsinnigen Gesichtsausdrucks war. Mit etwas Unbehagen setzte ich mich auf einen der freien Stühle zwischen ihnen, fühlte mich aber letztlich zu ihnen gehörig, war einer von ihnen; das war stärker ...

Zwei berichteten über ihre Verhandlung vor dem Prüfungsausschuß, gaben Ratschläge, Tips, Hinweise. Einer fragte mich am Ende, was ich denn so mache, und ich 'gestand' ihm, beim "Bund" zu sein, worauf er mir sagte, daß ich mich bemerkbar machen müsse, das Schießen verweigern (wenn möglich den Hauptmann und das zuständige Kreiswehrersatzamt informieren, und, und, und ...). Es würde schon irgendwie klappen, dachte ich mir, es mußte! Sollten die beim "Bund" doch mal blöd gucken: der Hauptmann, der Spieß und all die anderen. Dann können sie das Blaue vom Himmel herunterbefehlen und alle möglichen Sonderdienste anordnen - lachend würde ich alles auf mich nehmen.

Von Entschlossenheit geradezu besessen machte ich mich wieder auf den Rückweg. Natürlich würde alles so einfach nicht sein! Plötzlich, von heute auf morgen, das Schießen verweigern; plötzlich den Verweigerer spielen; eigentlich lag mir so etwas gar nicht, zumal es mir im Grunde auch wieder wie ein 'dummes' Spiel vorkam. Ich bekam Zweifel, wollte mich aber um jeden Preis selbst ermutigen. Ob ich gleich morgen damit anfangen sollte? Nein, erst einmal alles überdenken. Morgen noch nicht ...

Donnerstag, den 14.12.1978
Das Bedürfnis, mich irgend jemandem mitzuteilen, das Urteil anderer zu hören, zwang mich dazu, Klaus etwas über Wehrdienstverweigerung schlechthin (nichts über meinen 'Entschluß') zu sagen. Seine äußerst globalen wie groben Meinungen kannte ich wohl, und so wunderte es mich kaum, daß er die Zivildienstleistenden als Träumer bezeichnete. Er selbst glaube nicht an die ideale Welt, und außerdem sei er nicht so sozial. Dies, in seiner Art heftig und erregt vorgebracht, stieß mich zurück, bestärkte wieder meine Zweifel; wie sehr hätte ich mir eine Zustimmung gewünscht!

Das Wochenende liegt wie eine Entscheidungsmarke vor mir. Diese Zeit muß ich unbedingt nutzen, um noch Rat von Bekannten und Verwandten einzuholen! Augenblicklich hänge ich irgendwo ohnmächtig zwischen unzähligen Kräften, die auf mich einwirken. Weg hier, bloß weg! Aber ging es mir eigentlich um das Töten? Wird dann das Studium verschoben? Werde ich überhaupt anerkannt als Verweigerer? Andererseits würde ich nach 8 Monaten Bundeswehr müde und träge sein. Was nützt mir da ein Diplom, eine Fahrkarte durch hunderte irgendwann einmal aufgestellte physikalische Formeln und Geld?! Nein! Die Welt ist wichtiger, Menschen, die bereit sind, zu denken; Freunde, die keine Bedingungen stellen. Eine andere Seite des Lebens! Eine Hoffnung und eine Hilfe, die Dinge etwas leichter zu nehmen. Nebenbei möchte ich Klaus doch mal zeigen, was ein 'Träumer' ist.

Freitag, den 15.12.1978
Habe heute einen Brief von Oliver erhalten; er schreibt, er wolle mich nicht mit Schilderungen seines Studiums frustrieren. Im übrigen solle ich noch mehr reflektieren als ich es schon tue, denn meine Briefe seien immer noch sehr unklar; und letztlich solle ich das "Halt die Ohren steif!" nicht nur auf Rauchen und Trinken beziehen, sondern sehen, daß der Mensch nicht nur aus Wasser und ein paar Zutaten besteht. Ich habe diesen Brief gerade ein zweites mal gelesen. Es steckt soviel Wärme und Vertrauen darin, wie ich es in den letzten Monaten kaum erfahren habe. Allein dieser Brief konnte mich für Augenblicke von meinem 'Kampf' ablenken. Trotzdem bin ich zu keinem klaren Gedanken fähig; heute so wenig wie gestern! Es sind wieder die Zweifel, die mich quälen. Soll ich nun 2 Jahre später mit dem Studium beginnen, also z.B. 3 Jahre älter sein als meine Schulfreunde? Dann wieder meldet sich mein ausgepreßtes Herz, meine Angst, vollkommen vernichtet zu werden, der quälende Ruf, der mir auferlegt, hier 'rauszukommen. Es drückt von allen Seiten.

Samstag, den 16.12.1978
In der Stadt gewesen, von einer unbegreiflichen Freude besessen aus Hoffnung auf den Erfolg meiner Verweigerungspläne. So drängte ich mich also durch den Rummel. Niemand von denen, die mir flüchtig ins Gesicht sahen, wußte etwas von mir, niemand hätte es mir ansehen können, obwohl ich es mir gewünscht hätte! Doch genauso hatte jeder von ihnen etwas, was ich nicht wußte ... Ein 17-jähriger Junge, der mit Freundlichkeit und Entschlossenheit das Geschehen an der Kasse eines Kaufhauses im Griff hatte, faszinierte mich kurz darauf. Ich glaubte zu bemerken, daß auch der Käufer neben mir ihn verblendet anstarrte. Was hatte ich mir doch alles erträumt ...

Gut gelaunt erschien ich bei Sigrid; sie ist im Grunde die Seele unserer früheren Schul-Clique. Mein Puls hämmerte solange, bis ich mit zitternder Stimme endlich sagte, was ich die ganzen Tage geplant hatte. Sie schien es gewußt und schon mit Stefan darüber gesprochen zu haben. Ja, das sei richtig, denn bevor ich dort vollkommen zugrunde ginge ... Ich sei auch ganz anders als letzte Woche, und als sie meinen Brief bekommen habe, sei sie so erschreckt gewesen, daß sie die ganze Nacht nicht habe schlafen können; ihre theoretische Führerscheinprüfung sei ganz unwichtig gewesen. Auf dem Heimweg, wieder den alten Weg, die Straße entlang, fielen mir alte Menschen auf, die aus dem Fenster verschüchtert auf die Straße blickten. Alter. Einsamkeit. Der Tod lauert. Auch sie waren einmal jung gewesen, hatten große Pläne und hatten sich Sorgen um Kleinigkeiten gemacht - sie wußten nun, daß alles im Nichts endet. Das Leben hat sie gezwungen, alles abzugeben. Betrunkene Jugendliche torkelten in die Ferne.

Sonntag, den 17.12.1978
Angst! Und alles wird von neuem durcheinandergewirbelt, die gerade gefaßten Pläne drohen wieder einzustürzen, Zweifel halten mich wiederum gefangen. Wieder nehme ich mir vor, vor dem Arzt sicher aufzutreten und zu sagen, daß ich überwiesen werden möchte. Wut und Verzweiflung mischen sich. Sigrids Oma sagte, ich sei schmal geworden (was ich bestritt) - und daß die 9 Monate auch noch herumgingen.

Montag, den 18.12.1978
Zurück in unserem Zimmer finde ich eine fröhliche Gesellschaft aus lachenden jungen Menschen wieder. Warum nicht? Ich lache mit. Was mißfällt mir hier überhaupt? Selten habe ich tagelang derart zwischen zwei Wegen gestanden, noch nie war ich vor eine so verbindliche Frage gestellt. Der Tag, an dem ich nach Bremen fuhr, voller Erwartung, voller freudiger Entschlußkraft, den Triumph schon in der Tasche glaubend, ist zur Erinnerung geworden. Daß ich seit Monaten zum ersten Mal laut hätte jauchzen können, daß ich plötzlich wieder leben wollte und eine bessere Welt für möglich hielt, ruft nur noch Melancholie in mir hervor. Das Buch "Der Mai ist vorbei" (von Peter Henich) erinnert auch an Illusionen - von 1969 - an wirklich mögliche Träume? Nein, nein! Ich sollte nicht aufgeben.

Dienstag, den 19.12.1978
Heute ist Innendienstbesichtigung'; das Militär zeigt sich wieder einmal von der anspruchsloseren Seite. Befehle, Anordnungen, Machtansprüche, nach deren Sinn man besser nicht fragen sollte. Je weiter ich mich aus diesem Betrieb hinausdenke, desto verhaßter wird er mir, doch desto fragwürdiger erscheinen mir die Folgen einer Verweigerung. Gerade werden Reservisten 'ausgekleidet' und laufen in Zivil herum, die Worte "Null, Null" im Mund.

Mittwoch, den 20.12.1978
Habe soeben erfahren, daß bei uns zu Hause Schnee liegen soll. Diese erwartungsvolle Erregung, die Wollhandschuhe und den Schal angezogen, die Schnur vom Schlitten in der Hand, lachende rote Gesichter auf endloser weißer Fläche, zurück mit kalten Füßen, die Freude auf den warmen Kohleofen - das war Schnee. Was machen die anderen jetzt zu Hause? Einkäufe, Gespräche im Unterricht, Aufgaben lösen, Fahrrad fahren, Menschen erleben, Pläne schmieden. Mir gelingt es auch am Wochenende nicht, etwas zu erleben, denn ich jage jeder Sekunde hinterher - und werde gleichzeitig von der Zeit verfolgt. Ich verbrauche mich.

Auch diese eine Illusion habe ich mir noch bewahrt, und sie taucht ab und zu wieder auf: die Hoffnung, ich könnte jederzeit wieder aufwachen aus diesem Alptraum. Obwohl ich kaum verzweifelt bin im Augenblick, stößt mich mein gesamtes Leben ab. Andere haben eine Freundin, eine intakte Familie, Freunde, trinken und rauchen viel. Andere reden, während sie hier sind, unaufhörlich; kaum haben sie einen Witz ausgesprochen, sprudelt auch schon der nächste und der übernächste aus ihrem Mund hervor. Sie überschlagen sich fast, um das zu verwischen, was jetzt ist; sie vernebeln ihre Welt, sie machen mit ohne zu fragen. Irgendwann habe ich wohl vergessen, meine Haare zu waschen und die Wäsche zu tauschen. Es regnet.

Donnerstag, den 21.12.1978
Morgen gehe ich wieder zu einer Kriegsdienstverweigerer-Beratungsstelle; habe meine Begründung bereits entworfen und hoffe, morgen alles durchsprechen zu können.

Samstag, den 23.12.1978
Heute morgen ging ich hier in Köln auf eine Anzeige hin zu einer "Beratungsstelle für Kriegsdienstverweigerer" , zu einem Herrn Dr. Gruhl. Ich rechnete mit einem idealistischen jungen Rechtsanwalt. Ich glaubte an eine Chance, doch es öffnete mir ein Greis, der kaum zu sprechen, geschweige denn zu lesen vermochte. In winzigen Schrittchen schlürfte er den kurzen Weg vom Bücherregal zu seinem Lehnsessel entlang. Seine Wohnung war derart vernachlässigt, daß man sie kaum für die Behausung eines noch lebenden Menschen gehalten hätte. Es roch muffig wie in diesen kleinen Trödelläden, in denen jeder Gegenstand diesen typischen Geruch angenommen hat. Die Wände waren gespickt mit Plakaten, Schildchen und Zeitungsausschnitten, die alle mit 'amnesti international', Kriegsdienstgegnern oder sonstigen Hilfsorganisationen zusammenhingen - ein Idealist war er zweifellos.

Meine Schrift konnte er nicht entziffern, folglich las ich ihm meine Begründung selbst vor. "Das ist gut!", sagte er dann ohne nähere Begründung und fügte hinzu: "Es sind gute Gedanken darin enthalten." Dann las er mir die Anerkennungsbegründung eines seiner Fälle von 1974 vor. Es komme darauf an, überzeugt zu sein und überzeugen zu können; Zeit spiele keine Rolle - ich sackte in mich zusammen, spürte, daß mich das nicht weiterbrachte.

Was ist mit all denen, die 1969 noch an die bessere Welt glaubten? Wo sind sie geblieben, wer hat sie entmutigt? Doch die Antwort darauf konnte ich mir schon denken; sie tauchen alle unter im Getriebe unserer Gesellschaft; von den Notwendigkeiten des Lebens überrumpelt müssen sie sich irgendwo in diese Maschine einfügen, ob nun als Arbeiter, Beamte oder Akademiker; alle werden sie eingepaßt und damit unschädlich, unbrauchbar.

Anruf bei Oliver. Er bombardierte mich mit ungezwungenen Ausrufen, die ich zwischen Lachen und Schreien einzuordnen versuchte. Als ich bei ihm zu Hause eintrat, umarmte er mich heftig - zu meinem Bestürzen. Ich sähe sehr schockiert aus, wie es mir gehe, was ich so mache; ich solle doch mal erzählen. Seine sicher gut gemeinten Worte sprudelten nur so hervor und trieben mir meine Gedanken in den Hals zurück - ich sagte nur Bedeutungsloses. Ich zitterte. Wie sehr hatte ich mich darauf vorbereitet, ihm alles zu sagen, und nun ... Sven kam auch, er war noch dünner geworden, sein Gesicht hatte harte Züge angenommen, wie ich sie bei ihm nie vermutet hätte. Sein Studium gelingt ihm nicht, er will wechseln, weiß aber nicht einmal, in welches Fach. Oliver sieht dagegen etwas dicker aus und etwas schlampig durch seine mittellangen Haare und seine wild wachsenden spärlichen Barthaare. Er hat Ärger mit seinen Eltern, will sie sogar verklagen. Trotzdem sagt er, er fühle sich als Student "sauwohl".

Heute abend war Weihnachtsfeier in unserer Clique. Stefan sprach mich auf meine Verweigerung an: "Du machst es richtig!". Dagmar schwieg, Sigrid druckste herum, ich war anwesend. Als Stefan und Dagmar gingen, versuchte ich unbeholfen, Sigrid bei Pfeifenrauch meine Gedanken mitzuteilen. Dann der Heimweg; ein unförmiges Geschenk unter den Arm geklemmt, die Hände von der Kälte taub, wieder der alte Weg, entlang der fast unbefahrenen Straße. Die Welt zog sich wieder zusammen, das Ende warnte mich erneut vor Fehlern, ohne daß ich wußte, was richtig wäre. Es gibt nichts Richtiges - das wußte ich. Ich mußte einfach leben, weil mein Körper mich dazu trieb.

Sonntag, 24.12.1978, Heiligabend
Das Klingeln des Telephons steigert meine Erwartung. Wieder nicht für mich! Bodo ruft nicht an; einer weniger? Ich wage kaum an diejenigen zu denken, die ich einmal kannte, fast Freunde, Menschen, an deren Gesicht ich mich nun kaum noch erinnern kann.

Seit einem Jahr konfrontiert mich das Leben mit immer neuen Schwierigkeiten. Hätte man nicht wenigstens eines aufschieben können: die Fußkrankheit, die Angst vor dem Tod, die Sehnsucht nach Liebe oder den Wehrdienst? Wofür alles zugleich?

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