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Montag, den 25.12.1978
Oliver hat angerufen, sprach sehr unverständlich; ist "total down", die Gesellschaft deprimiert ihn (was ist es wirklich?), das Fressen auf Weihnachten stört ihn (damit begann sein Anruf). Ich hätte nicht fragen sollen, warum er anruft; peinliche Pausen, weil ich doch nicht auf Fragen antworten kann, die ich nicht verstanden habe; er glaubte, sein Anruf sei mir lästig. Am Telephon bin ich halt noch Anfänger. Er brach plötzlich ab nach langen Versuchen, mit mir über unsere kranke Gesellschaft ins Gespräch zu kommen. Ob wir uns morgen beim Sven sähen, sei noch fraglich.

"The old Man and the Sea" von Hemmingway gelesen. Nach einem schmerzvollen, alles aufsaugenden Kampf diese unvorstellbare Enttäuschung; dann die Erschöpfung, die Kapitulation vor der eigenen Ohnmacht, die Tasse Kaffee nach etwas Schlaf, von dem einzigen Freund gebracht; und: "I am not lucky any more." "Nur die Liebe hält mich noch hier!", hatte Oliver gesagt - und klang sehr verzweifelt. "Nur die Liebe!"

Dienstag, den 26.12.1978
Bei Sven, seinem Bruder, Oliver und einem Bekannten. Man begutachtete mich als Bundeswehrsoldat, hörte interessiert zu, was ich zu berichten hatte, respektierte mich als einen, der es wissen muß, wenn er den Betrieb kritisiert, in dem er lebt. Wir redeten viel miteinander; es war einfach erholsam, mit vernünftigen Menschen vernünftige Gespräche zu führen. Auf dem Heimweg war ich dann gezwungen, mit Oliver zu diskutieren, was nicht nur auf sprachliche, sondern auch auf inhaltliche Probleme stieß. Wenn ich ein Thema anschnitt, Rohstoffverknappung z.B., sprang er auf ein anderes über, Universität zum Beispiel; um ihn dann nicht weiter zu beleidigen, sprach ich dann über sein Thema - bis er wieder sprang.

Mittwoch, den 27.12.1978
Die Zeit frißt mich auf, jede Stunde, mit der ich dieser verwünschten Armee näherrücke, ist mir eine Qual! Jetzt bloß nicht schwach werden, bloß nicht alles aufgeben; ich muß es allen erzählen, dann kann ich ohnehin nicht mehr zurück. Vielleicht ist alles schneller ausgestanden, als ich denke.

Reisestimmung - irgendwie seltsam. ich packe meine Socken und meine Unterwäsche zusammen wie jedes Wochenende, doch es kommt mir vor, als würde ich dieses Leben verlassen. Es kommt mir vor, als ginge ich irgendwo hin, wo ich endlich das tun kann, was mein Gewissen zufriedenstellt.

Oliver sagte gestern, er sei vollkommen am Ende; irgendwann würde er sich vielleicht aufhängen. Unsere "verdammte Gesellschaft", der "Spätkapitalismus", die "Anpassung", der "Faschismus", die "Bourgeoisie", die "Ausbeutung der Erde", das "Konkurrenzdenken"; alles "eine ganz große Schweinerei" ...

Donnerstag, den 28.12.1978
Ich hatte mir also vorgenommen, den Antrag heute einzureichen und alles laufen zu lassen. Dann las ein älterer Mann von der Bremer Beratungsstelle sich meine Begründung durch und wurde zunehmend skeptischer. "Sie sind also schon vier Monate dabei?", fragte er mich und schien eher pessimistisch zu sein. "Das wird natürlich schwierig werden. Wenn sie nach drei Wochen verweigert hätten, ja dann ...". Ich müsse mich ab sofort als KDVer zu erkennen geben, einen Antrag auf waffenlosen Dienst stellen, jeden Befehl zum Dienst an der Waffe nur unter Protest ausführen und auf jeden Fall auffallen. Das sei die einzige Möglichkeit, vor dem Prüfungsausschuß zu überzeugen und die notwendigen Zeugenaussagen zu bekommen. Ich schluckte! Wäre ich jemals in der Lage, ein solches Theater aufzuführen, und das auch noch von heute auf morgen. Könnte ich mir das selber glauben? Sollte ich statt dessen alles wieder aufgeben? Kapitulieren? Was für ein Wechselbad der Gefühle! War das schon der brutale Absturz nach meiner kurzen Auferstehung?

Der Verantwortung für die Tat steht die Verantwortung für die Untätigkeit gegenüber!", las ich gestern in einer Literaturzeitschrift. Das war doch etwas, danach könnte man leben, das könnte mich überzeugen - das hat mich überzeugt, doch ich bin im Begriff, weiterhin gegen meine Überzeugung zu handeln. Ich widerlege mich durch meine Tat in jedem Augenblick - ich zerstöre mich.

Ich soll hier vielleicht Führerschein machen; das würde bedeuten, für 6 Wochen in die Fahrschule versetzt zu werden; das lockt natürlich ...

Da saß ich nun in unserem Zimmer bei laut dröhnendem Fernseher, ein Buch ("Hubert - oder Die Rückkehr nach Casablanca") vor mir auf dem Tisch liegend und die "Zeit"; doch gar nichts konnte mich bewegen, etwas zu beginnen; ich saß nur da und verkroch mich in meine zerwühlten Gedanken; nichts lag vor mir, nichts lag zurück; nur der eine Telephonanruf hielt meinen Kopf noch aufrecht. Das eine Gespräch mit Oliver war im Grunde der Abend, war mein ganzer Tag! Vielleicht wäre ich sonst ohne einen Zweifel, ohne überhaupt einen Gedanken aus einem der verführerischen Fenster gesprungen. Aber da war noch etwas zu erledigen, da hatte noch etwas Bedeutung für mein Leben; der Weg zur Telephonzelle war für mich der einzige Grund zu atmen heute. "Du mußt auf jeden Fall verweigern! Das hattest Du doch hundertprozentig beschlossen!", beschwor mich Oliver am Telephon. Das 'Anti-Tötungs-Theater', das man von mir erwarte, müsse ich einfach auf mich nehmen.

Also wieder der Kampf auf die Gefahr hin, zwischen zwei Ängsten erdrückt zu werden, zwischen Nicht-mehr-Können und Nicht-mehr-Hoffen. Der Tod wäre leicht. Eine Musiksendung aus Köln, die ich früher auch immer mitverfolgte, ein beeindruckend spielender Rockgitarrist mit langen Haaren (also kein Soldat); Musik, die mich mitreißen würde, wenn nicht ... Klaus hatte seine Gitarre mitgebracht; ich zeigte ihm einige Griffe. Erinnerungen jagten wieder durch meinen Kopf: Jugendmessen, Bandproben, immer neue Gesichter, Pläne, kleinere Auftritte. Was mit der Bundeswehrzeit so radikal abgerissen war, tauchte auf einmal in meinen Gedanken wieder auf.

Samstag, den 30.12.1978
Auf der Heimfahrt im Zug beobachtete ich sehnsüchtig das Leben all der jungen Menschen und es kam mir vor, als liege meine Jugend Jahrzehnte zurück. Aber es waren nur vier Monate. Wieder flogen Situationen aus der Schulzeit an mir vorbei; Gesichter, Gespräche, 'Abenteuer' und - Pläne über Pläne.

Sonntag, den 31.12.1978
Wache gehabt, einmal vier Stunden und dreimal zwei Stunden gefroren. Das einzige, was mich dabei beschäftigte, war die Frage, wie ich meine Hände warm bekäme. Das einzige.

Die ersten 160 Seiten von "Hubert" gelesen - es ist genau das Buch zur richtigen Zeit. Hubert, ein unfreiwilliger Soldat, lernt das Verrückte einer Armee kennen und macht verschiedene Ausbruchs- und Fluchtversuche. Er lernt die Armee zu hassen ...

Wieder zu Hause, hab' mich mit Süßigkeiten, Toast und Kaffee wieder auf die Beine gearbeitet, kann also wieder mit dem Denken beginnen - Silvester. Oliver und Sven wollten, daß wir uns heute wieder treffen - allein deswegen bin ich gekommen. Ich wollte mit ihnen über meine Verweigerung 'verhandeln', wollte mir Mut machen lassen, wollte nicht ganz alleine sein mit meinen unausrottbaren Zweifeln. Sven rief dann an, daß die anderen auf eine Fete wollten, deshalb würde alles platzen; jeder gehe für sich alleine irgendwo hin. Jeder für sich, ich alleine, irgendwohin. Silvester 1978.

Angst, Unentschlossenheit, Verzweiflung und wieder Angst durchlöchern mich. Meine Schwester wird nicht da sein, Sigrid würde doch nur lächeln und "ja, ja" sagen, damit ich mich nicht aufhänge. Währenddessen lastet auf mir die Erinnerung an ein ursprünglich verheißungsvolles Jahr, das nun zu Ende geht. Eine Frist (Verweigerung) läuft ab und ich fliehe vor der Antwort, mörderische vier zurückliegende Monate beschwören mich. Silvester 1978.

Ich sehe eine Zigarette in meinen Fingern, die angenagt sind wie noch nie zuvor, ein Zimmer, in dem der Dreck ungestört wütet, eine Gitarrenanlage, die ich schon lange nicht mehr einzuschalten wage. Zwei Stapel Zeitungen ...

Dienstag, den 02.01.1979
Im Zug auf der Rückfahrt hörte ich, daß einem Kriegsdienstverweigerer der bereits abgeleistete Wehrdienst nicht angerechnet werde. Das war wohl meine Entscheidung; ich gab endgültig auf, wollte endlich Ruhe haben, wollte meine Nerven erlösen und gab auf. Vorbei die erträumte Welt, vorbei die Freiheit, die so nahe gewesen war. Das Leben hat wieder verloren.

Ich will plötzlich niemandem mehr schreiben, erst recht nicht Oliver, den ich jetzt wohl sehr enttäuscht habe. Dennoch schrieb ich einen Brief an Sigrid, der den Charakter eines Abschiedsbriefes hatte. Dann gehe ich halt zum Arzt und laß' mich wieder zurechtflicken - dafür wird nun Zeit genug sein. Nun denke ich auch wieder an die Fernuniversität - ein kleiner Zipfel einer Perspektive.

Klaus: "Ich kann den ganzen Laden hier nicht ernst nehmen. Ich bin froh, wenn die Zeit hier hinter mir liegt. Dann können die mich alle mal am Arsch lecken - ja Mensch, ist doch wahr! Dann will ich sehen, daß ich genug Geld kriege, um zu reisen; ich will z.B. noch nach Indien ...". Ich will irgend etwas ändern, doch Klaus meint, ich sähe mich zu ernst, mich und die Bundeswehr. Und das Leben? Wenn irgend etwas auf dieser Welt für uns ernst ist, ist es dann nicht das Leben, die Bundeswehr und man selbst? Aber mit diesem Ernst zu leben, ist beinahe unmöglich, selbstzerstörerisch! Mir fällt Hesses Ironie im "Steppenwolf" ein, als Lebensweisheit, als Chance des Glücks. Letzten Endes hat Klaus also Recht ...

Donnerstag, den 04.01.1978
Mir ist sehr unwohl bei dem Gedanken, nun doch alles laufen gelassen zu haben, untätig gewesen zu sein, wofür ich mich verantwortlich zu fühlen habe! Ich denke an Brechts "Galileo Galilei", an die Fleischtöpfe und an die Aufzeichnungen von Galilei, die Wahrheit, unter dem Hemd versteckt, für welche er nichts hatte opfern wollen. Mir ist sehr unwohl bei dem Gedanken, meinem trägen, feigen Körper nachgegeben zu haben.

Freitag, den 05.01.1979
Brief von Bodo erhalten. Eine riesige Freude durchzog meinen ganzen Körper; plötzlich war wieder Tatendrang und Entschlossenheit zu spüren. Bodo geht es ähnlich wie mir. "Man verpißt sich, wo es eben geht!". Er ging nicht auf meine Andeutungen zur Verweigerung ein, das war gut. Er will anrufen, will sich unbedingt mit mir treffen; hoffentlich will er das tatsächlich und nicht bloß auf mein - zugegebenermaßen etwas übertriebenes - Drängen hin.

Im "Hubert" auf Seite 310 angekommen. Er ist inzwischen 30 Jahre, seine Mutter ist nun auch tot, er ist zum austauschbaren Karriere-Bundesbürger geworden. Sein Verhalten ist den gesellschaftlichen Forderungen angepaßt, seine Zukunft bewegt sich zwischen Schreibtisch, Ehebett und Fernsehsessel. Die Jahre des Tatendrangs sind vom Krieg vertilgt, wenn nicht schon durch die militärische Erziehung im Elternhaus. Er ist von Kopf bis Fuß ein disziplinierter Mensch, eine vorprogrammierte Wohlstandsfigur.

Samstag, den 06.01.1979
Der Vormittag verging im Halbschlaf zwischen dem Morgentau, neu erwachter Lebenskraft und neuen Zielen. Ich war gut gelaunt - nach außen. Nach allem, was geschehen war, konnte ich nur gute Laune haben; vielleicht auch deshalb, weil ich einsah, daß nur gute Laune weiterhilft. Bodo kam, wenn auch mit 30 Minuten Verspätung, strahlend an. Ich werde wohl zurückgelacht haben. Wir gingen - wie beim letzten Mal - zu McDonalds. Er hat sich kaum verändert: das knochige Gesicht, die ausgehöhlten Backen und der kleine Mund, zu jedem Lachen bereit; dem kurzen dünnen Haar ein Mittelscheitel aufgezwungen, so daß seine große etwas kantige Kopfform unvorteilhaft aussieht. Bodo.

"Die letzten fünf Monate verpisse ich mich, das kann ich Dir aber sagen!" Er redete fast ausschließlich von seinem Dienst, von Sonderurlaub, von Unbequemlichkeiten und Vorzügen, von freien Wochenenden und Ärgernissen, von Urlaub und Entlassung. Wir sprachen nur über Bundeswehr, aber es gab auch nichts anderes, was wir sonst gemeinsam hatten. Was erlebten wir auch sonst, jeder für sich? Er tat so, als hätten wir bald alles hinter uns. "Und doch sind 9 Monate sehr lang." Und doch. "Zu verweigern lohnt sich für uns nicht, den Zeitpunkt dazu haben wir verpaßt!" - Bodo, wenn Du wüßtest!

Während wir wieder zur Bahn gingen, erzählte ich ihm noch von Klaus, der bei der Bundeswehr schießen lernen wollte, da er später 'Terrorist' werden wolle und von Gerd, der seinen 20-Kilometer-Marsch für einen seltenen Vogel unterbrach. Beim Abschied sah er mich an, gab mir die Hand, ohne fest zuzudrücken; wie immer lachte er. Ich solle ihm schreiben, über die neuesten Ereignisse berichten. Dabei sah er mich an, als wollte er mich bekräftigen: Mach weiter, schreib weiter Briefe, so bist Du nun einmal, mach Dir nichts draus. Dann ging er.

Dieses verdammte Bild, wie sich jemand entfernt. Selbst von hinten kennt man ihn genau; er geht und ich stehe hier, dabei wollte ich doch gar nicht, daß wir auseinandergehen; er ist bereits im Treppenaufgang der U-bahn-Haltestelle verschwunden. Diese verdammten Abschiede! Werden wir uns irgendwann noch einmal sehen? Dieses immer schneller rollende Leben. Bodos Lachen ist undurchdringlich; im Grunde kenne ich ihn gar nicht. Dennoch hat er mir sein strahlendes Gesicht mit auf meinen Weg gegeben und hilft mir, weiterzuleben. Wem nützt schon Mitleid? Was wir brauchen, sind Freunde!

Sonntag, den 07.01.1979
Daß ich Bodo überhaupt wiedererkennen konnte nach so langer Zeit! Die Menschen sind sich doch alle so ähnlich und sie verdecken mit ihrer Kleidung noch einen Großteil der Unterschiede. Daß wir 30 Minuten lang am Bahnhof stehen können und Hunderte von Menschen an uns vorübergehen sehen und genau wissen, daß niemand darunter ist, den man kennt, und daß schon der Bruchteil einer Sekunde genügt, um zu wissen: Das ist Bodo.

Auch dazu bringt einen die Bundeswehr: Den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen, die Bequemlichkeit, die Trägheit, die Erwartungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Das Abstellgleis, von dem aus man höchstens andere Züge vorbeiziehen sehen kann, irgendwohin, wenn auch nicht ins Paradies, so doch ins Leben.

Montag, den 08.01.1979
Jetzt bin ich also auf der Fahrschule, doch der Dienst ist hier im Prinzip nicht anders als der sonstige Bundeswehrdienst: eintönig, langweilig, ohne größere Anforderungen, ohne Höhepunkte. Längst ist die Freude über die kommenden 'seligen' sechs Wochen verflogen; ich beginne nun wieder nüchtern zu denken.

Der Lauf des Lebens steht für die meisten Menschen fest: ein Beruf, Geld verdienen, älter werden. - "Wenn ich erst mal 'null Tage' habe, feiere ich eine ganze Woche lang!" - Geld, älter werden, Tod.

Dienstag, den 09.01.1979
Während ein Fahrlehrer Unterricht abhielt - wir waren gerade dabei, die ersten Fragebögen auszufüllen -, stampfte der Hauptfeldwebel in den Raum, fragte, ob wir bald fertig seien und zeigte, als er sah, daß das nicht der Fall war, eine auffällig aggressive Nervosität, was durch heftige Fingerbewegungen und unentwegtes Auf- und Abgehen der Tischreihen zum Ausdruck kam. Ob wir denn nun endlich fertig seien! Man hatte ihn uns als einen vom alten Schlag beschrieben, einen Vorschriftssoldat. Sicher, das ist er auch, aber mir fiel ganz anderes auf: seine plumpen Bewegungen, seine durchweg unästhetischen Verrenkungen, die er macht, wenn er das Achselzucken eines Fahrschülers nachäfft; der ungeheure Radau, den er jedesmal verbreitet, wenn er polternd von seinem Stuhl aufsteht, um etwas an die Tafel zu schreiben; dann wieder seine Forderung nach Manieren, wenn jemand gähnt, ohne die Hand vor den Mund zu nehmen.

Habe einen Brief von Oliver erhalten; eigentlich nur seine neue Adresse mit ein paar Sätzen drum herum, die mich allerdings wütend machten. Ich sei wohl ein schwieriger Fall; ich solle ihm meine Entscheidung (wegen der Verweigerung) bald mitteilen. Es sei überdies ein interessanter Fall. Unter P.S. war "Hahaha" zu lesen. Ein interessanter Fall, einer zum Lachen, vielleicht die letzten Zuckungen eines verstörten Spinners?

Die Krankheit an meinen Füßen läßt kaum noch eine Stelle aus, mein Termin beim Arzt wäre längst fällig, doch während der Fahrschule ist das sehr schwierig; es wird dennoch langsam dringend, ich sehe die Bedrohung. Es beißt in meinen Füßen, es frißt sich wieder weiter in meiner Seele; manchmal, ja manchmal, möchte ich doch noch heulen.

Mittwoch, den 10.01.1979
Zum erstenmal gefahren, es war schwieriger und anstrengender, als ich angenommen hatte; an das Gebrülle meines Fahrlehrers ("Junge, Du sollst hier keine Grenzmarkierungen niedermähen!") werde ich mich schon gewöhnen. Ich kämpfe darum, ob ich nicht während meines Fahrschulaufenthaltes doch einen Vormittag opfern sollte, um zum Arzt zu gehen. Mein Mut sinkt von Tag zu Tag.

Der Wahnsinn packt wieder nach mir! Ich will mich in einen dunklen Raum in eine Ecke setzen und dort bleiben und entscheiden, ob ich sie jemals wieder lebend verlassen soll. Ich will heulen dürfen, meinen Schädel gegen die kalte Betonwand hämmern und mir die Kehle zudrücken. Diese Nacht habe ich geträumt, ich würde mit drei großen Koffern verreisen - mein Ziel sollte Köln sein. Ich kam nicht an, verfehlte das Ziel wegen Kleinigkeiten (z.B. konnte ich meine Koffer nicht schnell genug ausladen) und kehrte immer wieder zurück in den Norden hier oben, in die Kälte, in das Regenwetter.

Donnerstag, den 11.01.1979
Ich erwische mich des öfteren, daß ich mich in der Pause auf einen Sessel setze, die Musik anschalte und vor mich hin döse. Es ist so leicht, sich treiben zu lassen, die vorüberfliegenden Schneeflocken anzustarren und nichts zu wollen, nichts zu hoffen und nichts zu empfinden. Es ist so leicht, diese wenigen Minuten des Lebens auch noch zu vergeben. Diese Lethargie, diese Leere zeigt sich mir erst jetzt in ihrem ganzen Ausmaß. Der EDV-Kurs, zu dem ich mich angemeldet hatte, heute abend war langweilig und ermüdend; ich habe sehr wenig gesagt, meine Gedanken wollten fort. Das fiel natürlich auf, man forderte mich auf, zu reden, man bat mich, flehte mich an, verarschte mich - vergebens! Was soll ich denn über die Eigenschaften eines Computers in einer Großhandelsfirma reden, während ich jeder verlorenen Minute nachheule!

Freitag, den 12.01.1979
Durch die Fahrschule war ich diese Woche zwar weitgehend von den Schikanen in der "Batterie" verschont, jedoch sind neue ähnlich große in der Fahrschule hinzugekommen. Meldung mit Gruß bei jeder kleinsten Angelegenheit, stures Auswendiglernen der vorgeschriebenen Regeln, Paragraphen und der technischen Bauteile. Im Endeffekt ist alles geblieben: triste, eintönige Langeweile.

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