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Teil 3: SCHLEICHENDER ABSTIEG



Samstag, den 03.02.1979
Orangensaft mit Rum, die Gedanken torkeln zur Musik; Sigrid klang so verletzt am Telephon! Gleich geh ich zu ihr hin, sie hatte gestern auf meinen Anruf gewartet, ich hätte auch nach 23.00 Uhr anrufen können, sagte sie. Ihre Stimme klang so verweint. Es war 12.00 Uhr, bis 14.00 Uhr werde ich noch nicht nüchtern sein, meine Sinne sind taub, erstaunlich, daß ich die Buchstaben noch Formen kann. Wäre so der Tod erträglich?

Montag, den 05.02.1979
Den ganzen Vormittag beim Arzt gesessen, noch nicht drangekommen; es ist in der Tat demütigend, vier Stunden mit seiner Angst zu sitzen, jede erkrankte Stelle am Fuß zu spüren, und in Erinnerung noch die verdächtigenden Worte des Spieß, der bemerkte, daß ich reichlich oft krank sei. Der praktische Arzt hatte mich dann auf morgen verwiesen; heute ist die Hölle los! Ich verstehe die Welt nicht mehr; hat sich denn alles gegen mich verschworen?

Gestern gegen 16.30 Uhr hatte sich unser Chef zu sich bestellt und gefragt, wie man als Abiturient nicht dazu in der Lage sein könne, den Führerschein zu machen! Ob er mich wieder auf die Fahrschule schicke, müsse er im Laufe der nächsten Tage entscheiden. Aus allem klang tiefe Bersorgnis und Wohlwollen; soviel Menschlichkeit ist mir bisher bei der Bundeswehr noch nicht begegnet.

Dienstag, den 06.02.1979
Der Tag verging mit einem ziemlich unangenehmen Ereignis. Der Leiter des EDV-Kurses pflegt für gewöhnlich die buntesten Geschichten aus seinem Leben zu erzählen, und so führte ihn seine Erinnerung zu dem Thema "Seefahrt" und, was anscheinend untrennbar damit zusammenhängt, 'Homosexuelle'. Um seine akademisch begründete Toleranz zu demonstrieren, redet er natürlich immer nur von 'Schwulen'. Der Zufall wollte es, daß ich neben ihm saß und somit in Blickrichtung aller war. Der Böswilligkeit des Schicksals war es dann zu verdanken, daß mir bei diesem Thema das Blut in den Kopf stieg und mein Körper innerhalb weniger Augenblicke von Schweiß zu triefen begann. Ich wollte nicht mehr auf der Welt sein müssen, oder wünschte mich doch wenigstens weit weit fort von diesem Ort. Zu allem Überfluß gab es unter den Kursteilnehmern einen, der es mir angetan hatte. Während dieses Ereignisses und kurz danach war es peinlich still in der Runde. ...

Der Facharzt, zu dem ich heute fuhr, stellte sich als gewöhnlicher Chirurg heraus, was mich maßlos schockierte, denn ich wollte doch von einem Spezialisten erfahren, was für eine Krankheit es denn ist. Es ließ meine Krankheit einfach "Warzen" sein und schnitt die zwei größten davon heraus. Seine Praxis, ein riesiges Labyrinth versteckter Operationsräume, erweckte in mir eher den Eindruck einer Schlachtfabrik. So lag ich dann auf der Liege, meine Füße von Schuhen und Strümpfen befreit, und sah zu, wie verschiedene Helferinnen hereinkamen, um meine Füße zu begutachten, um sie mit mehreren Nädelchen zu betäuben und dann wieder zu bepinseln. Der Arzt, der einige Fälle gleichzeitig zu behandeln schien und von einem Raum zum anderen rannte, gab noch auf dem Weg zu mir Anweisungen und Ratschläge an andere Patienten. Dann nahm er irgend etwas Scharfes in die Hände, hackte ganz wild an meinem großen Zeh herum, bohrte dann noch etwas unter der Fußsohle des anderen Fußes herum und befand sich schon wieder auf dem Weg zum nächsten Patienten.

Mittwoch, den 07.02.1979
"Ein so schwieriger Fall ist uns hier noch nicht untergekommen!" Da sitzt also der Hauptmann vor mir, runzelt die Stirn, läßt mich auf seine drei Sterne blicken, setzt erneut an in militärisch-sachlichem Tonfall und weiß genau, daß ich nichts gegen ihn sagen würde. "Man sagte mir, sie sähen immer so gehetzt aus; - ICH kann dazu nichts sagen. Und wenn sie wirklich von Drogen abhängig sein sollten, dann müssen wir versuchen, das irgendwie abzustellen." Ich kann es kaum fassen, finde es aber beinahe belustigend, daß er sich solche, wenn auch fragwürdige, Sorgen um mich macht; es ist schon beinahe eine Entschädigung. Ich sehe ihm beim Herausgehen noch einmal nach, er mustert mich mit bestimmter Miene - und ich darf wieder atmen. Ein Soldat aus einer anderen Staffel schaut danach kurz ins UvD-Zimmer herein; "Geht Dir nicht gut?" - Ich bestritt verzweifelt heftig ...

Donnerstag, den 08.02.1979
Habe einen Brief von Oliver bekommen und immer wieder gelesen. Er kann auch nur ein klein wenig seines Lebens zu mir herüberschicken. Dann mußte ich auch wieder Sigrids Brief hervorkramen und las auch ihn noch einige Male. "Es wird schon wieder!", schloß sie.

Samstag, den 10.02.1979
Mit vollem Magen drücke ich den Zigarettenrauch in meine Lunge, greife hastig nach Papier und Kugelschreiber und stoße in regelmäßig unregelmäßigen Abständen das Wort "Scheiße!" aus.

Sonntag, den 11.02.1979
Ich hatte gedacht, daß meine Aufzeichnungen seit dem 16.08.1978 wenigstens den Stoff für ein aufklärendes Buch abgeben würden, doch beim Wiederlesen heute fand ich sie abstoßend und völlig ungeeignet, veröffentlicht zu werden!

Montag, den 12.02.1979
Habe soeben "Der Keller - eine Entziehung" von Thomas Bernard gelesen; er schildert darin, wie er mit 16 Jahren das Gymnasium, diese 'Lernmaschine', verließ und eine Lehre im dreckigsten und verrufensten aller Stadtviertel machte. Nur in Augenblicken größter Gefühlsbewegungen sei der Mensch zu so etwas fähig, und er dürfe dann auch nicht im entscheidenden Augenblick schwach werden.

Wieder einmal sitze ich hier als verkehrter Mensch, die anderen sind zum Schießen gegangen; draußen schneit's und ich könnte bei jedem Klingeln das Telephon zertrümmern. Meine Fußnarben schmerzen; der Arzt wird mich morgen wieder mit Weisheiten und Ermahnungen abweisen, ich werde es zulassen und werde an 'Kapitulation' denken!

Thomas Bernard beschreibt die Nichtigkeit des Lebens, die absolute Leere und die Relativität ("ich bin alle") mit einer mir unbekannten Selbstverständlichkeit als etwas Beruhigendes. Der Tod als Erlösung, das Leben als etwas Bedeutungsloses. "Und wenn es nichts als ein Alptraum gewesen ist, er war es wert."

Jetzt denke ich tatsächlich darüber nach, auszuwandern, als wäre es ein neues Licht am Horizont, ein Seil, das mich halten kann. Aber ist das nicht auch wieder bloß ein Trick, um mir über den Wehrdienst hinwegzuhelfen? Würde ich es tatsächlich fertigbringen, aus diesem Land zu flüchten? Ich habe den Eindruck, daß mir die Flucht in den Tod weitaus näher liegt!

Dienstag, den 13.02.1979
Wieder beim Arzt gewesen, die Stellen wurden nur neu verbunden. Als ich wissen wollte, was mit den anderen Stellen geschehen soll, meinte er, die mache er auch weg, sobald die ersten verheilt sind. Wie illusorisch das ist, wußte ich von Anfang an, doch wie soll ich mich durchsetzen bei diesen selbsternannten Göttern?

Als ich Klaus vorhin fragte, ob er dieses Wochenende nach Hause fährt, begann er laut und ekelerregend zu lachen; er sei Soldat und kein 'Schenker'. Ich fragte, warum er sich gerade über mich aufrege, wo es doch zumindest außerhalb der Kaserne eine Mehrheit von Menschen gebe, denen es weitaus besser gehe als mir. Das interessiere ihn nicht, es gehe außerdem nicht darum! Er lachte in Abständen; ich würde wohl nur Briefeschreibern für wichtig halten. Er ging, ohne weiter auf meine Worte einzugehen.

Habe begonnen, im Buch "Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch" von Alexander Solchenizyn zu lesen. In diesem Werk steckt eine Masse verbindlicher Lebenserfahrung, man kann nicht darüber diskutieren, selbst seine Reflexionen ergeben sich zwangsläufig.

In meinem Kopf poltern nur zahllose alte Bilder durcheinander. Der Besuch der Austauschschülerin aus Frankreich in irgendeinem Sommer, Federball spielen im Park; dann wieder mein Krankenhausaufenthalt mit 15, meine Rückkehr; "Du bist ganz schön schmal geworden!", hatte die Mutter von Sven gesagt; lange Haare, Bilder in stolzer Pose auf dem Fahrrad im Garten; immer nur Sonne. Eine Fußwanderung von Nippes bis Porz entlang des Rheins im Sommer kurz vor meiner Einberufung, die Gedichte von Enzensberger in der Tasche, diesmal Regen, Wind und Kälte; zurück nach Hause in der Straßenbahn, Enzensberger lesend. Wünsche, Hoffnungen (trotz allem), einer der letzten unbesorgten Augenblicke vor meiner Bundeswehrzeit, einer der letzten bis zum heutigen Tag. Die Vergangenheit wird ungenau. Ich hatte sie bisher immer nur als mein Leben betrachtet; nun erscheint sie zum ersten Mal als etwas Geschehenes, was heute nicht mehr zählt. Es ist vorbei, kann weder besser noch schlechter gemacht werden. Chancen sind endgültig vergeben, Möglichkeiten vertan; manche machten es besser (und 'gewinnbringender') als ich; viele mußten aber auch Schlimmeres ertragen.

Mittwoch, den 14.02.1979
Habe einen Brief an Sigrid geschrieben, doch nicht abgeschickt, denn heute wird die Post nicht abgeholt, weil alles eingeschneit ist. Also werde ich sie anrufen, doch am Telephon kann ich ihr nichts sagen, am Telephon ist mir jeder fremd. Wenn mir dann noch die Zeit im Nacken sitzt, weil das Geld fürs Telephon knapp ist, reicht es nur noch zu oberflächlichen Informationen.

Donnerstag ,den 15.02.1979
Ein seltsamer Traum: Klaus hatte sich an einer Hand derart verletzt, daß seine Finger verstümmelt wurden. Die Ärzte haben ihm die Finger neu, wenn auch sehr entstellt, anoperiert. Der Anblick war für mich schockierend. Klaus, der sonst so diensteifrige und vorschriftsmäßige Soldat, nahm plötzlich seine zivilen Kleider und ging nach Hause, als sei es selbstverständlich. Trotz des Schreckens, der noch in mir steckte, beneidete ich ihn, daß er einfach so gehen durfte.

Freitag, den 16.02.1979
Habe weiter im Solchenizyn gelesen. Was er beschreibt, ist das Verhalten von Menschen unter größten körperlichen Anforderungen. Wird ein Mensch von morgens bis abends zu harter Arbeit gezwungen, ihm seine Freizeit beinahe vollständig genommen, dann handelt er so, wie Solchenizyn es darstellt; er lebt für das Essen, kämpft - von seinem Hunger angetrieben - um jeden Bissen, den er haben kann.

Samstag, den 17.02.1979
Habe Sigrid gesagt, daß ich in der Kaserne bleiben müsse, was aber nicht der Fall ist! Habe gelogen, wollte frei sein. Heute morgen war ich gut gelaunt, der Friseur hat mich sofort bedient; habe mir für 178,- DM eine Schreibmaschine gekauft; dann noch echten Kaffee zum aufbrühen in der Kaserne.

Sonntag, den 18.02.1979
An mir selbst verzweifelnd, an meiner Angst und meiner Sehnsucht, welche miteinander rangen, hetzte ich jedoch als irrlaufender Einzelmensch zwischen den hungrigen Augen der Samstagabend-Pärchen durch die Innenstadt. "Sechs Stunden nutzlos verbracht", würde die Bilanz lauten, und doch tat ich es, obwohl mich niemand dazu zwang. Nein, mir wollen diese Stunden nicht als vergeudet erscheinen. Diese Kämpfe mußten mich doch zwangsläufig meinem Ziel näherbringen - jedesmal ein Stückchen weiter, jedesmal.

Spread your wings and fly away ... He spends his evenings alone keeping his thoughts to himself ... he'd been leaving soon, whishing he was miles and miles away,
nothing in this world, nothing would make him stay ... Sammy boy, don't you know who you are." (Queen)

Dienstag, den 20.02.1979
Man wagt immer noch die eine oder andere vorsichtig angeführte Kritik, z.B. daran, daß ich bereits um 6.30 Uhr meine Schreibmaschine herauskrame und zu schreiben beginne, doch man läßt mich ...

Gestern hatte ich wieder den ganzen Vormittag im San-Bereich gesessen, aber diesmal ohne Buch. Dennoch wurde mir die Zeit nicht lang; ich hatte geträumt: Eine eigene Wohnung, in die ich jeden Tag um 17.00 Uhr hingehe, lese, schreibe, Musik höre und Gitarre spiele. Oder: Ich gehe zum Arzt, lasse mir meine 'sexuelle Anormalität' bescheinigen und werde nach zahlreichen Gutachten und Begutachtungen entlassen ...

Mittwoch, den 21.02.1979
Hinter meinem Rücken lacht man über mich, wie ich mich absondere, mich zum Gitarre-Spielen in einen leeren Raum zurückziehe, wie ich mir täglich meine Notizen mache. Diese Verachtung von hinten lastet auf mir und macht es mir schwer, diesen Wehrdienst, von dem ich nach wie vor jede Stunde bereue, zu ertragen.

Meine Schwester lädt mich ein, auf Karneval bei ihr vorbeizukommen, da auch ihre französische Freundin "Souci" da sei; sie hoffe, daß ich komme. Dann schreibt sie noch, ich solle versuchen, den Wehrdienst so gut wie möglich zu überstehen, und wenn ich es mal nicht aushalten könne, was sie aber nicht hoffe, so würden wir gemeinsam versuchen, eine Wehrdienstbefreiung zu erreichen. Ich glaube nun zu verstehen, daß sie mich liebt, wirklich selbstlos liebt; wahrscheinlich mehr noch als Sigrid.

Ich sehe auf die schmutzige, von Wassertröpfchen und Kaffeeresten verdreckte Kaffeemaschine, daneben die leere Kanne, das beinahe ungenießbare Milchpulver, ein halbes Dutzend verschiedenartigster Tassen und von Abfällen überhäufte Aschenbecher. Auf Stühlen liegen kreuz und quer Bereitschaftsgegenstände herum, Berge von wulstigen Taschen, an denen Feldflaschen und zahllose Gurte und Schnüre herunterhängen; Stahlhelm, Parka und nasse Handtücher. Schränke sind halb geöffnet, schmutzige Teppiche werfen Runzeln und Betten sind zerwühlt. Hier bin ich fünf Tage in der Woche zu Hause; hierhin sehne ich mich also zurück, wenn wir uns draußen in der Kfz-Halle mit der Zeit herumschlagen!

Donnerstag, den 22.02.1979
Das untätige Herumstehen in der eiskalten Kfz-Halle, dieses Kämpfen um jede Minute Wärme! Es beschäftigt einen während der ganzen Arbeitszeit, denn man hat eigentlich nichts zu tun. Sinnlos steht, kauert oder lehnt man zwischen diesen so verhaßten Fahrzeugen herum, die man zu ölen, abzufetten und wieder und wieder zu ölen hat, auch wenn sie seit der letzten Wartung gar nicht mehr benutzt worden sind.

Freitag, den 23.02.1979
"Mach's gut! Ruf mich an, wenn ich Dich noch mal abholen soll!" War das Sigrids Abschied? Ihr endgültiges Eingeständnis, sich von mir abzuwenden nach meinem 'Geständnis' im letzten Brief? Wir gingen in Kälte auseinander; ich fühlte mich wie nach dreckiger, unangenehmer Arbeit. Ich erschrak über meine eigene Rücksichtslosigkeit.

Samstag, den 24.02.1979
Ich bin fest entschlossen, das Leben weiterzuführen, jedoch mit dem Selbstmord als letzte Sicherheit in der Hosentasche. Ich bin zwanzig Jahre alt und doch älter! Die Zeit ist knapp!

Sonntag, den 25.02.1979
Ich habe versucht, aus meinen Unterlagen (Tagebuch) etwas zusammenzuschneidern, was als Bundeswehrroman brauchbar wäre, doch ich habe inzwischen den Eindruck, daß dies ein recht kümmerliches und albernes Projekt werden würde. Trotzdem habe ich stundenlang darin herumgewühlt, weil mir dieser insgeheime Plan doch noch einiges bedeutet hat.

Eine weitere Verrücktheit brachte mich immerhin über diesen Tag hinweg: der ständige Gang zur Küche, zu den Keksen, Butterbroten und Fleischstückchen. Wie lächerlich diese ununterbrochene Schaufelei ist, wurde mir eigentlich erst heute bewußt. Ich weiß doch nun genau, was mir fehlt, und was ich suche, doch ich ändere nichts.

Montag, den 26.02.1979 (Rosenmontag)
Wir verfolgten einige Wagen des Rosenmontagszuges und gingen dann ins Tinnef, eine sehr schöne Studentenpinte. Die Musik gefiel mir, ich setzte mich an geeigneter Stelle hin, trank die mir regelmäßig aufgezwungenen Biere und döste ansonsten über das Geschehen hinweg.

Dort war genau die Welt zu finden, an deren Teilnahme ich mich durch die Bundeswehr gehindert fühlte! Studenten, jünger als ich, beneidenswert gutaussehend. Ihre Beine flogen beim Tanz wie Blätter im Wind. Körper lehnten sich leicht aneinander, und immer wieder grüßte ein ahnungsloses Lächeln. Mit so manchen hätte ich mich gerne angefreundet und wäre fortgeflogen mit ihnen, wenn nur das Leben mir offengestanden hätte!

Manfred, der Freund meiner Schwester, zog mich beiseite und versuchte, meine trübe Miene aufzuheitern; er sprach von sich, wie er sich am ersten freien Bundeswehr-Wochenende an die Autobahn gesetzt und geheult habe. Er beschrieb mir, wie verhaßt ihm dieser "Laden" bis zum Schluß gewesen sei, und redete von einer ganz unerwarteten Hoffnung, die immer an den düstersten Stellen auftrat.

Eine bildhübsche junge Studentin, die mit ihrem Freund tanzte, reichte mir die Hand und forderte mich lächelnd auf, aufzustehen und mitzutanzen. Die sechs bis sieben Gläser Bier hatten mich bereits träge gemacht und wollten mich wieder auf meinen Platz niederdrücken, doch ich folgte dem Lächeln. Ihren Tanz verstand ich nicht, blickte ununterbrochen auf das Spiel ihrer Füße, um ihr folgen zu können, doch sie sagte nur, man müsse den Kopf oben halten; ihr Freund sagte, es sei ganz egal, wie man es mache. Arme um Schultern verschlungen bewegten wir uns wenige endlose Sekunden in dieser kleinen Gruppe, bis ich mich entschloß, mich auf den Heimweg zu machen. Bald blieben mir nur noch lästige Spannungen im Kopf, Ausläufer des Alkohols und meiner Sorgen; wozu hatte ich überhaupt noch Hoffnungen, wenn sie immer und immer wieder verjagt würden?

Mittwoch, den 28.02.1979
Trotz der Kälte konnte ich mich während meiner bisherigen Streifenposten (hier auf der Wache) hin und wieder zu einem Gedanken zwingen. Dieser Streifengang, während dessen einen das körperliche Unbehagen anekelt und man schweigend dösend hinter seinem Leidensgenossen hertrottet, mit dem sternklaren Himmel, der frischen Luft und dem friedlichen Schnee, dieser Streifengang beschwört meine ganze Wut über den Wehrdienst von neuem herauf. Erinnerungen an die Zeit der Bücherläden, in denen ich wählerisch literarische 'Delikatessen' zusammensuchte, um sie später wahllos zu verschlingen - treue Begleiter meiner Träume in Nächten einsamer wohltuender Wanderungen. Träume von der Liebe, von einer besseren Welt, von Freundschaft.

Jetzt, gerade jetzt laufen in Köln noch die letzten Karnevalsnachzügler über die Straßen; Arm in Arm, singend, eine Pauke unbeirrbar schlagend, was mich als Kind immer besonders fasziniert hatte. Diese Abschiedsstimmung, letzte Leuchtstreifen dieser befreienden Tage. Vielleicht spürte so mancher erst da, daß er ein weiteres Jahr älter geworden war, und daß es im folgenden Karneval wieder ein Jahr sein würde und so fort. Ein Grund mehr, laut zu singen, zu trommeln und einen Schluck aus der Schnapsflasche zu nehmen.

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