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Freitag, den 02.03.1978
Wieder auf Wache, wenig geschlafen, trotz Müdigkeit den "Narziß und Goldmund" von Hesse zu lesen begonnen, hab mich dort schon richtig hineingefressen.

Vorletzte Nacht hatte ich erneut einen grausigen Traum: Einer aus unserer Stube lag röchelnd und hustend m Boden, von seinem Mund ausgehend lief ein dicker Blutstreifen am Boden entlang. 'Krebs' - so wußte man allgemein zu diagnostizieren, und ich dachte in erster Linie daran, daß er nun nicht mehr bei der Bundeswehr bleiben müsse.

Gestern sagte mir unser Uffz, ich solle besser Pornos lesen, da würde sich bei mir mal etwas anderes regen als nur 'das Innere' wie bei dieser Literatur.

Die Zeit wird einem hier zum Feind. Läuft man gerade Posten, so ringt man darum, diese zwei Stunden herumzukriegen, doch sie werden endlos lang; hat man gerade seine vierstündige Pause, so versucht man, dieses und jenes zu lesen und zu schreiben, doch die Zeit ist herum, bevor man überhaupt mit seinen Gedanken hat beginnen können. Eingekesselt in verplante Stunden, vom Dienstbeginn zum organisierten Feierabend, von der Mittagspause zum wohlüberwachten kurzen Wochenende. Selbst die schönsten Beschäftigungen, von denen es hier verdammt wenige gibt, werden, vom Dienstplan zurechtgeschnitten, zu nervenaufreibenden Unlusterlebnissen.

Samstag, den 03.03.1979
Sigrid mit verweintem Gesicht, irgend etwas von einem Blatt Papier abschreibend. Dagmar hockte daneben, mehr besorgt als interessiert. Alles sei beschissen, das war für eine Weile das einzige, was man mir zu wissen gab. Dann nahm Dagmar das vollgeschriebene Blatt und las es laut vor. Da stand etwas von Rollen und Zwängen und Masken, und ganz zum Schluß ziemlich unvermittelt die Feststellung, daß alles sinnlos sei.

Das war es also. Sigrid hatte bereits eine Barium-Tablette genommen und schien völlig mit den Nerven am Ende. Das war es, und deswegen hatten sie mich angerufen, als einen Leidensgenossen. Alles ist sinnlos, Sigrids Pläne stürzten haltlos ein. Das Leben, der Tod - alles ein einziges düsteres Loch, alles ein-und-dasselbe, alles nichts. Wofür? Wozu? Ich kannte das, konnte es nachfühlen, hatte es ja selbst erlebt - Sigrid war am Ende. Dagmar und ich redeten und redeten, diskutierten, gaben auf, suchten vergeblich nach Lösungen und wußten, daß es keine geben würde, fragten mit der Gewißheit, keine Antwort zu bekommen, und erlebten alles noch einmal. Doch Sigrid war noch ganz woanders. Da war noch das Loch, die Katastrophe, die bei Dagmar und mir bereits wieder mit Illusionen zugewachsen war.

Montag, den 05.03.1979
In Bremen traf ich Karl-Heinz. Er war auffällig verlegen, sagte, er müsse sofort zu seinem Zug, erwähnte noch, daß er sich für vier Jahre verpflichtet habe, sei aber noch in der Ausbildungskompanie und wisse noch nicht, wie es danach sein werde. Und das sei es dann auch. Und ging. Torkelte und grinste in seiner schüchternen Beschämung, die, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, um vieles schlimmer geworden war. Vielleicht war es nur die Angst davor, einen großen Fehler gemacht zu haben. Vier Jahre ohne zu wissen, was kommt. Als Zwanzigjähriger.

Habe Sigrid einen wahren Sonnenscheinbrief geschrieben, ohne etwas zu sagen, was ich als belastend empfinden würde. Habe versucht, ihr aus dieser gottverdammten Nichtigkeit unseres Daseins herauszuhelfen. Um ihr zu Mut und Kraft zum Leben zu machen, habe ich hoffnungsvolle Gedanken vorgetragen, wie ich sie mir selbst in düsteren Stunden oft ans Herz gelegt habe. Doch ich habe nicht alles gesagt; habe meine eigenen Zweifel verschwiegen, ungelöste Probleme einfach weggelassen.

Dienstag, den 08.03.1979
Gestern Abend beim EDV-Kurs bald wahnsinnig geworden; der Leiter redete die ganzen 3 1/2 Stunden von Lohnbuchhaltern, und -bearbeitern; er wußte aus jedem kleinsten Nichts einen nicht einmal rhetorisch gut gelungenen, dafür aber sehr langen Satz zu formen. Es war beinahe eine seelische Folter, wie sie an einem ohnehin schon kurzen Feierabend kaum schlimmer sein kann.

Es gab Zeiten, da glaubte ich, es müsse hier noch Leidensgenossen geben, die das alles genausowenig ernstnähmen wie ich, doch darin bin ich enttäuscht worden. Wenn man sie fragt, dann finden sie alles sinn- und zwecklos und grenzenlos verrückt, doch wenn ein Uffz laut schreit, stehen sie stramm - ohne Ausnahme, ohne Widerrede, ganz selbstverständlich.

Freitag, den 09.03.1979
Den "Narziß und Goldmund" zuendegebracht; von der Ruhe und dem Trost, den dieses Werk vermittelt, noch ganz erfaßt. Es kommt mir vor, als habe Hesse in diesem Buch alles Wesentliche im Leben beschrieben. Er stellt Vernunft dem Gefühl, Leben der Kunst und Sinn der Sinnlosigkeit gegenüber. Nichts wird entschieden, ja alles als unentscheidbar betrachtet; Sehnsüchte, Flammen und Sorgen bleiben offen - nur der Tod wird zu einem letzten wollüstigen Schmerzensschrei. Es ist immer wieder bewundernswert, mit welcher Überzeugungskraft Hesse neuen Lebensmut zu erzeugen vermag!

Samstag, den 10.03.1979
Voll Erwartung machte ich mich um 12.00 Uhr auf nach Verden, dachte an Einkäufe, große Geschäfte, Menschenmassen und eine Tasse Kaffee im Getümmel. Statt dessen irrte ich 1 1/2 Stunden lang dreimal im gleichen Kreis, bekam in einer kleinen Kneipe eine schrumpelige Bockwurst mit fettigen Pommes Frites vorgesetzt, schleppt mich dann zum Bahnhof zurück und gab auf - fuhr geradewegs wieder in diese herzlose Kaserne, um hier zu sitzen und dieses unbedeutungsvolle Ereignis aufzuschreiben.

Sonntag, den 11.03.1979
19.30 Uhr - eigentlich doch erst der Beginn des Abends, eigentlich erst der Anfang meiner Gefühlsbewegungen und Produktivität. Trotzdem plane ich schon das Zubettgehen, trinke 'den letzten Tee für heute', kann es tatsächlich kaum erwarten, mich schlafenzulegen. Was noch anfangen, was noch in Angriff nehmen angesichts der Gefahr neuer Sehnsuchtsanfälle nach Zuhause, Eltern und Freunden? Ich fliehe fort von hier, fort aus der Möglichkeit neuer Fehler, Enttäuschungen, Ängsten und Schmerzen, hin zu einem unverbindlichen, risikolosen und darüber hinaus erfrischenden Schlaf.

Montag, den 12.03.1979
Am Abend lag für mich ein kleines Päckchen von Sigrid (Rilke: "Das Buch der Bilder") und zusätzlich ein zweiter Brief im GvD-Zimmer. Ihre Briefe waren diesmal ungewohnt ehrlich, und es drängte mich sofort, ihr zurückzuschreiben. Ich erzählte einiges über meine letzten Erlebnisse (übrigens auch etwas ehrlicher) und versuchte, ihr etwas Mut zu machen. Daß der Versuch diesmal nicht sehr überzeugend war, mußte ich mir selbst eingestehen. Ihre Bemerkung, mein letzter Brief sei druckreif gewesen, hatte mich ein wenig stolz gemacht.

Jeden Morgen nach dem Aufstehen finde ich die gleiche Situation vor: Kaum aus dem Traum erwacht, der mich noch ein wenig an das bindet, was mir als Leben erscheint, der seine Mittel zum Teil aus meiner Erinnerung und zum Teil aus einer auf phantastische Weise der Gegenwart angepaßten Wunschwelt schöpft, überfällt mich diese graue Ausweglosigkeit und läßt mich alleine. Dann kann mich nichts aufheitern, und wie am ersten Tag könnte ich mich in irgendeine dunkle Ecke stellen und ohne Unterbrechung heulen.

Freitag, den 16.03.1979
Gestern haben wir (meine Vorgänger mit mir) die zur Übernahme der 'Wäschekammer' notwendigen Abzählungen vorgenommen. Manko bezahlt mein Vorgänger; wird es aber nicht bemerkt, so übernehme ich dieses Manko mit! So war also das Mißtrauen zwischen uns kaum mehr zu übertreffen. Die Prozedur, die sich den ganzen Tag hinzog, war deshalb übermäßig belastend und ermüdend.

Zu Hause lag ein zwei Wochen alter Brief von Bodo für mich auf dem Schreibtisch. Sehr behutsam und ermutigend versuchte er, mich über die Führerscheinpleite hinwegzubringen. "Let the music roll" und "Laß den Bund Bund sein".

Samstag, den 17.03.1979
Tod und Galgen, Leben und Wirklichkeit,
Traum und Illusion, mörderische Alternative;
kalte Fischaugen lachen mich aus, als hätte ich falsch gewählt;
die Hand des Todes bietet mir die Möglichkeit,
sie zu nehmen, oder sie zerrt mich herunter;
ungemütliche kalte Welt; schmerzvolles Nichts;
schmierige seelenlose Leere; bald die Ruhe,
die jeden erlöst, ohne daß jemand sie erlebt.

Sonntag, den 18.03.1979
Klärende Frühlingsregen; keine Farbe
bleibt unbegründet erhalten; verbindlich und unschuldig
liegt die nüchterne Wirklichkeit auf dem Weg, den ich gehe.
Wenn ich sie nicht packe, was soll ich dann leben?

Aber ich will vorerst weiterleben. Also kann ich nicht weiterhin diese selbstzehrende weltabgewandte Überlebens-Literatur schreiben. Es geht nicht an, daß dieses Gekritzel, das mir den Selbstmord in letzter Minute verhindern soll, zu meinem Leben wird - ein Leben, das keines mehr ist.

Mittwoch, den 21.03.1979
Frühlingsanfang. Die ersten Vögel springen auf die wenigen traurigen Bäume und plappern gegen den Wind, den Kopf freundlich drehend, die Flügel wie Blätter fröhlich lüftend - Freiheit. Das wünsche ich mir jetzt: ohne Grenzen zu tun, was mir wichtig erscheint.

Irgend etwas kettet meine Gedanken fest; es ist, als könne ich nur den einen Weg weiter geradeaus gehen; es ist, als wäre jeder Augenblick eng, als würde mir etwas die Sicht abschneiden. Man könnte mich laufen lassen, mir die ganze Welt öffnen - ich glaube, ich säße immer noch in meinem winzigen Gehirnkämmerlein und irrte sinnlos immer denselben Weg entlang. Jemand führt mich wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden.

Donnerstag, den 22.03.1979
Ich habe mir gerade ein Photo von meiner Schwester in unserer alten Küche angesehen; ich lege es schnell weg, beschwichtige meine Phantasie hastig und mache mir zwei Brote mit alter Wurst (beides von gestern und vollkommen verkrustet). In Gedanken plane ich wieder ein neues Müsli ...

Geträumt von Zuhause: von Fahrten im Bus, in der Bahn, von Köln mit seinen doppelstöckigen Bussen und den Straßenbahnen mit Holzlatten auf dem Boden. Köln von früher, Kindheit. Inzwischen habe ich vor Eifer schon länger gearbeitet, um die 'Wäschekammer' für die 'Battalions-Übergabe' sauber zu bekommen. Was will ich mehr? Hier kann ich mich einschaufeln lassen - so wie ich bin, ohne daß ich mich rühre oder einen Laut von mir gebe. So kann ich versteinern, um nach dem Tode schlagartig zu verwesen ...

Freitag, den 23.03.1979
Die Tage vergehen schneller, seit ich meine 'Beschäftigung' habe. Ich quäle mich nicht mehr so mühsam gedankenvoll durch diese haltlose Leere, ich überspringe sie einfach! So rede ich mir Ruhe ein. Die Vision einer vagen Sicherheit, eine tröstende Hand auf meiner Stirn, und alle Verwirrung legt sich, die Welt ist in Ordnung, denn es geht aufs Wochenende zu, auf Ostern, auf ...

Freitag, den 23.03.1979
Die alte Negeroper von Gershwin, "Porgy and Bess". Musik, die aufräumt. Jede Situation, jede Stimmung vollendet sich von selbst, löst sich zu einem Ende auf, selbst die Ungewißheit und der Zweifel gelangen zu einem ganzen, nichts offenlassenden Bild. Die Tragik wird zur Selbstverständlichkeit, so daß man beinahe aufatmet. Gershwin - so aufgeräumt wie diese Musik fühle ich mich jetzt.

Sonntag, den 25.03.1979
Michael wird nun entlassen; Jürgen ist auf einem dreimonatigen Lehrgang; die Hüllen aus Disziplin und Gleichförmigkeit bleiben, nur die Menschen, die sich dahinter verbergen mußten, gehen.

Dienstag, den 27.03.1979
Oliver schrieb wieder; er habe meinen Brief so bedrückend gefunden wie noch keinen anderen; er finde es jedenfalls sehr 'positiv', daß ich meine Situation noch (!) so gut analysieren könne; ich solle 'weiter so' machen ...

Mein Fahrrad vom Bahnhof geholt, die 15 km in 45 Minuten zur Kaserne zurückgefahren, schwitzend hier angekommen, geduscht, ins Bett. Doch es war der alte Kampf mit dem Wetter, das Keuchen, das Gesicht zum vorüberkriechenden Boden hin gebeugt, die Beine stoßartig gegen den Wind gestemmt; es war die kochende Hitze im Kopf, die sich langsam nässende Hose, dann das erfrischende Gefühl, den Kopf zu heben und sich im Wind kühlen zu lassen. Hier angekommen war ich nicht mehr derselbe wie vorher; ich war ein fremder Radfahrer auf der Durchreise, ein freier Mensch ...

Freitag, den 30.03.1979
Bin nun wieder auf Wache, draußen hört man förmlich die Langeweile des Torpostens, wie sie an die Eisenschranke klopft; die anderen im Wachlokal schlafen, den Kopf auf den Tisch gelegt, mit verschränkten Armen als Unterlage. Mir ist trotz Heizung unwohl und kalt - das mag an meinen noch vom Regen feuchten Kleidern liegen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich ans Essen denke.

Wenn mir dann die Regentropfen einzeln an meinem Nacken zirpen und sich die Haut dort am liebsten kräuseln würde, wenn sich in den Pfützen wie durch ein Fenster die sich biegenden Bäume spiegeln und das gelbliche Licht der Laternen auf die Abenddämmerung trifft, dann schwärmt in mir wieder jenes gemütlich-traurige Bild auf, welches ich in der Kindheit mit so großem Behagen von Opas Wohnung aus betrachtete; das war an den Festtagen, an denen wir zwischen den einzelnen Mahlzeiten und deren jeweiligen Vorbereitungen hin- und herpendelten und vor beglückender Aufregung die Augen nicht einmal für einen Moment zu schließen wagten. Soviel Freiheit läßt mir das Wetter heute, daß ich wenigstens für eine Minute in einen Traum verschwinden kann. Dann sehe ich die sich langziehenden Öllachen im Rinnstein dem überfüllten Abfluß entgegenschwappen; ich sehe wieder auf und werde von Hunderten von dunklen in einer Linie aufgereihten Militärfahrzeugen daran erinnert, wo ich bin.

Die Wochenenden waren bisher immer kleine Atempausen, in denen ich hastig die Schokolade und Kekse in mich hineinstopfte und alleine in meinem Zimmer - bisweilen gestärkt, bisweilen in Heulstimmung - im Dämmerlicht verweilte; oder bei Sigrids Zusammenkünften stets mißmutig die Abende verstreichen ließ. Die Zeit hat zweierlei Maß: Während des Dienstes schleicht sie und quält einen, je unerfreulicher der Dienst ist; in der Freizeit flieht sie vor den Wünschen und Sehnsüchten!

Nun starrt mich diese Leere wieder an; "Wir sind nämlich der Meinung, daß man nur gemeinsam mit anderen im Leben etwas machen kann!", hatte mir Dagmar am Telefon gesagt, an dem Tag, an dem Sigrid die Nichtigkeit des Lebens 'entdeckte'. Nein, ich weiß auch nicht wozu das alles, und deshalb wenden sich meine Gedanken schnell ab, befassen sich mit dem Essen und der Frage, was ich für die anstehende Übung alles zu Hause waschen lasse.

Sonntag, den 01.04.1079
Habe geträumt: Ich war zu Hause, saß im Auto mit meinen Eltern und Geschwistern und anderen 'neutralen' aber dennoch höchst vertrauten Personen. Unterwegs sahen wir Johannes, meinen Schulfreund und Mitmusiker in unserer letzten Gruppe. Als er mich erkannte, wollte er, daß wir anhalten, und das taten wir dann auch - nach einigem Zögern und mit Widerwillen. Es schien, daß er sich meine Anlage ausleihen wollte, was ich aber mit allen Mitteln zu verhindern versuchte. Eigentlich hatte ich meinen Freunden immer gerne einen Gefallen getan, doch es war nun einmal so, daß Johannes im Gegensatz zu mir in 'Freiheit' war, glücklich aussah, studierte und für ihn die Welt sich noch drehte. Diese Ungerechtigkeit machte mich neidisch. Während wir uns unterhielten und die anderen ungeduldig warteten, gelang es mir, ihn von seinem Plan abzubringen, indem ich ihm sagte, daß ich erst einmal drei Wochen in der Kaserne bleiben müsse. Da wollte ich plötzlich heulen und die letzten Worte kamen auch schon in selbstmitleidigem Tonfall heraus; fast mit Tränen in den Augen wachte ich auf ...

Montag, den 02.04.1979
Nun ist die Wache mit Sonnenschein abgeschlossen; die graue dickflüssige Masse aus Gleichgültigkeit und Zukunftslosigkeit schwelte deshalb nur untergründig. Ich schnappte mir das Rad, hetzte mich nach Verden, schlenderte in den Geschäftsstraßen und besuchte kurz die 'Stadtbücherei'. Gelesene und angefangene Bücher von Frisch, "Stiller", "Mein Name sei Gantenbein", "Homo Faber" und "Tagebuch 1946-49" drohten mich wieder ins Erinnerungsloch zu stürzen, und so verließ ich die Bücherei schnell wieder. Erschöpft kam ich wieder in der Kaserne an; es waren neue Soldaten angekommen, unsere 'Stube' war völlig umgeräumt und dadurch ein wenig aufgelockert; es erwartete mich ein Brief von Dagmar, in dem sie mir eigentlich nur ihre Erfahrungen schilderte, die meinen eigenen sehr genau entsprechen. Auch sie träumt - als vorläufige Lösung; doch ihre Träume beinhalten nicht Kaffee und Kuchen, Schokolade und Gebäck, sondern duftende frische Blumen, sorgloser Sonnenschein und liebliche Geräusche in friedlicher Natur.

Dienstag, den 03.04.1979
Das gräßliche Spiel heute morgen, als die Neuen zum ersten Mal gemeinsam mit uns allen antraten, das Aufrufen und "Hier!"-Schreien, Hervorlaufen und anschließend stillstehend, den Kopf in den Buckel vergraben, wieder zurückhoppeln. Nach mehrmaligem Wiederholen dieser Zeremonie brachte der Spieß endlich mit zusammengekniffenen Backen seine Zufriedenheit zum Ausdruck. Es kam mir vor, als würde ich das alles wieder neu kennenlernen - mit den Augen der anderen.

Jeder Werbespot benutzt zur Zeit das Reizwort "Ostern"; "Osterüberraschung", "Ostereinkauf", "Osterfreude", "Osterkaffee", "-Frühstück", "-Festmahl" - geradezu sadistisch hält man uns eine hier unerreichbare Idylle vor Augen.

Seit langem waren Klaus und ich uns wieder wirklich einig, als er mir heute mit der nüchternen Feststellung begegnete, es sei alles so bescheuert hier. Michael wird morgen entlassen; ich habe den Eindruck, er ist geblieben, wie er war; er hat sich selbst über diese Zeit herübergerettet; irgendwie; vielleicht war es auch nur das Vertrauen auf seine unbestechliche Vernunft. Ich sagte zu Klaus, es wäre vielleicht eine gute Möglichkeit, sich für die BW-Zeit hypnotisieren zu lassen und er meinte dazu, er sei ohnehin in einem vergleichbaren Zustand ...

Mittwoch, den 04.04.1979
"Mensch! Ich freu mich auf Ostern!" Immer wieder unterbrach Klaus' Bemerkung unser Gespräch. Mich konnte das nur wenig beruhigen.

Donnerstag, den 05.04.1979
Immerhin schmeckt der Kaffee, den ich gestern gekauft hatte, fast wie zu Hause; immerhin waren meine Einkäufe gestern abend wie eh' und je' in die alte Form der Vorratsbeschaffung ausgeartet. Hamsterkäufe: zehn Packungen Nüsse, vier Packungen Trockenobst, sechs Äpfel. Ein Eis zur Belohnung - wofür? Ein Eis wie zu Hause, zum Trost; vielleicht weil nichts mehr zurückkommt; vielleicht weil auch dies einmal vorübergehen wird; vielleicht weil man nie weiß, wieviel angenehme Minuten mir noch gegeben sind im Leben; oder einfach aus Trotz.

"Die Welt". Manchmal, wenn ich mit dem Bus kurz nach Verden fahre und die mir verhaßte Landschaft unschuldig vorüberziehen sehe, oder wenn ich auf dem Fahrrad auf derselben Strecke dieselbe Straße unter mich hinwegkämpfe, dann ahne ich etwas von der Welt; unschuldig und doch hinterhältig, gewalttätig und liebevoll - irgendwann möchte ich sie beschreiben.

Dienstag, den 10.04.1979
Ja. Vielleicht verstecke ich mich vor der Wirklichkeit, fliehe in diese hohle Ernährungsmanie und schließe die Augen.

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