Mittwoch, den 11.04.1979
Ich frage mich ständig, welche Fehler ich mache, und finde jeden Augenblick neues, was ich mir vorwerfen kann. Doch das einzige, was ich falsch mache, ist vielleicht mein beständiges Zögern. Das jedoch ist ein unvorstellbar großes Verbrechen an mir selbst ...
Ein Pianist - unansehnlich, von Fett durchwuchert, aufgedunsene Backentaschen und ein plumpes Doppelkinn - doch die Musik ist schön. Sie ist unvorstellbar schön!
Donnerstag, den 12.04.1979
Die Sinnlosigkeit starrte mir gleich beim Aufwachen unfaßbar in die Augen. An meine Träume konnte ich mich kaum noch erinnern, es können nur sehr unangenehme gewesen sein. Doch. Ich erinnere mich daran, daß mir Stefan im Traum den Vorwurf machte, daß ich mich noch nicht bei Sigrid gemeldet hätte; und in der Tat habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen ...
Samstag, den 14.04.1979
Wie war das noch ... Ich ging zu Sven, Oliver war da, Otmar erschien auch kurz, und ich konnte nicht umhin, mir deren Monologe (nur Sven schwieg) mich langweilend anzuhören. Es strengte mich sehr an, stets im rechten Augenblick zu lächeln, zumal sich meine Gedanken geradezu zwanghaft von ihren langatmigen Ausführungen entfernten. Während sie also von phantastischen Büchern und neuer Musik erzählten, dachte ich an die bevorstehende Übung, an die Zeit nach dem Wehrdienst, an ein zweifelhaftes Studium, an den ständig sinkenden Mut zur Liebe, ans Älterwerden, an einen Tod, ohne selbst gelebt zu haben. Mit diesen Gedanken also begab ich mich nach Hause und beschloß, erst einmal schlicht etwas zu essen ...
Sonntag, den 15.04.1979
Andere meinen, es sei Ostern, und so plärren sie sich das "Frohe Ostern!" schon aus allen Fenstern entgegen. Ich glaubte mich in die Sonne setzen zu können, um im "Glasperlenspiel" zu lesen, doch keine zwei Sätze konnte ich zusammenhängend verfolgen; und als man auch mich nicht vor "Frohe Ostern!" zu verschonen gedachte, nahm ich meine Zigaretten, dichtete mein Zimmer hermetisch ab und kauerte mich auf dem alten Sofa zusammen, stellte "Paul Simon" an und konnte gar nichts mehr verhindern, als mir die Tränen rücksichtslos aus den Augenwinkeln flossen. Na denn "Frohe Ostern!"
Montag, den 16.04.1979
Der Gang ins 'Graue'. Ein unbequemes Dahindämmern im überfüllten Abteil, Magenzwicken, von verzweifelt eingenommenen Süßigkeiten verursacht, im leichten Traum ein paar dumme sexuelle Wünsche und das Aufwachen im Regen, das Schleppen zweier prall gefüllter Taschen und einer Gartenliege, das verspätete Erscheinen bei der Einheit und ein Haufen - wenn auch ungefährlicher - 'Anschisse'.
Was war Traum, was Phantasie, was Wunsch und was Wirklichkeit? Ein unfreundliches Durcheinander bezwang mich; irgendwann im Laufe des Abends hatte ich noch eine beeindruckende Musiksendung eines Chansonsängers mit Begleitgruppe gesehen. Bruchstücke seiner von mir viel zu verwirrt aufgenommenen Lieder und die dazugehörigen Bewegungen. Junge Künstler hüpften schlank und wendig über die Bühne. Alles paßte zueinander, ich hätte es gerne miterlebt, wenn ich nicht im Angstrausch geschwebt hätte. Bruchstücke. "Le Temps passe". Falten im Gesicht einer alternden Schauspielerin. "Le Temps passe". Ich hatte mich die ganze Woche schon in einen grauenvollen Wahn gesteigert; teils durch unerfüllt gebliebene Wünsche (deswegen das eiserne Hungern), teils durch Ängste und Unwillen (drei Wochen lang würde ich nicht nach Hause kommen). "Le Temps passe". Am Samstag abend habe ich mir bewußt und wahllos Fressalien in mich hineingestopft, weil es mir die einzige Alternative zum Selbstmord war. Unglückliche Verstrickungen, und ich wachte im Regenwetter auf, mein Feierabend ging drauf, da man mich zum 'GvD'-Dienst einsetzte; und so genügt mir die trübe Gegenwart, daß ich nicht auch noch an die nächsten Tage denken möchte. Die Fahrzeuge warten schon vor der Türe auf das morgen aufheulende Spiel, diesen bösartig stumpfsinnigen Ernst, der mich immerzu häßlicher und unerträglicher macht, diese spielerische Zerstörung, deren letzten Akt ich vielleicht alleine und freiwillig begehe!
Samstag, den 21.04.1979 (auf Übung)
Beim Duschen gewesen, in der Kantine eine Tasse Kaffee getrunken, ein wenig Zivilisation genossen ...
Bevor ich weiterschreibe, erinnere ich mich lieber an den Schluß von Solchenizyns "Iwan Denissowitsch"; an das erste ruhige Atemholen dieses grausige Tages, am Abend vor dem Schlafengehen. Oh nein, diesen Selbstbetrug der momentanen Zufriedenheit darf man sich nicht erlauben, solange man fähig ist, ihn zu durchschauen!
Einen Brief von Otmar erhalten, den er mir am Ostersamstag angekündigt hatte; ein Pflichtbrief; ich wollte ihn gar nicht lesen, tat es dann doch, ließ mich von seinen fachkundig formulierten Weisheiten bezaubern, die schließlich in einigen Versen aus Heines "Wintermärchen" gipfelten; faltete ihn zusammen - jede Seite wie auch der Umschlag waren mit seinem Namen und seiner Adresse bedruckt - faltete ihn ein wenig bedrückt und mitleidig zusammen und wusch weiter im verfetteten, inzwischen lauwarmen, von Speiseklumpen durchsetzten Waschwasser die großen Kochtöpfe - ich hatte nämlich Küchendienst.
Sonntag, den 22.04.1979 (auf Übung)
Wie wir beim Essen alle gierig zur Feldküche hinwatscheln, um uns von ihrerseits hungrigen Soldaten das Schnitzel, die Kartoffeln und das Gemüse auf die Teller schöpfen zu lassen!
Samstag, den 28.04.1979
Wenn ich nun nach Zeichen suche, die mir sagen, ob ich gelebt habe, was denn mein Leben wert war, was daraus geworden ist - dann finde ich ungezählte sich bewegende Gesichter wieder, dann begreife ich, daß es nur Menschen sein können, die unser Leben füllen; die unser Leben erst ausmachen.
Samstag, den 29.04.1979
Eine Lücke, eine Pause, eine gefährliche Stockung, und schon sind Hunderte von gefräßigen Gedanken dabei, dieses Leben auszuhöhlen. Unfertige Fetzen liegen schon fast vergessen hinter mir; ein Treffen, ein Gespräch, eine Wanderung; immer nur halb wahr, immer als Durchgangslösung für ein Morgen, ein Ziel, einen Plan, einen Entschluß. Dann verschwand der Grund meines Tuns heimlich, oder er wurde unerfüllbar, oder er besteht heute noch, ganz leise, ganz vorsichtig in meinem überempfindlichen Hirn.
Freitag, den 04.05.1979
Ich habe nun alles hinter mir: eine Woche Übung, eine Woche Bereitschaft, ein paar leere Tage dazwischen. Doch vorbei ist das alles nicht. In der rechten Gesichtshälfte spüre ich ein Ziehen und ein leichtes Brennen, als wolle sich dort irgend etwas verzerren. Unwillkürlich denke ich daran, wie meine Tante plötzlich eines Morgens mit grausig verzogenem Gesicht aufwachte.
"Wie der Staat einem das Leben vermatschen kann", sagte Hans-Peter, der Freund meiner jüngeren Schwester; mit aller Leidenschaft sagte er "vermatscht". Er hätte das besser nicht gesagt ...
Samstag, den 05.05.1979
"Ich nehme mir noch soviel vor für die Zukunft, als wollte ich die ganze Welt verändern, dabei bringt das doch gar nichts!" Dagmar spricht mir von der Seele. "Aber was soll denn sonst sein?", fragte ich sie und sie gab mir Recht.
Sonntag, den 06.05.1979
Geflüchtet. Aufs Rad geschwungen und ins Kino in die "Blechtrommel". Ein offener Film, der nichts Verheimlicht oder verstellt. Leben ohne Verhüllungen, ohne die Kleidungsstücke moderner Wohlstandszivilisation. Dreck, Armut, Egoismus und Haß werfen riesige Schatten über die wenigen glücklichen Stunden der Handelnden. Da mag sich mancher rülpsende korpulente Bundesbürger in seinem Sessel gestört und beunruhigt fühlen.
Montag, den 07.05.1979
Hab' die Kritik über die Blechtrommel' gelesen und feststellen müssen, wie beschränkt doch diese Herren Kritiker mit ihrem Koffer germanistischer Fachtermini ins Kino gehen, um all das zu verurteilen, was nicht dem Normierten und Gewohnten entspricht. Sie sehen vor lauter Vergleichen und Schlußfolgern den Film gar nicht mehr. Wen wundert es also, daß die Blechtrommel' für schlecht befunden wurde?!
Dann also auf zur Kaserne! Auch wenn's wieder für zwei Wochen ist, doch nun denke ich mir: "Die werden mich nicht kriegen!"
Dienstag, den 08.05.1979
Post von Oliver; er gibt sich besorgt; ich glaube, ich schreibe ihm etwas Beruhigendes zurück, gebe mich ausgeglichen.
"Gee-Vau-Dee! Gee-Vau-Dee!" schreit der Spieß durch die Flure, das Gesicht wie immer zu einer häßlichen Fratze verzerrt; es ist kein Spiel, keine Ironie. Er nimmt sich ernst, doch dummerweise nehme ich meine Abneigung dagegen auch ernst.
Mittwoch, den 09.05.1979
Heute vormittag war Gottesdienst. Eine 'Dia-Meditation' über eine Pflanze, die durch ein Gitter wächst und sich trotz allem 'frei' entfaltet; das beeindruckte mich.
Gerd. Nach zwei Partien Schach begann er, daß man lernen müsse, sich durchzusetzen - was ihm selbst nie richtig gelinge. Er wisse nie, wie er sich verhalten solle, und deshalb sei er immer so unsicher und werde ausgelacht. Überhaupt sei es "eine Katastrophe", daß er hier bei der Bundeswehr sei und das liege auch daran, daß er sich vor der Prüfungskommission nicht habe verständlich machen können. Anschließend unterbreitete er mir sehr verzweigte und unverständliche Theorien über Autorität, Persönlichkeit und Menschlichkeit, redete mir die Ohren müde und brach dann endlich ab - er müsse noch zwei Briefe wegbringen.
Im Grunde habe ich daraus nur ablesen können, wie sehr auch ihn dieser Wehrdienst mitnimmt und daß die Annahme, ihn berühre das alles nicht, falsch war. Er ist meistens verwirrt, vor Verlegenheit gelähmt und stammelt dann hilflos und zum Spott aller vor sich hin. Mir wurde klar, wie sehr auch ihm dieses Verhalten bewußt ist. Er führt das zurück auf eine Krankheit, auf mangelnde Durchblutung im Kopf, doch ich vermute eher psychische Gründe.
Donnerstag, den 10.05.1979
Mühevoll habe ich "Ungenach" von Thomas Bernard zuendegelesen; gleichzeitig meine Studierpläne weiter zurückgeschraubt unter dem Vorwand, ich hätte sie bloß verschoben. Während es mir vor einigen Monaten noch vollkommen absurd erschien, daß hier zwischen Gequälten und Gejagten auch Geschonte und Ausgeruhte ganz ohne Gewissensbisse und ohne Scham herumlaufen, gehöre ich nun selbst zu ihnen und habe am Ende nichts anderes im Sinn, als meine Stellung zu halten...
Sonntag, den 13.05.1979
Im Verlauf meines Traumes letzte Nacht sang jemand mit sehr guter Stimme, jedoch unerträglich schief!
Wenn mich heute Mittag jemand gesehen hätte, wie ich auf den dreißig Quadratmetern dieses Zimmers umherirrte, die Gedanken voller Kalorienberechnungen, unfähig etwas zu lesen, geschweige denn zu lernen, dann hätte er mein Gefühl, schachmatt zu sein, bestätigt.
Es scheint mir nun, als wolle ich gar nicht wahrhaben, daß die vor mir liegende Wehrdienstzeit langsam aber stetig weniger wird; manchmal habe ich Angst vor dem, was sich daran anschließt; vor der Unfähigkeit, dieses ehemals so bekannte Leben zu bewältigen ...
Montag, den 14.05.1979
Die Sonne schielt hell und bedingungslos vom Himmel und verspottet alle ernsthaften Gedanken; Kritik droht zur Lüge zu werden, jedes Wort scheint zur Ironie verdammt; immerhin: das ändert nichts. Im "Glasperlenspiel" lese ich, daß Gott die Verzweiflung dafür geschaffen habe, daß man nach Leben dränge; es sei deshalb sehr bedauerlich, in Verzweiflung zu sterben (Selbstmord). Wenn der Tod komme, so solle es eine Freude sein, diese so lange getragene Last, das Leben, endlich niederlegen zu können; es solle eine Zeit des Friedens und der Ruhe sein.
Ich hatte für die Freundin eines Soldaten aus dem Geschäftszimmer eine Reihe von Mathematikaufgaben gelöst; heute erhalte ich dafür eine große Schachtel Pralinen und freue mich riesig.
Draußen brennt es, brodelt es, treibt es überall Äste und Knospen, und ich hocke in meinem Wäschekeller, fröstelnd und rätselnd, was ich nun eigentlich will, worauf ich mich denn freuen soll, worin ich Hoffnung finden kann. Wie sehr habe ich noch das unter Kontrolle, was ich alles tue? Unzählige Bewegungen ineinander verwoben, Gewohnheiten, Techniken, Beschwörungen - wieviel bleibt da noch übrig von MIR? Wahrscheinlich ist alles längst ein gewaltiger Strudel, der mich mitreißt, und der den Endpunkt längst festgelegt hat - wo ich noch glaube zögern zu können!
Nach langen Bemühungen habe ich nun das "Glasperlenspiel" zuendegelesen. Auf den letzten Seiten war es Hesse doch noch gelungen, mich von der Wirklichkeit wegzuholen. So wie alle Bücher Hesses nach einer Lösung, nach einem Leitsatz fürs Leben drängen, laufen auch beim "Glasperlenspiel" alle Fäden in einer Weisheit zusammen: die Vollendung des Lebens liegt in der Hingabe an die Meditation, das Überwinden aller körperlichen Triebe, gleichzeitig aber auch das Ausschalten der Vernunft als Hindernis. Übrig bleibt eine friedliche ungestörte, eine leblose, sinn- und ziellose Ruhe. Was aber ist dies anderes als ein todesähnlicher Zustand, der sich vom Tod nur noch durch das Schlagen des Herzens, das Atmen und das Funktionieren der übrigen inneren Organe unterscheidet? So kommt Hesse also zu dem Schluß, daß es sich nicht lohnt zu leben; so hat Hesse also, wenn auch in verführerisch schönem Stil, einen perfekten Nihilismus geschaffen - und das kurz vor seinem Tode in seinem letzten Werk. Vielleicht unterlag er nur den Zwängen seines Gewissens, daß er nicht für den Selbstmord plädierte.
Dienstag, den 15.05.1979
Bodo, der nach der Grundausbildung nach Lüneburg versetzt wurde, schreibt mir in seinem Brief, daß auch ihm die "Verblödung" bewußt wird und er es kaum noch aushalten könne in diesem "Saftladen". "Endlich", denke ich mir ...
Sigrid bemüht sich in ihrem Brief, mir das Geschehen in der Clique nahezubringen und wirbt scheinbar um meine Anteilnahme. Ich glaube, sie schreibt mir nur noch aus Pflichtgefühl. In den letzten beiden Briefen spiegelt sich die Sommerstimmung wider, und gerade diese Abhängigkeit vom Wetter und von der Jahreszeit stimmt mich nachdenklich.
Mittwoch, den 16.05.1979
Brief von Oliver erhalten. Er schreibt (unter anderem), ich sollte doch meinen "Haß" auf Otmar wegen seines Briefes ihm selbst mitteilen. Ich hätte ihm tatsächlich besser geschrieben, doch von Haß war doch gar nicht die Rede gewesen.
Ich habe auch wieder Gelegenheit gehabt, als 'Privilegierter' sozusagen, während der Dienstzeit im "Sturz" von Martin Walser zu lesen. Diesen Vorteil will ich mir erlauben, als geistiges Stärkungsmittel. Tatsächlich ist nämlich dieses Werk, wie auch alle anderen von Walser, von belebender Helligkeit und geistiger Frische.
Donnerstag, den 17.05.1979
Wie so oft bestand gestern Abend das Leben, die Welt aus einem einzigen Vorhaben: mit dem Fahrrad ins Kino zu fahren. "Was heißt denn hier Liebe" stand auf dem Spielplan, ein in der "Zeit" vielfach empfohlener Film. Weil ich noch Zeit hatte, suchte ich in Verden nach einer Sitzgelegenheit, um in Walsers "Sturz" zu lesen, doch es blieb dann nur der Bahnhof, um einigermaßen unauffällig sitzen zu können; einen Grund fürs Lesen vortäuschend, sozusagen.
Freitag, den 18.05.1979
Habe im Hauptbahnhof Walter, einen alten Schulkameraden, getroffen. Er habe gar nicht geglaubt, daß ich zum Bund ginge; das habe er von mir nicht erwartet. Und auf dem Heimweg in der Straßenbahn erfuhr ich allmählich von seinem Stand als Panzergrenadier; es scheinen dort kaum vorstellbare Zustände zu herrschen; Schlägereien nach Dienstschluß. Er erzählte all dies mit einem ständig einfallenden Lachen; mit herunterspielenden Floskeln schwächte er den Inhalt seiner Worte immer wieder ab und schien sich andauernd selbst widerlegen zu wollen. Es dauerte einige Zeit, bis ich daraus die Resignation las, die ihn erfaßt haben mußte. "Es geht eben." "Man gewöhnt sich an alles." "Früher oder später kriegt man ohnehin eins auf den Deckel." Wie viele Gläser Bier, wie viele Chipstüten und Keksrollen mochten ihn so passiv und aufnahmebereit, geradezu dankbar für jede Einschüchterung gemacht haben?! Und ganz beiläufig sprach er von anfänglichen Schwierigkeiten - "Von Luftschlössern, die zerbrochen sind" (Reinhard Mey) - früher oder später, man gewöhnt sich an alles ...
Samstag, den 19.05.1979
Das übliche Beisammensein mit Sigrid, Stefan und Dagmar. Fachsimpelei ("Kann ein Mensch für sein Handeln verantwortlich gemacht werden?"); Versuche, sich zurück in verrückte Pläne hineinzuspinnen; nutzlose Klimpereien auf der Gitarre. Als ich die Töne von "Atze Lehmann" (Reinhard Mey) anzupfte, brach Dagmar in ein heftiges Schluchzen aus; Stefan tröstete sie; ich bemühte mich, möglichst behutsam in ein anderes Stück überzugehen, damit sie aufhörte; Sigrid schwieg die meiste Zeit mit tieftraurigem Gesicht, hockte im weit geöffneten Fenster; Stefan erzählte noch wichtig von belanglosen Filmen. Ich saß da, täuschte wie immer interessiertes Zuhören vor, nickte, staunte, lachte, wenn es an der Reihe war. Mit ihrem längst zum Dauerzustand gewordenen vorwurfsvoll pathetischen Gesichtsausdruck beteuerte Sigrid ihr Verständnis für meine Müdigkeit und den Entschluß, bereits um 21.00 Uhr zu gehen.
Abgezählte Kalorien, 80 Gramm Makronen abgewogen, das Naschen ad absurdum getrieben, die Funktion als Ersatzbefriedigung ständig vor Augen. Überhaupt: Was tun wir im Leben denn anderes als Triebe zu befriedigen und vor unangenehmen Reizen zu fliehen?
Siegfried, ein früherer Schulfreund, hat mich für morgen zu einem Plauderstündchen zu sich bestellt. Ein unangenehmes Gefühl vor dieser Begegnung mit einem erfolgreichen Erfolgsmenschen, der sich anschickt, Mediziner zu werden. Doch er ist auch ein ehemaliger Freund.
Ich wünschte, ich hätte Dagmar mit irgendeinem Wort helfen können; ich hätte ihr sagen sollen, daß die Verzweiflung keine Möglichkeit weiterzuleben ist, und weiterleben will sie doch offensichtlich. Verzweiflung als Motor, weiterzumachen? Vielleicht hat Hesse das überinterpretiert; es ist doch alles Funktion, biologisch begründbar. Es sind die Triebe, die weitermachen wollen ...
Jeder Tag, an dem der kommende Schlaf als Erlösung dasteht, erscheint mir nun ein verlorener. Lüge ich mich nicht bloß immer weiter vorwärts?