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Montag, den 21.05.1979
Gestern morgen bei Siegfried gewesen; sein Zimmer protzt von Zeitungsausschnitten, Schlagzeilen und Bildern über religiöse Themen; Siegfried sieht aus, als sei er jünger geworden, seine Lachkerben sind nahezu verschwunden, die Gesichtshaut ist kindlich glatt. Er erzählt begeistert von seinem Medizinstudium, seinen Bibelkreisen und seiner sportlichen Lebensweise. Wohl nur der Wahrheit zuliebe erwähnt er mit schlechtem Gewissen, daß er in diesem Jahr zweimal für 4 Wochen ins Ausland fahre; doch man müsse auch sehr viel lernen in der Zeit, das sei unvermeidlich. Mit demonstrativer Empörung nimmt er meine Bundeswehrschilderungen auf, ohne jedoch weiter darauf einzugehen. Freuen wir uns also auf den Urlaub, und wenn jemand nach der Meinung fragt, so holen wir die fertig gedachte Empörung aus der Schublade.

Mein Weg zum Bahnhof war begleitet von einem regenschweren warmen Wetter. Irgend etwas trauriges hatte diese Luft in sich. Erinnerungen? Als ob bei einem solchen Wetter immer etwas zu Ende gehe, als ob sich Trennungsnarben in unser Leben einschnitten. Auch am Bahnsteig glaubte ich Abschiedsgeruch zu spüren. Vielleicht lag es nur an alten aufgewirbelten Urlaubsszenen.

Im Zug von Köln nach Bremen. Martin Walser: "Der Sturz". Ohne in diesem Buch etwas übermäßig "Bedeutsames" und für mich persönlich und die Welt Wertvolles zu finden, lese ich darin weiter. Oft reicht die sehr lockere Fessel von Walsers Erzählstil nicht aus, mich bei sich zu halten. Dann müssen meine Gedanken sich lösen von diesen verrückten Geschichten, müssen an das nächste Essen denken, an meinen Dienst, an eine Melodie oder ein Bild. Oder meine Gedanken sterben vor Müdigkeit unter den vorüberziehenden Worten weg. Es gab früher Zeiten, in denen ich an sexuelle Kontakte denken mußte, dann an die Fortschritte unserer Musikgruppe, dann an die Entwicklungen meines neuesten elektronischen Machwerks. Doch wann dachte ich schon ohne ein "Muß"? Wann konnte ich (wer ist das eigentlich, "ich"?) selbst bestimmen, welchen Dingen sich meine Gedanken und Taten zuwendeten? Durch alle Zwänge, Nöte und Triebe hindurch vermute ich trotzdem ganz oben im meinem Schädel einen winzigen Ort, wo ich selber die Herrschaft habe. Ob das zu optimistisch ist?

Gestern abend, als der Zug im Dunkeln auf eine flimmernde Stadt zufuhr, dachte ich: "Endlich Leben, endlich ein Stück Welt!" Aber was heißt es denn, sich einem wohlgeordneten Haufen gewissenhaft aufgestellter Häuser nähern zu dürfen? Was heißt es, abgepackte Bonbons zu lutschen und vorproportionierte Luft einzuatmen?

Dienstag, den 22.05.1979
Immer noch gibt es Momente, da verfluche und verdamme ich die Wortfolge jeder 'Meldung' bei der Armee; da empfinde ich jede befehlende Stimme als unbeherrscht wütende Faust und jede Anordnung als Teil eines böswillig erdachten Strafvollzugs.

Manchmal kommt es mir vor, als wollten meine 'Kameraden' mich mit allen Mitteln dazu herausfordern, aggressiv zu werden, zu schreien und zu brüllen, wie es alle tun. Meine Rolle verstehe ich dann wiederum darin, diese Reizungen, Knebeleien abzublocken und, wenn sich dennoch Wut staut, was leider oft genug vorkommt, diese zu verbergen. Wahrscheinlich gebe ich bei all dem bloß eine ganz dumme Figur ab.

Mit neunzehn anderen war auch ich für heute abend zur Teilnahme an einer Radiosendung hinbefohlen worden. Es sollte um Selbsttötung, um das Freizeitangebot bei der BW und um die sogenannte "NATO-Rallye" (die Wochenendrückfahrten) gehen. Gleich zu Beginn führte ein Herr Oberstleutnant die gestiegene Selbstmordrate auf ausschließlich persönliche, vom Wehrdienst unabhängige Probleme 'zu Hause' zurück. Das war dann auch der einzige Beitrag zu diesem Thema!

Wie Spitzel funkelten die Herren Offiziere zwischen dem Pulk aufgeregter Wehrpflichtiger . Allwissend kommentierten sie sämtliche Beiträge, welche wie Fliegen um die wenigen hellen Flecken des Militärs kreisten. Klaus gab seiner Empörung dadurch Ausdruck, daß er die Geste des Erbrechens imitierte - jedoch unauffällig genug, daß es niemand merkte. Mich kribbelte es am ganzen Körper: ich hatte mich mit meinen bisherigen Aufzeichnungen nicht geirrt; so deutlich kann man sich nicht irren - das war bewußte Lüge heute abend! Es kommt mir vor, als würde alles auf die Wahrheit warten. Es kribbelt überall, meine Aufzeichnungen blinzeln mir zu ...

Mittwoch, den 23.05.1979
Siehst Du nun endlich, daß alles Blödsinn ist?! Spürst Du nun endlich, daß Ihr bloß Schaum schlagt, ihr wichtigtuerischen, geschäftigen, dummen kleinen Lebewesen! Ihr Lügenartisten, die ihr eure eigene Abschußrampe rastlos umkreist! So holt ihn Euch doch gleich: den Tod.

Donnerstag, den 24.05.1979
Traum: Es regnete zu Hause in Strömen (wie hier gestern abend), und zwar so stark, daß das Wasser aus allen Löchern in mein Zimmer rann. Alles, meine Gitarren, meine elektronischen Geräte, war durchnäßt und größtenteils unbrauchbar geworden. Dennoch behielt ich eine seltsame Gleichgültigkeit demgegenüber, als sei ich überhaupt nicht beteiligt; als gehöre das alles nicht mehr zu mir, genausowenig wie meine Eltern und Geschwister, mein Zuhause und meine Freunde.

Samstag, den 26.05.1979
Bei Sigrid und Dagmar; Stefan hatte Dienst. Eis-Essen, kleine Spielchen, etwas erzählt. Ich war jedoch mit den Gedanken woanders! In der Bahn hatten wir kurz zuvor zwei Jungen getroffen, ca. 16 Jahre alt; einer, ein sehr hübscher, hatte mich im Vorübergehen ganz offen und ungehemmt angestarrt. Gefangen hatte er mich! Er hatte scheinbar genau den richtigen Nerv getroffen; von diesem Augenblick an war ich für den Rest des Tages wie auf den Kopf gestellt. Der Junge hatte mich wohl 'durchschaut', und ich glaube, im Gespräch zwischen den Beiden das Wort "schwul" verstanden zu haben.

Montag, den 28.05.1979
Ein unruhiger Tag. Aufgaben, Ziele, Planungen, alles im Kleinen und oft tierisch Primitiven; dennoch ein leerer Tag; hohl wie mühselig geschlagenes Eiweiß. Ein tröstender Brief an Dagmar, ein offener Brief an Sigrid, ein noch nicht abgeschickter 'politisch' gehaltvoller Brief an Oliver, und aus. Nach Dienstschluß in Verden gewesen, sogar zwei Bücher in der Bücherei geholt, Quark gekauft, Briefumschläge und ein Kursbuch von der Bundesbahn, und aus. Geduscht, Kaffee getrunken, nichts mehr gegessen; und nun läuft Barclay James Harvest.

Handkes "Gewicht der Welt" enttäuscht mich maßlos; mittelmäßige, nur selten überzeugende oder beeindruckende Randbemerkungen zur Welt, zu Handkes Welt, die ich mir nach all dem sehr flach und arm vorstelle. Handke scheint sehr vorsichtig zu leben, ohne Risiko, immer auf "Nummer sicher" gehend. Warum soll ich das lesen?

Dienstag, den 29.05.1979
... damals, abends in der Küche, zusammengesessen und nicht bemerkt, wie es dunkel wurde; uns gegenüber meine Mutter in ihrem gutmütigen, vertrauenswürdigen, ausweglosen Körper; noch fassungslos und doch schon resigniert bebte sie von Erinnerungen aus dem Krieg, von einer verpaßten Jugend, von einer Zeit der Fehlentscheidungen und gnadenlos eingerasteter Weichen. Ohne daß dies jemand von uns hätte sagen können, war die Luft doch erfüllt von dem Wissen um Endgültigkeiten. Nicht zuletzt der Dunst der Dunkelheit übertrug diese Traurigkeit auf uns alle ...

Mittwoch, den 30.05.1979
Ein kleiner Zwischenfall. Dem Spieß war meine Meldung ("Hier!") nicht 'plötzlich' genug gekommen (so viel Angst habe ich nicht mehr vor ihm). "Laut, zackig; so war das vor zehn Jahren; so hab' ich das gelernt, und so machen wir das auch hier!" Danach fühlte ich mich wieder genügend aufgerüttelt, um mich wenigstens gedanklich gegen diesen Betrieb hier aufzubäumen, doch letzten Endes gehen hier alle Ansätze von Vernunft unter im tierischen Gebrüll!

Nach Dienstschluß hab ich mich dann aufs Rad geschwungen, bin in den Wald gefahren, auf einen Hochstand geklettert. Im Grunde war alles wie früher - als wir zur Erholung 'ins Grüne' fuhren. Es war die bekannte Wohltat, bei schönem Wetter allein in der Landschaft zu hocken, zu lesen, zu schreiben oder einfach zu träumen. Obwohl eingekesselt von den Spuren militärischen Daseins, herrschte dort die langersehnte Ruhe, wohlwollender Frieden. "Hier kann ich denken" - dachte ich unweigerlich, doch die Zeit trieb, meine Illusionen waren nur von kurzer Reichweite.

Eben fiel mir auf, wie sehr sich doch auch die Sekretärin auf unserem Geschäftszimmer eines militärischen Tones befleißigt, wie sie 'kleinen' Rekruten zackig Befehle erteilt, dann aber im gleichen Atemzug überraschend charmant mit dem Rechnungsführer plaudert, gleichsam von Dienstgrad zu Dienstgrad, alles in militärischer Manier. Warum nicht in der Sonne lächeln, wenn es draußen vor dem Fenster heißt: "Stillgestanden!"? Warum nicht intelligent Formulare ausfüllen, während irgendwo draußen im Gelände ein Haufen Alarmposten in den Stellungslöchern friert? Fünfzehn Schuß, Feuer frei, Herr Dauerwellen-Feldwebel. Hauptsache, sie haben eine laute Stimme, um ihre Anordnungen durchsetzen zu können. In ihrem Geist herrscht Idylle, in ihren Taten aber grenzenlose Rücksichtslosigkeit.

Donnerstag, den 31.05.1979
Auf dem Weg von der Kaserne nach Hause gehen mir Fragen durch den Kopf. Wo fahre ich hin? Was werde ich tun außer zu essen? Außer einzukaufen, zu kochen und zu essen? Die Liebe - was nehme ich mir vor? Welche Erfüllung erwarte ich von dem, was ich schon so lange vor mir herschiebe?

Freitag, den 01.06.1979
Der gewöhnliche 'Canossagang' von Nippes in die Stadt; Regenwetter; ein Lachsbrötchen fast schon mit Gewissensbissen verzehrt, weil ich eine ganze Menge Öl darauf entdeckte; in der Bücherei mit melancholischen Gefühlen in einer "Elektor" geblättert. Zu Hause begann ich, meine Aufzeichnungen herauszukramen und mühselig die ersten schriftlichen Erzeugnisse daraus zu formen; alte Musik.

Es war schon wieder nichts daraus geworden, ich hatte mich nicht getraut, eines dieser 'einschlägigen' Etablissements zu betreten. Was sollte ich auch schon dort, wo es nur Pärchen gibt und kein Platz für seltsame Einzelwesen, wie ich es bin? Nun, ich fuhr anstandslos nach Hause, sah noch Bodo die U-bahn-Treppe vom Neumarkt heraufkommen, doch ich wich ihm aus, ohne Grund, ich glaubte nur, daß es besser so sei. Er hat mich nicht gesehen.

So schlage ich mich dann Freitag abends um 22.30 Uhr nach einem wie immer absurden Unternehmen die 2 km zwischen Haltestelle und Zuhause entlang; eine Zeit, zu der nur noch Schattenfiguren herumlaufen. Es ist die Zeit, zu der man auch angesehene Bürger betrunken und grölend herumspringen sieht; zu der die dicke Oma Nolte wieder laut lachen darf und der unsportliche Intellektuelle sich hinauswagt, ohne sich seines Aussehens zu schämen. Es ist die Zeit, zu der ein Schwerstbehinderter, von seinen Töchtern begleitet, ungeduldig über den Fußgängerweg huscht, sich verschreckt umblickend.

Samstag, den 02.06.1979
In der "FAZ" las ich von einem Konrad Bayer, der sich 1964 im Alter von 32 Jahren das Leben genommen hatte. In seinen Gedichten seien offene Fragen, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit vorherrschend gewesen. Einer mehr, denke ich; als ob sie mich darauf hinweisen wollten, daß auch ich nur diesen einen Wegen gehen könne ...

Dienstag, den 05.06.1979
Gestern am See. Ein kleines Kind rennt, einen zappelnden Fisch in der Hand, auf seine Mutter zu, die entsetzt, versteinert und doch krampfhaft gefaßt das Unheil auf ihren Liegeplatz zukommen sieht. Wir lachen.

Mittwoch, den 06.06.1979
Laut lachend, im Rausch eines spielenden Kindes, sich naßspritzend mit Blut; die Lust, sich selbst triumphierend zu zerschlagen. Wie müßte denn die Nachricht lauten, die mich jubelnd aufspringen ließe und das Leben in neuem Licht erhellte? Welches Ereignis nähme für mich denjenigen Platz ein, den beim Lottospieler der Hauptgewinn, beim Politiker der Wahlsieg und beim Arbeitenden die Gehaltserhöhung innehat? Wenn man mich nun laufen ließe - ginge ich nicht auch dann geradewegs dem Tod entgegen?

Donnerstag, den 07.06.1979
"... Menschen, die, von vielen Umständen dazu geleitet, sich von der Umwelt abgewandt und ganz auf sich selbst zurückgezogen haben, zum größten Teil bereits geisteskrank geworden sind, ..." Dieses Satzfragment aus dem Fernsehapparat, der mich mit einem ebenfalls laufenden Radiogerät zusammen am Einschlafen hinderte gestern abend, dieser Gedanke, dessen Grausamkeit allein in dem Wort "geisteskrank" zu suchen ist - nur diese nicht zu leugnende Wahrheit - ließ mein Herz plötzlich schneller und unregelmäßiger arbeiten, stockender, unentschlossener ...

Freitag, den 08.06.1979
Das einzig Lebendige, was mir vom gestrigen Tag in Erinnerung geblieben ist, waren die Phantasien; wie ich mir eine Flasche Rum kaufe, diesen mit Zucker süße, mich mit einem Casetten-Recorder in die Wäschekammer einschließe und im Rausch das unaufhaltsame Ausströmen des Blutes aus den Pulsadern feiere. Auf ein solches Zeremoniell könnte ich mich freuen.

Sonntag, den 10.06.1979
Pizza-Essen mit unserer Clique. Ich habe ich mich ein wenig beruhigt; etwas erzählt, doch es gab auch Enttäuschungen. Sie scheinen alle schon, jeder auf seine Weise, fertig zu sein. Untergebracht in tausend Gruppen, Organisationen, Berufen und Plänen. Selbstbewußt sind sie allemal, und ich glaubte, bei jedem ein gewisses Maß an Arroganz zu entdecken. Das scheint man zu brauchen für dieses absurde Vorantreiben des eigenen Lebens. Arroganz, die sich im richtigen Augenblick allen Zweifeln gegenüberstellt; mächtig genug, jede Frage zu unterdrücken und stark genug, all die Nöte und Ängste aufzuwiegen. Eine Gänsehaut befällt mich! Elegant frisiert und gekleidet, in jeder Bewegung von Anmut beherrscht der eine; lässig aber geschmackvoll gekleidet und von Ironie belebt ein anderer; der nächste dann satt aussehend, den Mund jederzeit genüßlich leckend und breit lachend; und so fort ...

Und doch fühlt sich niemand am Ziel! Jeder sucht irgend etwas Verborgenes, Herrliches, etwas unbeschreiblich Schönes. Wie sie, als es schon etwas später war, dasaßen, die einen ineinander verschlungen, die anderen aufmerksam lauschend oder in sich versunken. Kerzen, Gitarrenmusik und all das, was zu dem beitrug, was man Atmosphäre nennt, hatte jeden irgendwie ergriffen. Wie gierig Suchende hatten sich alle versammelt, um ermutigt zu werden von dem, was Dagmars Gesang versprach. Die heile Welt würde kommen, mußte kommen; sie kündigte sich unentwegt an. Der Geruch der Sommernacht. Alles steckte voll Süße und Feierlichkeit. Das Gloria stand vor der Tür, ganz sicher, ganz gewiß.

Montag, den 11.06.1979
Im Tagebuch der Anne Frank begegnet mir ein Dokument menschlicher Grausamkeit, menschlicher Schwäche und Bedürftigkeit, aber gleichzeitig auch ein Dokument existentieller Endgültigkeit. Je erschütternder und hoffnungsloser diese Aufzeichnungen verlaufen, desto weiter muß ich mich in sie hineinfressen; und immer wieder betreffen sie auch mich, als Mensch, als Sterblichen, als Sterbenden. Es ist, als vergrübe ich mich unaufhaltsam in ein Loch, aus dem es kein Zurück gibt, und welches man 'draußen' als "Grab" bezeichnen würde.

Auf dem Pizza-Essen mit Sigrid war mir ihre ironisch gefärbte Aggressivität aufgefallen; als ob sie noch zahlreiche Rechnungen mit uns zu begleichen gehabt hätte, die sie vor Schüchternheit stets zurückgehalten hatte. Ich bin auf jeden Fall erleichtert, daß sie nun offenbar mit Gerhard befreundet ist. Die Sonne lacht über meine Selbstmordgedanken. Die Gespräche der Soldaten, die sich fast nur noch auf Floskeln beschränken, zermürben mich. Kein vernünftiges Wort, nicht ein einziges! Ich verschlinge die Zigaretten in Mengen, zernage unentwegt meine Finger, und es scheint sich alles höllisch aufzuschaukeln. Als ob bald etwas Undenkbares geschähe; etwas Unheilvolles; etwas Grausames, schlicht: etwas Endgültiges.

Dienstag, den 12.06.1979
Ich hatte mich für einen Schreibmaschinenkurs angemeldet; gestern abend war der erste Unterricht; alles ein wenig naiv, beinahe kinderhaft aufgebaut; etwas verrückt, doch immerhin eine Beschäftigung mit Aussicht auf 'bleibenden Wert'.

Daß Sigrid sich nun von mir abgewandt hat, war zunächst Anlaß für mich zur Erleichterung, doch nun spüre ich ein Loch, ein Stückchen weniger Mut.

Mittwoch, den 13.06.1979
Zu klagen, zurückzusehen, zu träumen und zu resignieren gehören zu den verhängnisvollsten "Unarten", in die ein Mensch verfallen kann - das mußte ich in meinem Alter von der vierzehnjährigen Anne Frank als Vorwurf entgegennehmen. Ich komme in der Tat nicht umhin, der selbstgeschaffenen Selbstdemontage entgegenzublicken.

Donnerstag, den 14.06.1979
Oliver schrieb mir heute von einer "saumiesen Stimmung"; von Dingen, die er allzu gern mit mir "unter vier Augen" besprechen würde; von einer Besserung mit Hilfe zweier neuer Freunde. Das alles aber ohne seine alte Lebhaftigkeit, ohne überzeugenden Optimismus.

Freitag, den 15.06.1979
Paul, der vor etwa vier Monaten wegen Lungen-TBC entlassen worden war, kam heute zur 'Auskleidung'. Es kommt mir vor, als hätte ich seit Wochen nicht mehr solch ein strahlendes Gesicht gesehen. Braun gebrannt, die Haare befreiend lang gewachsen und ein Lachen, wie man es jedem nur wünschen kann. Welch ein Triumph muß es für ihn gewesen sein, so unserem verkniffenen Spieß gegenüberzutreten!

Unser Zugführer sagte mir heute, ich sei fast schon zu "zart" für die Arbeit im Gelände, deshalb habe er sich dafür eingesetzt, daß ich in die Wäschekammer käme; vielleicht, meinte er, sei dies aber auch ein Irrtum gewesen; vielleicht habe man mich bloß zu früh "eingeordnet", das wisse man nicht. Er redete noch davon (nicht im direkten Bezug auf mich), daß man nicht alles so lustlos und "motzend" nehmen dürfe; da müßten auch Spaß und Freude dabei sein. Ich verstand seinen unerwartet subtilen Hinweis.

Samstag, den 16.06.1979
Gleich am Morgen die Zeitung hektisch nach Zimmervermietungen durchforstet, telephoniert, hingefahren und bei der dritten Adresse gleich für 180,- DM monatlich festgemacht; eine schöne Wohnung für den Preis. Sofort begann alles in mir zu planen und zu hoffen; das Glück stand vor der Türe, und meine Gedanken kreisten nur um dieses eine Thema. Meine Mutter war die erste, der ich davon erzählte, doch was für ein Schock! Sie konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen. Einer weniger im Haus! Zwanzig Jahre für die Kinder gelebt; Tag für Tag gekocht, für Kleidung gesorgt, Wünsche erfüllt, für ein Zuhause gesorgt, Weihnachts-, Geburtstags-, Namenstags- und Ostergeschenke liebevoll gekauft; jahrein, jahraus.

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