Teil 4: DAS ENDE VOM ANFANG
Dienstag, den 19.06.1979
Die Armeebürokratie wollte, daß im Anschluß an die Übung unser Blutspendetermin war, den auch ich wahrnahm. Etwas aufgeregt gingen wir dann ins Soldatenheim, um in aller Feierlichkeit einen halben Liter Blut einzutauschen gegen eine Flasche Wein, einen halben Tag Sonderurlaub und einen Imbiß mit Kaffee, Cola und Traubensaft. Man zweifelte zunächst an meiner Kondition, doch erwies sie sich als stark genug.
Dagmar schrieb von ihrer Unzufriedenheit; erwähnte meine "positive Einstellung auf das Leben" und ein Erlebnis von einer Autofahrt bei Nacht mit lauter Musik, bei der alles andere plötzlich unwichtig wurde. Ich schrieb sofort zurück, offener als sonst, korrigierte auch den Irrtum von meiner "positiven Einstellung".
Bin in den letzten Tagen nur schleichend im "Tod in Rom" von Wolfgang Koeppen weitergekommen. Doch auch auf kurze Sicht beeindruckt mich das Werk mit seiner wortgewandten Kritik am preußischen Militarismus, seinen verständnisvollen Beschreibungen bürgerlicher Lebensführung und dem klaren Erfassen psychologischer Zusammenhänge. Jede Seite enthält eine Reihe erfrischender Gedanken.
Samstag, den 23.06.1979
Bei Sigrid heute nachmittag zeigte sich Auflösung. Sigrid und Gerhard spielten ein seltsames ironisch bissiges Spiel der Liebe und trumpften vor uns auf in lautstarker Arroganz; Stefan und Dagmar haben ihr eigenes, inzwischen gesetztes und sich isolierendes Partnerschaftsleben; Marita trägt nach wie vor zu allem ihr braves Lächeln bei; ich trotze vor Schlankheit. Keine Zukunft, kein Lockvogel mehr, Dagmar ließ sich nicht mehr durch Phantastereien zu guter Laune bewegen. Sie schweigt, antwortet nicht auf Fragen; redet manchmal pflichtbewußt lebhaft.
Alles nebeneinander: Sigrid und Gerhard planen mit verrückt pedantischem Enthusiasmus ihre neue Zimmereinrichtung; Dagmar treibt ab in verzweifelnder Hoffnungslosigkeit; ich rauche ohne zu denken an meiner Zigarette. Alles nebeneinander, ohne eine Verbindung durch Worte, Gesten oder wenigstens durch Blicke. Ist Leben nur möglich mit der Fähigkeit, Leichengeruch zu ertragen? Das Spiel ist ein ganz dreckiges in elendem Gestank. Niemand gewinnt, obwohl viele in Siegerpose auftreten. Wir bekommen alle NICHTS.
Dienstag, den 26.06.1979
Soeben ist wieder einmal eine "Spannungszeit" ausgesprochen worden mit all dem dazugehörigen Theater wie: Spind verpacken, Fenster mit Wolldecken zuhängen usw. Mich persönlich berührt das nur insofern, als ich deshalb heute abend nicht nach Verden werde fahren können. Die Herren Feldwebel und Offiziere wirbeln lautstark mit ihrer Macht, treiben, scheuchen, vor allen Dingen aber: krächzen und brüllen in den verwirrten Haufen Soldaten hinein. Es jammert und murmelt leise zurück aus der von stillschweigendem Gehorsam durchschlichenen Masse ...
Jetzt ist es umgekehrt: Sie alle schreiben einen Brief, an ihre Freundin, ihre Eltern und Gott weiß, an wen sonst noch. Währenddessen frage ich mich, wem ich schreiben soll! Niemandem, es steht nichts aus, und unnötig belästigen will ich auch keinen. Also rauche ich eine Zigarette. Eine Zigarette auf die Enttäuschung, meinem nun erwachten Lebensgeist nicht folgen zu dürfen; aber auch als Ablenkung, um nicht sofort mit dem Lesen beginnen zu müssen.
Mittwoch, den 27.06.1979
Der proklamierte "Spannungszustand" hält an; wir sind hier wie gefangen; Spannung auch bei allen anderen, die hier in der Kaserne eingesperrt sind; die Unruhe (auch nach Dienstschluß) demontiert auch die letzten Ruinen meiner Vorhaben; nichts, gar nichts gelingt mir mehr. Zehn Seiten im "Tod in Rom", ein halbes Kapitel Elektrotechnik; meine Aufzeichnungen werden auch immer knapper; statt dessen klammern sich meine Wünsche an den Schlaf und zwingen mich zu konfusen Träumen.
Donnerstag, den 28.06.1979
Klaus sprach von seinen Plänen 'danach', von einer eigenen Bude, von chinesischem Kochen und seinem Wanderurlaub. Ja, die eigene Wohnung, die Hoffnung auf etwas eigenes, das kleine Reich für sich. Michael erschien heute endgültig zur Entlassung (nach dreimonatigem Urlaub). Er ist schlanker geworden, sieht ausgeglichener und ruhiger aus; dennoch spricht er nicht gerade mit Begeisterung von seinem wiederaufgenommenen Studium.
Habe seit beinahe zwei Wochen keinen Brief mehr bekommen; sie sind alle mit sich beschäftigt, geplagt von eigenen Problemen, gefesselt vom Erlebnis des Urlaubs, jeder seine kleine Welt zimmernd, jeder verzweifelt um sein Dasein kämpfend. Sie haben meine Loslösungsgesten verstanden und angenommen. Sie glauben mich in den Händen neuer Freunde, neuer Ziele und Chancen. Aber sie wissen nicht, daß sich meine Ziele bloß verkürzt, die Zahl der Freunde bloß verkleinert und mein Weg - statt hinaus in die Welt - immer weiter in die Enge führt. Ich hatte sie in die Irre geleitet, selbst irrend, mich selbst nun nicht mehr verstehend. Doch wichtiger als die Briefe waren mir immer meine eigenen Aufzeichnungen gewesen. "Das System läuft wohl noch nicht an.", hatte Michael gesagt, als mein reges Schreiben (er hielt meine Aufzeichnungen für Briefe) kaum beantwortet wurde. Nein, das System konnte gar nicht laufen ...
Freitag, den 29.06.1979
Die Wache hat soeben begonnen. Am Wochenende wird es zwar kaum Unannehmlichkeiten geben, mein inzwischen fortgeschrittenes 'Dienstalter' bringt mir einige Vorzüge ein, zumal nach und nach diejenigen zu Vorgesetzten werden, mit denen ich gemeinsam hier in diese Einheit gekommen war ...
Samstag, den 30.06.1979
Geträumt von verpaßten Zügen in die Kaserne; von Aufbruch von Zuhause; von Telephonanrufen, Absagen, Abschieden. Das alles nun auch schon im Traum. Auch esse ich schon im Traum; esse und habe ein schlechtes Gewissen, und bin froh, wenn ich aufwache. Auch das schon im Traum.
Das Zwei-Stunden-Posten-Stehen belastet mich (zu meiner Beunruhigung) nur noch wenig; ich schaue auf die grau-rostigen Eisengitter des Kasernentores, auf die Verbots- und Warntafeln, auf die Kasernenstraße aus riesigen, geometrisch exakten Betonplatten, und alles wirkt so klar, so eindeutig, und ich wage einen kurzen Blick auf mich selber, und wieder zurück, und alles um mich herum wirkt plötzlich wie mein eigener Wahnsinn oder, was weiß ich, die geistige Verkrampfung als Antwort auf die ständige Machtlosigkeit, als unwillkürliche Reaktion, als Reaktion auf meine willkürliche Reaktionslosigkeit ...
Aus dem mit Gittern beschlagenen Fenster sehe ich das Bild eines milden Windes; weiße Stellen der Kasernenlandschaft blitzen hell zwischen den Blättern der wenigen Bäume und dem satten rot der Backsteinbauten; sorgfältig gemähten Rasen assoziiere ich mit Tummeleien von früher, von 'lange her' - zu weit weg, als daß sie mich zu melancholischen Gedanken bewegen könnten.
Das Telephon klingelt; Klaus als stellvertretender Wachhabender murmelt seinen immergleichen Spruch in den Hörer; organisiert, weiß Bescheid, legt den Hörer mit zufriedenem Abschiedsgruß wieder auf. Wir werden bald entlassen; dann ist alles vorüber. Haben wir wirklich Chancen verpaßt? Haben wir Meinungen beerdigt? Ist der Wille gebrochen? Was hat sich schon geändert?!
Die Musik hält inne - wessen Leben bindet sich noch an meins? Wer würde sich nicht bloß belästigt fühlen, wenn ich ihm jetzt schriebe? Ziemlich kühn wäre die Frage danach, ob zur Zeit jemand an mich denkt. An wen richtet sich denn mein eigenes Handeln, wenn nicht an mich selbst? Ich bilde mir ein, daß ich vor einem Jahr anders gewesen bin. Es erscheint mir in der Tat so, daß ich mich in diesem letzten Jahr zum vollkommenen Egoisten entwickelt habe. Es ist regnerisch; draußen hört man die Motoren von Panzern arbeiten; das Geräusch erinnert mich an das von Müllschluckern im Großstadtverkehr. Hier schluckt man ganze Leben auf. Die Strategie: eine laute Stimme, Pflichtbewußtsein, Angst.
Sonntag, den 01.07.1979
Lange geschlafen, viel geträumt, wieder gereist im Traum, Gepäck transportiert, Gepäck gesucht; viel, viel geträumt, lange, lange geschlafen. Noch kommen in meinen Träumen Bekannte von Zuhause vor; doch ich kann nicht mehr sagen, wer es jeweils ist; es sind Freunde, Menschen, die mir die Arme öffnen; doch sie tragen nicht mehr die alten Namen, sie haben andere, unbekannte Gesichter; aber sie nehmen mich auf, und ich gehe mit und habe Grund, dankbar zu sein.
Ein Wirrwarr aus Radiomelodien schwirrt im Raum, tausend hauchdünne Fäden, niemals greifbar, Ahnungen, die sich uns vor die Nase setzen und Unerreichbares widerspiegeln. Mich fröstelt. Meine Finger sind inzwischen zu ganz seltsamen Formationen zerfressen; es müssen unglaubliche Energien in mir stecken. Vielleicht ist mir längst nicht mehr gegeben, zu leben. vielleicht warte ich umsonst ...
Dienstag, den 03.07.1979
Hatte gestern den Eindruck, unbedingt jemandem schreiben zu müssen, uns so stellte ich ganz verbissen einen mickrigen Brief an meine Schwester zusammen. Ich weiß nicht mehr, worüber ich schreiben soll! Ich ahne mehr und mehr, daß ich die anderen durch meine Sorgen belästige, und ich bin viel zu weit von ihnen entfernt, als daß ich ihre Nöte erraten könnte. Außerdem verwirrt mich die Stille draußen; kaum einer läßt etwas von sich hören; geht die Welt unter? Bin ich als Kommunikationspartner unbrauchbar geworden? Habe ich sie durch eigene Fehler verletzt, erniedrigt, verachtet?
Das Zusammenleben unter gewaltsam Gleichgemachten läßt bei der Beschränkung auf einen derart engen Raum, wie die Kaserne einer ist, anscheinend nur die Befriedigung animalischer Bedürfnisse zu, sofern sie nicht verpönt oder verboten sind. Also das Essen. Bodo hatte es genau getroffen, als er von der Angst sprach, beim "Bund" ganz zum Tier zu werden.
Donnerstag, den 05.07.1979
Die Dinge, die ich für meine Wohnung gepackt habe: Verpflegungskonserven, Bettwäsche, Chlorkalk; bloß kein Spiegel, bloß nichts von gestern; erst recht keine Vorstellung über meine künftige Studienzeit. Was soll denn kommen? Ich lege mich jetzt schlafen, was denn sonst!
Samstag, den 07.07.1979
Bin heute wieder in meine neue Wohnung - es nützte alles nichts; ich mußte die Augen aufmachen, mußte sehen, was meine Hoffnungen ernüchterte, mußte der Wirklichkeit ihr Recht zubilligen:
Im Treppenhaus ranken Abfälle bis zur Decke, es stinkt bestialisch, der Dreck klebt an den Schuhen. Man blickt auf den Hof, die vermeintliche Ursache des Geruchs, und sieht Eimer mit brauner schleimiger Flüssigkeit, in denen Blumen stehen; alte Kisten mit faulem Obst, Gerümpel, Dreck, Gestank. Fäulnis gärt eindringlich, der Anblick gleicht dem einer Mülldeponie.
Sigrid, Stefan und Dagmar hatten sich für vier Uhr angesagt, um mir tapezieren zu helfen. Als sie kamen, war ich endlich soweit, ihnen mitzuteilen, daß ich wieder ausziehen wolle; hier bleibe ich nicht, hier nicht; hätte ich das nicht als erster gesagt, so hätten sie das einstimmig gefordert; sie halfen packen, standen mir bei, als ich der alten kündigte, bekamen jedoch noch kein Geld zurück, weil sie keins im Haus habe.
Samstag, den 14.07.1979
Den gestrigen Tag mit einem Waldlauf mit Gerd beendet; anschließend nichts mehr getan, obwohl es noch früh war, doch ich sah ein, daß es keinen Zweck hat, Anforderungen gegen die Belastbarkeit des eigenen Körpers durchsetzen zu wollen; ausgeschlafen setzte ich mich heute vor Dienstbeginn nach einem guten Frühstück auf die Terrasse und begann etwas in den Mathematikunterlagen zu blättern. Es fiel mir auf, daß gerade in den frühen Morgenstunden die Leistungsfähigkeit am größten ist; so erreichte ich heute morgen auch viel mehr als sonst. Überhaupt scheint mir der Morgen sehr wichtig zu sein für das Erleben, für die Fähigkeit, befriedigend zu arbeiten und Erfüllung und 'Sinn' darin zu sehen. Auch das wird wohl eine große Rolle bei der soldatischen Lethargie spielen, weil die für Aktivität und Erlebnis empfänglichsten Stunden in Lustlosigkeit und Abwehr verbracht werden, während die Abendstunden nichts als Erholungsgier mit sich bringen.
Beim Waldlauf mit Gerd habe ich ihn etwas beobachten können; er steckt voller Ansichten, Erfahrungen und Wissen, wie man es kaum vermutet; andererseits hat sich all dies außerordentlich stark festgefahren, und so ist er kaum zu überzeugen und beinahe nicht diskussionsfähig; dennoch ist vieles von dem, was er meint, bei näherem Hinsehen zwingend, und es mag wohl auch eine Folge seiner ungeschickten Ausdrucksweise sein, daß er es sich angewöhnt hat, ungewöhnlich stur auf seinen Ansichten zu bestehen.
Er sagt zum Beispiel, daß er das Radfahren nicht als Sportart betreiben könne, weil es dann keinen Spaß mehr mache. Dies habe ich auch bei mir seit langem beobachtet, so wie ich an allem, was ich mit Ehrgeiz belegt habe, die Freude verloren habe, bzw. hatte. Die Abhängigkeit von Leistung, von Erwartungen, die über die direkten Nachwirkungen einer Tätigkeit hinausgehen, hat mir schon manches Hobby verleidet ...
Sonntag, den 15.07.1979
Halbzeit dieses 14-tätigen Kasernenaufenthaltes. Man beginnt sich gegenseitig anzubrüllen; das Wetter versöhnt nicht mehr, der Wind und der Schleier der Wolken färben das Bild grau; ein 5000-Meter-Lauf von eben sollte dazu beitragen, mich in den Bahnen zu halten und mein Gewissen zu beschwichtigen; manchmal habe ich den Drang, der freien Zeit zu entfliehen, zum Dienst eingeteilt zu werden, damit ich mich nicht zu Mathematikstudien hinsetzen muß, damit ich den eigenen Vorwürfen für Bequemlichkeit entgehen und damit ich nicht immer und immer wieder Rechenschaft vor mir selber ablegen muß für mein sinnliches und genußsüchtiges Verhalten.
Man redet jemanden an, stellt eine Frage, und er reagiert einfach nicht, bleibt stumm. Die Ursache liegt darin, daß alles, was hier geschieht, nur auf Befehl geschieht; ansonsten regiert der Hunger, der Durst, die Gier - sobald die Befehlsgewaltigen pausieren.
Gespräch mit Klaus über die Bestimmung des Physikers, über Selbstbewußtsein, Demokratie in unserem Staat und Sinnlosigkeit im Leben. Obwohl das alles keine neuen Aspekte brachte, war es ein sich Aussprechen, nicht bloß das reine Bewegen der Mundwinkel; ein Öffnen der Seele, das Gewähren eines Einblicks, es war eine Zuwendung zur Außenwelt.
Montag, den 16.07.1979
Jürgen hat wieder seine Musikanlage mitgebracht; das Gefühl, in lauter Musik zu schweben, hat eine befreiende Wirkung! Es entsteht ein Rauschzustand, der ohne weiteres so intensiv sein kann wie der Alkoholrausch. Es ist gerade niemand im Raum, aktuelle Musik kommt aus dem Radio, so daß ich unwillkürlich mitsinge; ohne etwas von mir zu erwarten, habe ich dennoch das Buch von Koeppen neben mir liegen, dessen Lektüre sich nun doch noch dem Ende zuneigt. Die letzten Seiten haben mich durch ihre sprachliche Eindringlichkeit fasziniert, nicht zuletzt natürlich, weil der 'Hauptdarsteller' Siegfried mir sehr ähnlich kommt ...
Immer noch habe ich zu kämpfen gegen die Sucht zu essen; beinahe übermächtig scheinen mir manchmal die Kräfte zu sein, mit denen sich die Nahrungsmittelgedanken in mein Bewußtsein schieben, obwohl ich keinen Hunger habe und auch gar keinen haben kann! Ich hoffe es hilft, wenn ich anfange, mein neues Leben zu planen und aufzubauen.
Der Tag ist verflogen wie eine halbe Stunde; solange er nichts schlechtes gebracht hat, bin ich zufrieden; es hat keinen Zweck, Versäumnissen nachzutrauern; jede gelesene Zeile, jeder neue Gedanke ist ein Gewinn - aber der größte Teil der Zeit vergeht hier nach wie vor mit Warten ...
Mittwoch, den 18.07.1979
Ein Brief, endlich ein Brief von Dagmar, sie blieb als einzige übrig. Sie klagt über Ferien im "verpesteten Köln", über das Nichtstun und über ein ungutes Gefühl deswegen. Sie sagt, wir sollten am Samstag etwas unternehmen, selbst wenn wir uns bloß gemeinsam langweilen würden. Es ist so unbeschreiblich beruhigend, daß man nicht alleine sein wird am langersehnten Wochenende; es ist so etwas wie das Gefühl, nicht vergessen zu sein, nicht alleine in irgendeinem Dreck wühlen zu müssen, und wenn es nun einmal Dreck sein muß, dann eben gemeinsam ...
Erschlaffung nach einem 5000-Meter-Lauf; die befriedigende Zeit der Erholung läßt man uns nicht erleben, der Dienst, so leer er auch immer ist, sorgt für eine jede Ruhe vernichtende Hetze. Meine Gedanken kreisen ums Essen, ob ich nun bis zum Hals voll oder mit würgendem Hunger ausgelaugt bin - immer dasselbe. Es gelingt mir nicht, mich zu zähmen. Und ich brauche mich nur umzublicken, um zu vergleichen: Man sieht aufgeblähte Backen, gierig sich abzeichnende Doppelkinns (auch bei den 'Schlanken'), animalisch ausgeleierte sich plump fortbewegende Körper. Träge, schwerfällige Lust, von Fettpolstern abgerundete Köpfe, als ob sie sich von nun an für Jahrzehnte dieser einen Lebensweise verschrieben hätten. Gibt es kein Zurück?
Ich schlürfe weiterhin meine mit heißem Wasser aufgeschwemmten Müslis - und denke an weitere Varianten, mit und ohne Süßstoff, mit und ohne Magermilchpulver; auch die Verfeinerung mit Dosenmilch, Rum oder gar Eierlikör habe ich bereits erwogen, und es ist noch kein Ende abzusehen ...
Donnerstag, den 19.07.1979
Der Wäschekeller riegelt mich sehr gründlich von dem übrigen Geschehen ab; durch die Holztür dringt noch die geschäftig kommandierende Stimme unseres Zugführers und durch das Fenster erreichen mich neben einigen Fetzen Sonnenschein noch Motorengeräusche und das Klappern der transportierten Ausrüstungsgegenstände für die Fahrzeuge. Den Rest füllt meine Phantasie mit Assoziationen eines Alltags, wie ich ihn als Kind oft erlebte ...
... aus dem Fenster von Omas Wohnung sieht man ein lebhaftes Treiben von Fahrzeugen; Straßenbahnen läuten lautstark und weisen damit auf ihr Vorrecht hin; das rotierende Geräusch arbeitender Müllwagen steht monoton in der Luft; in den Schaufenstern der gegenüberliegenden Geschäfte spiegelt sich die ruhende Vormittagssonne; mich hat dies alles mit ungeheurer Freude erfüllt; es drängt mich nach draußen, auf die Straße, ins Geschäft, auf den Markt oder zum Großhandel mit meinem Vater. Riesig eröffnet sich mir der Vormittag, dessen Ende mir nicht im Entferntesten in den Sinn kommt ...
Rödeldraht, Tarnnetz, Bodenstützen, Winkerkelle, RT (Reisetag), NATO-Pause. Soviel, immerhin, dringt bis in meine Wäschekammer; längst ist die Klarheit des Vormittags verflogen und der Wind verbreitet Unruhe; es kommt nur noch selten vor, daß mir einzelne Worte des Bundeswehrwortschatzes auffallen; wie sie sich nun schon alle darin bewegen, ja mit geradezu erschreckendem Enthusiasmus in dieses Wortschöpfungsgemisch hineinwerfen - genau so wird es auch von ihnen erwartet!
Sonntag, den 22.07.1979
In letzter Zeit kapsele ich mich in erschreckendem Maße von der Umwelt ab; und selbst wenn jemand mit mir redet, täusche ich den Ausdruck des Zuhörens nur vor, obwohl ich nicht auf das achte, was man mir sagt, sondern ganz woanders bin. Mein Wunsch geht stets dahin, den Worten des anderen zu entfliehen und irgendwo da zu sein, wo mich meine infantilen Triebe hinziehen; und es scheint, ich bin immer nur vollständig Trieb, nichts weiter.
Dienstag, den 24.07.1979
Im Zugabteil saßen außer mir fünf amerikanische Soldaten. Als ich meinen Kaffeeaus der Thermosflasche trank, begannen sie scherzhaft Spekulationen darüber anzustellen, wie sie mir den Kaffee abluchsen könnten. Die letzte halbe Tasse stellte ich dann zur Verfügung, und wieder warteten sie mit witzigen Bemerkungen auf, und man pries diesen so ergiebig genossenen Schluck mit unermüdlicher Ironie; man lachte von einer Pointe zur anderen, und im Grunde herrschte eine gelöste, lebensfrohe Heiterkeit, was befreiend, fast erlösend auf mich wirkte. So war man als Deutscher nicht! So etwas gehörte nicht zum Erstrebenswerten in diesem Land.
Im gleichen Atemzug, als ob die Quelle der Freude plötzlich versiegt sei, wurden sie ernst und unterhielten sich über ihre finanziellen Verhältnisse, ihren Beruf, ihre Zukunft, und auch ihre Offenheit und das gegenseitige Vertrauen in diesem Gespräch waren mir unbekannt. Es war, als hätten diese Menschen für mich das Leben neu entdeckt, und plötzlich hatte ich den Wunsch zu reisen, ins Ausland, auf entfernte Kontinente, um das Leben von allen Seiten betrachten zu können.
Die benebelnde Müdigkeit nach dieser beinahe schlaflosen Nacht, das Gebrüll des Spieß' heute morgen, der sich auf diese Weise seine Alpträume aus den Augen kotzt, das auf geradezu sadistische Weise regnerische Wetter und hier und dort eine kleine zynische Bemerkung, meine 'Untätigkeit' betreffend - das alles walzt schon den ganzen Tag lang über das Nichts, macht es breit und besonders gut sichtbar - und raubt mir so jeden Lebensmut.
Der Brief, den ich gerade an Bodo schrieb, bedeutet mir so etwas wie eine Hilfe, wieder normal zu werden. Ich kämpfe darum, wieder dasselbe zu wollen wie vor einem Jahr, dasselbe zu hoffen und zu planen; so fehlerhaft all das auch war, so war es doch besser als alles, was hier zur Zeit geschieht!