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Mittwoch, den 25.07.1979
Das Wetter ist katastrophal schlecht, es fordert einen heraus, und man kann sich nur zwischen Resignation und aggressivem Trotz entscheiden. Auf jeden Fall reizte mich dieses absurde Dasein, in klammen Kleidern bibbernd und den von den Regenfäden gezeichneten Weg der Zukunft ungläubig verfolgend, zu übertrieben ironischen Gedanken. Eine Stunde Schlaf in abgeschlossener Wäschekammer gehörte genauso zu den Seltsamkeiten dieses Tages bisher wie der nichtssagende Bescheid darüber, daß mein Antrag auf vorzeitige Entlassung wegen des Studiums bearbeitet wird. Kein Brief, der mir den Vormittag (ohne Frühstück) versüßt hätte; keine Zeile in irgendeinem Buch gelesen, bloß etwas in der Zeitung geblättert.

Angesichts von Batterieurlaub, Wachen, Wäschekammerübergabe und Batteriechef-Wechsel geht hier alles drunter und drüber, ein kaum geordnetes Durcheinander. Das bedeutet Abwechslung, etwas Freiheit, Möglichkeiten, den Betrieb hier zu überlisten.

Donnerstag, den 26.07.1979
Sobald man etwas 'Produktives' zu tun hat, fühlt man sich besser, und so ging es folglich auch mir heute, als ich mich daranmachte, meine "Theke" neu zusammenzunageln. Auf diese Weise vergeht die Zeit schneller, und das Wochenende erscheint sofort deutlicher - morgen geht's wieder nach Hause, ich war sozusagen nur kurz auf Besuch hier. Es wird mir jetzt auch klar, wie unterschiedlich die Belastung durch den Wehrdienst ist, je nachdem, wie oft man zwischendurch nach Hause fahren kann, wie weit man also von der Kaserne wohnt und welche Verkehrsmittel einem zur Verfügung stehen.

Ich erinnere mich, daß ich mich am Wochenende dazu habe hinreißen lassen, mir Kakaokonzentrate zu brauen und diese mit hierhinzuschleppen; und nun hängt all dies wie träger Lehm an mir, oder ich halte dies für den Lehm, der in Wirklichkeit aus etwas anderem besteht; zu der äußeren Unfreiheit der Kaserne ist eine innere gekommen, eine, die mein Denken überlistet, die jedem Versuch, mich fortzubilden, geistig fit zu halten oder bloß, mich geistig zu erfreuen, entgegensteht.

Freitag, den 27.07.1979
Es beruhigt mich jetzt, daß mich das Gebrülle auf den Fluren immer noch genauso aufregt wie in meinen ersten Soldatentagen.

Hab' mich also seit Montag auf die Rückkehr nach Hause gefreut, hab allein darauf hin gelebt und ausgehalten; und nun besteht meine einzige Tätigkeit in Essen - und der Flucht davor. Sonst nichts. Also überlege ich, was denn noch passieren könnte, bemühe mich vergeblich, einer Erotik-Zeitschrift Wünsche zu entlocken, lasse alte Musik ablaufen, doch all das zieht wirkungslos an mir vorüber. Also: schlafen, aufgeben, umsonst hierhergekommen sein, also: für eine Märchenwelt im Traum leben. Leben um zu träumen. Also aufgeben.

Sonntag, den 29.07.1979
Das Wetter ist sommerlich heiß, alles ist im Garten, im Schwimmbad oder sonstwo an frischer Luft und in gut gelaunter Gesellschaft; das Lachen dringt bis in mein Zimmer, doch ich will nicht. Es wäre doch nur bis heute abend - und auch bis dahin nur halb. Außerdem habe ich Angst, daß jede Bewegung doch nur ein Schleiertanz um die Speisekammer wäre, bis ich sie dann aufbreche und darin versinke mit der Gewißheit, mich der Tatsache der Niederlage meiner Vernunft gegenüberstellen zu müssen.

Nach einem bereits verhängnisvolle Ausmaße annehmenden Frühstück setzte ich mich aufs Rad und fuhr zu unserem Gartenhäuschen, sitze nun also hier völlig alleine, suche mir auf 'abenteuerlichste' Weise mein Essen zusammen, habe Zeit und Muße, und muß sagen: es war richtig. Meine Bratäpfel in Aluminiumfolie beginnen auf dem verrosteten qualmenden Grill angebrannt zu riechen; der Kaffee, den ich erfreulicherweise noch gefunden und sogleich gekocht habe, wartet in der Thermosflasche; ich habe zwar keinen Hunger, aber Appetit. Den gönne ich mir jetzt.

Es donnert und blitzt; Regen prasselt schon seit einiger Zeit geduldig und von Hagelkörnern durchsetzt auf diese kleine Holzhütte, in die ich mich verkrochen habe. Ein Blick auf die Uhr: den ersten Zug werde ich nicht mehr bekommen. Dem Regen nach zu urteilen, werde ich auch so bald nicht von hier wegkommen. Es wird also wieder eine Nachtfahrt werden, doch das soll mich jetzt nicht kümmern. Nur: Je schöner das Leben am Wochenende ist, desto grausamer werden die Gedanken an die Rückfahrt in diese reizlose Leblosigkeit der Bundeswehrkaserne.

Montag, den 30.07.1979
Fünf Soldaten aus einfachen Schichten, die mit mir im Zugabteil saßen, lehrten mich die Dummheit meiner Erwartungen! Sie zeigten mir, was jeder will, was auch ich am Ende erstrebe: essen, trinken, Befriedigung. Lachenderweise leben sie mir vor, was wir erwarten können; zeigen, was Leben bedeutet und was nicht, woraus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschaffen sind, und woraus nicht, also auch: was Lüge ist.

Dienstag, den 31.07.1979
Die vielverzweigte Blödheit in diesen Gefilden schlägt einem glatt ins Gesicht. Man wird von erschreckend hohl dreinblickenden Gesichtern Augenblicke lang angesehen und weiß, daß nicht ein einziger müder Gedanke dahinter steht. Auch ich verfalle oft dieser geistigen Unbeweglichkeit, deren Gefahren ich vorher immer wieder mit Schrecken habe feststellen müssen.

Mittwoch, den 01.08.1979
Zufriedenheit - wenn auch rein körperliche - nach einem guten Schlaf und einem guten Frühstück; wenn es einen Grund zur Freude gibt, dann vielleicht den, daß wir wieder einen Tag weiter sind, dem Entlassungstermin einen Tag näher, der Freiheit ...

Eine Postkarte von Dagmar ("Deine Dagmar") - Zeugen einer kümmerlichen Urlaubsgestaltung; sie fuhr zu Stefans Kasernenstandort, um dort mit ihm seinen "Dienstschluß" zu verbringen.

"Ist das hier ein Totentanz!", sagte einer, der wie viele hier durch die Räume ging, um irgend etwas Interessantes zu finden, was es wahrscheinlich hier gar nicht geben kann. Karten spielen, Musik hören, Tischtennis spielen, reden - was man woanders freiwillig macht, genügt hier nicht! Die Unzufriedenheit ist zu groß, sie fordert mehr - zuviel für die hier angebotenen Möglichkeiten. Nur der Alkohol, der Rausch eröffnet dem Gehirn die Möglichkeit, sich - wenn auch meist nur innerlich - auszutoben. Im Rausch können Aggressionen und Sexualität wilde Orgien der Befriedigung feiern; da können Heimweh, Liebeskummer und all die zahllosen Ängste aus ihren Verstecken kommen und werden mit einfachen Mitteln, ohne gedankliche Zensur und Bewachung, zumindest vorläufig befriedigt.

Donnerstag, den 02.08.1979
Es wird täglich absurder hier; wir schieben' Dienst von 6 bis 16.30 Uhr, haben nichts zu tun, dürfen uns aber dennoch das Nichtstun nicht erlauben; nicht einmal Versöhnendes wie Kaffee ist gestattet. Nein: Dienst ist befohlen und muß soldatisch trocken und freudlos sein. Das Wenige Angenehme, was man sich dennoch herausnimmt, um das Elend überhaupt zu überstehen, findet seinen Weg hinter dem Rücken der Vorgesetzten. Ein jämmerliches Versteckspiel. Es erinnert mich an die Spiele im Kindergarten - nur hier sind sie verboten. Es sind die hilflosen Reaktionen von ausgehöhlten, in die Enge getriebenen jungen Menschen.

Blind, in mich tief versunken und alles um mich herum ignorierend laufe ich durch die Kaserne, wie ein Süchtiger auf etwas zustrebend und doch ohne Aussicht auf Erfolg. Manchmal bin ich so lustlos und träge, daß mir nur noch der Schlaf möglich zu sein scheint; dann wieder bin ich vollgepumpt mit Wut und könnte alles zerstören, alles, alles. Doch meistens würde ich am liebsten einen Schlußstrich unter mein Leben setzen.

Freitag, den 03.08.1979
Die Luft riecht nach Freiheit, nach vergessenen Regenfällen; das Lächeln von Unbekümmertheit und Leben mischt sich unter den Duft des verblassenden Nebels. Den zuendegehenden Sommer noch einmal großzügig auskosten - so will diese Jahreszeit erlebt werden, dafür scheint sie geschaffen zu sein.

Samstag, den 04.08.1979
Voller Illusionen ging ich zur Telephonzelle, um meine Mutter anzurufen, doch es war nur mein jüngerer Bruder da. Er sagte, unsere Eltern seien auf einer Schiffstour nach Linz, was mich plötzlich wie ein Kind, das, eingesperrt in einem Zimmer, das Leben beobachtet, bedrückte. Doch ihnen, die so viel Elend in ihrem Leben mitgemacht haben, war doch wenigstens das zu gönnen! Das Zimmer, das ich hatte mieten wollen, sei auch vergeben, teilte er mir unbeholfen mit, und so war also auch der letzte Reiz von Zuhause vorläufig verblaßt.

Sonntag, den 05.08.1979
Das Wetter ist unbeschreiblich schön - wie fertig werden damit? Lächeln im unerbittlich schmeichelhaften Sonnenschein? Die Arme ausstrecken und den Kopf zurücklehnen, alles andere leugnend, die Sehnsucht, die Angst, die Leere, den Wahnsinn? Nein, ich begab mich auf die Stube, um bei der hartnäckig lebhaften Sonntagsmusik des BFBS meine Zeitungen zu lesen, jedoch immer wieder stockend, nägelkauend und gedankenlos dösend, bisweilen sogar den Wunsch nach Zärtlichkeit spürend. Ich ahnte wohl das Ausmaß der Erwartungen, die sich ansammeln und mich zunehmend belagern, mein Blickfeld immer weiter auf das Wochenende verengen, um mich dann mit gewaltiger Übermacht zum Fressen zu zwingen. Doch das kommende Wochenende gibt Zuversicht; Anlaß zu neuem Mut für die Liebe, Anlaß für die ersten Gehversuche zurück ins Leben.

Ich schreibe jetzt bloß noch, um nicht verrückt werden zu müssen, denn es ist nahe dran, das spüre ich! Die Unzufriedenheit und der gierige Blick hat sie alle ergriffen. Innerhalb von wenigen Minuten werden fünf Frikadellen verschlungen oder eine Flasche Cola geleert, werden Zigaretten ausgesogen oder Nüsse hastig aufgepickt. Langsam treffen nun auch die anderen vom "Wochenendurlaub" zurück, Leben kehrt ein in die Kaserne, und als ob dies ein Hauch von der Welt draußen wäre, spürt man so etwas wie die Aufhebung eines Gegensatzes, wie eine Zurückeingliederung ins Leben.

Montag, den 06.08.1979
Der Feierabend führte mich heute zu einem Stadtbummel nach Hannover. So erholsam das auch war - nach Geschäftsschluß floh ich teils aus Verlegenheit, teils weil mir das Geld für einen Kneipenbesuch fehlte, in die Bahnhofsmission, wo ich mir sogar ein Glas Wasser erbetteln mußte. Aus der Skepsis, mit der man mir meinen Wunsch erfüllte, war zu schließen, daß der Eindruck, den ich mit meinen schlampigen und durchgeschwitzten Kleidern erweckte, nicht gerade gut war. Man mied mich wie einen 'Penner', und durch meine neuerliche Manie zur Sparsamkeit legte ich in der Tat auch entsprechende Verhaltensweisen an den Tag. Das jedoch wenig bedauernd glaubte ich, das Leben und die Gedanken eines solchen 'Penners' ein wenig besser zu verstehen. Es genügt ein klein wenig Verrücktheit, kaum mehr, als sie jeder Mensch besitzt, und schon gleitet man in eine Randgruppe hinein, von der Gesellschaft mit aller Leidenschaft verachtet und abgedrängt.

Dienstag, den 07.08.1979
Noch immer keine Benachrichtigung über meinen Entlassungsantrag; auch kein Brief und kein Anruf. Wie es wird, wenn ich am Freitag schon um 16.00 Uhr in Köln bin; daß ich zuerst nach Nippes fahre; daß ich meine Eltern dann zum ersten Mal seit fünf Wochen in Ruhe sehe ... das alles erfüllt meine Vorstellung, die mich aus der Trostlosigkeit hier herauszureißen versucht.

Mittwoch, den 08.08.1979
So, nun sind sie weg; alle; in Urlaub gefahren; die Sachen gepackt für vier Wochen und 'raus aus dem Laden. Und da sitze ich nun als GvD' in diesem winzigen Raum, der mich aber nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seiner nahezu vollkommenen Unwohnlichkeit abstößt. Das Wetter ist so traurig, es gibt keinen Anlaß zur Freude und alle Versuche, dieses Nichts irgendwie zu durchbrechen, mich irgendeiner Beschäftigung in Ruhe hinzugeben, werden durch hereinkommende Leute, Telephonanrufe und übermäßig belanglose Gespräche gestört. Urlaubszeit, Ferienzeit; morgens in einen lachenden Tag hinein aufwachen und leben.

Donnerstag, den 09.08.1979
Einen Anruf bekommen; es gehe um meinen Entlassungsantrag; die Chancen stünden fünfzig zu fünfzig, also fünfzig für mich und fünfzig gegen mich; dabei handele es sich ausschließlich um die Entlassung zum Studium; für das Vorsemester komme sie auf keinen Fall in Frage ... Vielleicht sogar ganz gut, daß man mir nichts 'schenkt', und so erst gar keine 'Dankbarkeit' aufkommen kann; daß nicht auch ich zu vergessen beginne!

Freitag, den 10.08.1979
"... tears in my eyes ... emptiness inside ..." Nein, ich will auch nicht mehr alleine hier herumhängen und alles vergehen lassen; mich fröstelt; in meinem Magen rumort es; alleine das Stück "Suicide" von Barclay James Harvest ermöglicht mir dies hier. Vielleicht, ja vielleicht, etwas ganz neues; morgen zum Beispiel; ich muß doch irgendwie wieder zurück auf diese Welt, die Sprache der anderen wieder verstehen lernen; leben, ja: leben lernen. Das unruhige Ticken des alten Weckers. Die leere Dunkelheit meines Zimmer schweigt. Ich kann doch nicht vom Traum erwarten, daß er mich rettet ...

Dienstag, den 14.08.1979
Auf meiner rechten Gesichtshälfte verspannen sich einige Sehnen; Kopfschmerzen und Augendrücken stellen sich ein. Beginnt nun der Zwang sich an die Oberfläche zu arbeiten, oder sind es doch nur Ausfallserscheinungen eines vernachlässigten Körpers?

Mittwoch, den 15.08.1979
Hier sind die meisten laut, üben sich in selbstbewußt lautem Tonfall und scheinen selbst jedes Insekt beherrschen zu wollen. Auf diese Weise brodelt die ganze Maschinerie in ihrem zur Zeit gnadenvoll unangefochtenem Frieden, ohne daß irgendein Ziel oder ein Sinn auszumachen wäre. Gelegentlich stolzieren sogenannte "Dienstgrade" überlegen korrekt zur Türe herein und verlassen dieses Gebäude ebenso, offenbar zufrieden über das ihnen unterstellte Geschehen. Jede Mauerritze scheint hier von Verrücktheiten, Absurditäten und Wahnsinn überzuquellen; jedes Hirn von seltsamen Mächten verdreht, jeder Mensch in seiner Eigenart überformt. Manchmal aber, wenn die Sonne scheint, entpuppen sich die hier herumlaufenden Wesen als 'Normale', spielen Federball, sonnen sich, beginnen zu lachen und schweigen endlich vor der Übermacht des Lichtes.

Donnerstag, den 16.08.1979
Hatte schon geschlafen hier auf dem Bett im UvD-Zimmer, ich war nämlich kurzfristig zum GvD-Dienst eingeteilt worden, da weckte mich ein belangloser Telephonanruf. Trotz Müdigkeit stand ich auf, trank einen Tee, traf einen, der zur Zeit Grundausbildung hat; begannen miteinander zu reden; einer, der mehr sieht - das fiel mir gleich auf. Doch auch einer, der bei allem seine Laune beibehält - ähnlich war es mir am Anfang gegangen. Ich glaubte bei ihm dieselbe Entwicklung zur Resignation hin vorausahnen zu können, wie ich sie genommen habe. Er stellte sich jedoch als überzeugter Christ heraus, als Mensch mit einer beinahe unbegrenzten Möglichkeit zur Hoffnung, einem für ihn unumstürzlichen Licht. Er selbst sagte, daß diese Hoffnung, selbst wenn es ein riesiger Betrug sei, ihm doch ungeheuer helfen könne, ebenweil sie nicht faßbar sei. Er redete dann davon, daß die Grau- und Schwarzzonen des Lebens, die glücklosen und unglücklichen Menschen wahrscheinlich den größten Teil ausmachten, obwohl es meistens nicht so scheine. Er sprach von innerer Freiheit, die viel mehr wert sei als die rein äußerliche Freiheit, eben wegen dieser einen Hoffnung. Immer ein Lächeln dabei, immer Mut und die Entschlossenheit, diesen Mut auch künftig zusammenzuhalten.

Ich begann mein Bild über ihn, meine Mutmaßungen zurückzunehmen; sollte er es schaffen - es erschien mir wie eine Patentlösung, dieses Licht, auf das er alles stützt. Auch wenn es ein solches für mich nicht gibt, begann nun auch in mir wieder eine Hoffnung aufzuflammen, und diese Hoffnung war einfach er, sein Beispiel, seine Freude am Leben.

Samstag, den 18.08.1979
Auch jetzt noch befällt mich Wut, wenn ich über meinen Zwangsdienst bei der Bundeswehr nachdenke. Um so mehr, wenn ich bedenke, daß meine Anwesenheit bei der Bundeswehr einfach nichts weiter ist als eine Anwesenheit, die den Staat auch noch eine Menge Geld kostet ...

Sonntag, den 19.08.1979
Eine seltsame Stimmung; morgen beginnt das Vorsemester, das so glorreich an mir vorbeirauschen wird; seltsam alles.

Sucht. Gutmütiges Mitleid und Entsetzen stehen, scheint mir, jeder Hilfe entgegen; verstehen, nicht bloß demonstratives Verständnis, halte ich für notwendig, um helfen zu können! Das Nachvollziehen und Akzeptieren der Situation gehört dazu!

Montag, den 20.08.1979
Immer wieder diese verinnerlichte paranoide Notwendigkeit, mich zu beherrschen, begleitet von dem Blick in den Spiegel, der mir ein ausdrucksloses, von Löchern, Hügeln, widersprüchlichen Falten und Furchen unterlaufenes Gesicht vorwirft; meine eigene Fratze, das Ebenbild von Egoismus, Haß und Selbstmitleid.

Dienstag, den 21.08.1979
Mein Antrag sei bewilligt, ich könne meinen Urlaub für das 'Vorsemester' verwenden, teilte man mir gestern Abend mit; die offizielle Bestätigung werde heute eintreffen. Also begann ich, Sachen zu packen, brachte mein Fahrrad gestern noch zum Bahnhof und bestand nur noch aus guter Laune und Zuversicht. Ich werde im September für eine Übung und im Oktober nur noch für wenige Tage in die Kaserne kommen müssen - ein seltsames Gefühl, ein ganz seltsames ...

Hier enden nun die Aufzeichnungen auf losen Blättern, alles Folgende stammt also aus den Tagebüchern.

Mittwoch, den 22.08.1979
Der unerwartete Entlassungsbescheid von gestern, die hektische Heimfahrt, mit Gepäck beladen, die verzweifelte Suche nach einem wichtigen Zettel am Abend, eine Nacht in Verärgerung, ein Tag Zeitvernichtung an der Universität heute - all dies hinderte mich wohl daran, den Gedanken an die Freiheit auszukosten. Vielleicht muß ich erst einmal zur Ruhe kommen, alles geregelt haben; vielleicht muß erst einmal alles laufen, dann die Freiheit, dann!

Es scheinen sich nun die Nachwirkungen einjähriger soldatischer Zeitvergewaltigung mir in den Weg zu stellen. Da sitze ich meiner Vergangenheit als riesigem Ungeheuer gegenüber, unfähig ihre Angebote anzunehmen, vielmehr verstört, untätig und träge, ohne Grund die Zeit absitzend, aller Vernunft zum Trotz ...

Freitag, den 24.08.1979
Nun also die erste Nacht im eigenen Heim und die ersten Zeilen seit Tagen wieder. Nachtrag. Pläne gefunden, die ich erst vor wenigen Wochen aufstellte, und die mir meine Bundeswehrzeit hatten erträglich machen sollen. Nun kam es ganz plötzlich anders, unerwartet und doch fest eingeplant, und ist fast schon zur Selbstverständlichkeit geworden.

In hektischen Vorausplanungen verbohrt sah ich auf dem Nachhauseweg einen Jugendlichen, der einen Bekannten traf. Als er ihn im Auto erkannte, nötigte er ihn, an den Straßenrand zu fahren, bombardierte ihn mit Ausdrücken der Begeisterung und hatte auf der Stelle alles andere um ihn herum vergessen. Seltsame Gefühle überkamen mich. Bin ich so außergewöhnlich, so sehr auf mich selbst zurückgefallen? Welches Wiedersehen hätte mich schon aus meiner Versenkung hervorlocken können? Ist es der Wahnsinn, der mich hin- und herschiebt, zwischen Wohnung, Studium und Essen? Wird es mir noch so etwas wie Freundschaft oder Liebe gelingen, in diesem kümmerlichen Leben, in dieser, wenn man hinsieht, absurden Art von Dasein, in diesem haltlosen Gewurschtel?

Samstag, den 01.09.1979
Und nun ein wahrer Schlag, DIE Wahrheit! Aufzuwachen auf dem Sterbebett und zu wissen: Das war's! Nein, es hat keinen Zweck mehr, ans Mittagessen zu denken; schon gar nicht an irgendwelche Eigentümer oder gar an Ruhm und Ansehen. Nein: Das war's für Deine Person. Nun die anderen - doch auch nicht für ewig.

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