Dienstag, den 04.09.1979
Plötzlich gelingt alles und - so kurzsichtig blöd ist der Mensch nun einmal - die Welt bekommt einen ganz freundlichen Anstrich! Die Einschreibung ging problemlos vor sich; inzwischen war der Strom in meiner Wohnung bereits angeschlossen; dann fand mein Vater sich bereit, mir die 'Möbel' zu transportieren und jetzt, so gegen Mitternacht, ist es mir noch gelungen, die Mathematikaufgaben zu meiner Zufriedenheit zu lösen.
In der Uni traf ich Klaus, der ebenfalls noch Urlaub hat; er sah aus wie neu geboren. Vielleicht lag es an den wenigen belanglosen Worten, die wir wechselten, daß dies zu einer sehr angenehmen Begegnung wurde; vielleicht war es aber auch die gemeinsame Distanz zur der Kaserne.
Einen Brief von Oliver erhalten, worin er einen (schon weit zurückliegenden) Brief von mir kritisiert. Wenn ich meinen Brief so aus 2. Hand noch einmal zu lesen bekomme und all meine resignativen und gleichgültigen Gedanken wiedersehe, erschrecke ich selbst. Nun werde ich ihm etwas Entschärfendes, Ironisches und auf alle Fälle Optimistisches schreiben müssen, damit er sich nicht noch weiterhin seine ebenso gut- wie ernstgemeinten Sorgen um mich macht.
Ansonsten beginne ich zu leben.
Donnerstag, den 06.09.1979
Ich muß im Grunde zugeben, froh zu sein, diese Zeit beim Bund erlebt zu haben! Viele Dinge erscheinen mir jetzt klarer, und so manches Verhalten von anderen wird für mich erklärbar. Es sollte vielleicht so sein, daß man im Leben möglichst viele solcher Erfahrungen sammelt; mitbekommen, was mitzukriegen ist, um zu wissen und zu lachen am Ende, um nichts versäumt zu haben und nichts bereuen zu müssen.
Samstag, den 08.09.1979
Das Treffen mit Bodo war trocken, und diese Trockenheit schien mir zwangsläufig zu sein! Nun redet auch er vom Essen, von Spezialitäten in ausländischen Restaurants, von Hummer, Tintenfisch, Froschschenkeln und Miesmuscheln. Ist auch sein Denken jetzt entschärft?
Freitag, den 14.09.1979
Wieder einmal zu Hause' bei meinen Eltern. Eigentlich wollte ich schon unterwegs sein zur Kaserne, weil die Verbindungen samstags so schlecht sind, doch dann besann ich mich auf die Möglichkeit, mit dem Taxi zu fahren, und blieb, von allen hier 'zu Hause' unterstützt, die eine Nacht noch. Ich bin froh, daß es so kam.
Sonntag, den 16.09.1979 (auf Übung)
Wieder auf Übung. Beim Durchfahren nachtbeleuchteter Orte traf meine Erinnerung plötzlich auf Weihnachten; als hätte ich dieses Fest schon vergessen, so unglaublich erstaunt war ich über den Reiz, den mir allein die Erinnerung daran verschaffte. Vor einem Jahr bestand Weihnachten bloß aus Illusion, aus verstörtem und unbeteiligtem Schaufenster-Gucken.
Donnerstag, den 20.09.1979 (auf Übung)
Es wird von Tag zu Tag - oder treffender von Nacht zu Nacht - hektischer; weniger Schlaf, weniger Ruhe; um selbst die notwendigsten körperlichen zu Bedürfnisse befriedigen, muß man sich Anordnungen widersetzen; ohne ein gewisses Maß an trotzendem Egoismus würde man hier allein schon körperlich zugrunde gehen.
Gestern abend wurden wir von einem Bauern in seine Wohnung eingeladen; die Frau machte uns Würstchen, Spiegelei, servierte uns ein beinahe feudales Abendessen mit Wurstaufschnitt und heißem Tee. Eine riesengroße Küche, in der Mitte ein unvorstellbar großer alter Kohleherd mit blankgeputzt schwarz glänzender Herdplatte, die trotz der Größe des Raumes alle Unruhe aufzusaugen schien. Alles trotzte vor Sauberkeit, die einladend und keineswegs steril wirkte. Zu sitzen bei sauberem Tisch; die Ruhe zu haben, die Sättigung zu erleben; sich mit Messer und Gabel der reinen Fresserei zu entledigen, weil es nicht sein muß; weil der Raum Frieden gewährt, der Tee richtig heiß ist und die Gastgeber nichts verlangen.
Inzwischen scheint die Sonne wieder und fängt die zunehmende Gereiztheit zum Teil auf. Nichtsdestoweniger befindet man sich in einem entrückten Zustand, nimmt nur noch einen kleinen Teil dessen wahr, was um einen herum geschieht. Müdigkeit, die vielen Zigaretten, ein immer voller Magen, ein protestierender gefüllter Darm benebeln einen. Man macht mit, was befohlen wird, flucht, jeder über etwas anderes (Gründe gibt es genug), jeder aber am Ende aus dem gleichen Grund: diese totale Unzufriedenheit. Immer wieder überflüssige Arbeiten, absurde Befehle, beschämende Leerläufe, die einen an das Infantile, Primitive, Lächerliche und vor allen Dingen Sinnlose dieses inzwischen in Schinderei ausartenden Unternehmens erinnert!
Freitag, den 21.09.1979 (auf Übung)
Auf der Toilette einer Bauernfamilie (die ich bloß zum Händewaschen nutzen konnte!) in den Spiegel geguckt; ein aufgeweichtes, schrulliges Gesicht bekommen. Was ist aus mir geworden?
Samstag, den 22.09.1979
Die Übung ist vorüber. Und selbst, wenn mich die Tücke der Erfahrung von der Klarheit des Gewesenen wegzuzerren vermag, so habe ich doch noch dieses Buch hier mit herübergerettet.
Brief von Dagmar; ich solle wieder von mir hören lassen; sie wolle nicht, daß der Kontakt abbreche, sondern vielmehr mich wiedersehen, bevor der erste Schnee gefallen sei; sie habe eine Überraschung für mich, mehr wolle sie nicht verraten. Sie hat Recht; ich bin wie ein Kind, das man mit Süßigkeiten und Geschenken locken muß. Sie hat Recht!
Und doch fröstelt mich nun. Plötzlich gilt es. Was ich tue, geht wieder auf mich selbst zurück. Niemand hat sonst Schuld. Und nun? Was nun?
Freitag, den 28.09.1979
Bei einer Dichterlesung von Joachim Seypel gewesen. Außer der Tatsache, daß dieser Mann einen erstaunlich stabilen Charakter hat, bot dieser Abend nicht viel.
"Yesterday when I was young" - im Radio. Kalt wird mir, wenn ich an die Möglichkeit denke, auch einmal so reden zu müssen! Werde ich bis dahin noch etwas erfahren von der Welt? Werde ich bis dahin sagen können, daß ich gelebt habe? Oder wird alles ein großer Fehler gewesen sein! Manchmal kommt mir der Gedanke, ich müsse mich beeilen, noch einen Rest Liebe zu erwischen und noch ein paar Züge gemeinsamen Lebens zu genießen.
Sonntag, den 30.09.1979
Also hab' ich zu Hause meine Sachen auf zwei große Reisetaschen verteilt und bin abgehauen von dort; weg von diesem unmäßigen Eßwaren-Depot; weg von der beinahe unüberwindlichen Versuchung, bestehend aus dem Rest Mittagessen, aus Keksen, Schokoladen, Brot, Wurst und zahlreichen Käsesorten. In die Straßenbahn für einsfuffzig (weil ich meinen Studentenausweis vergessen hatte), den Kopf zwischen die Schultern versteckt, mit den Gedanken flüchtend. Weg, bloß weg von diesem Haus. Nur weg!
Montag, den 01.10.1979
Dann war da noch der Brief (Kontaktanzeige), die Hauptursache meiner heutigen Unruhe. Nein, ich rief nicht an, ich schrieb nicht zurück, sagte ab, begründete ein wenig, philosophierte ein wenig um die Absage herum. Doch kann man das so einfach: mit einem Menschen herumspielen, gerade wie es der Stimmung gefällt? Etwas Mitgefühl, etwas Sorge, aber ansonsten so tun, als sei der andere ein Gesellschaftsspiel, zu dem man nun keine Lust mehr hat? Andererseits fühlte auch ich mich (beim Lesen seines Briefes) zum Objekt gemacht, fühlte mich eingeplant in sein Leben und wollte nichts anderes als mich davon befreien.
Mittwoch, den 03.10.1979
Habe mir in der Bücherei einen Gedichtband von Jürgen Becker ausgeliehen, um die Zeit, in der ich nicht bei der Uni war (hab' heute 'blaugemacht'), einigermaßen sinnvoll zu füllen. Diese Gedichte ("Erzähl mir nichts vom Krieg") ähneln Enzensbergers frühen Werken auf erstaunliche Weise. Es ist eine Mischung aus Melancholie und leiser, beinahe unverbindlicher Kritik. Obwohl ich eine solche schriftstellerische Arbeitsweise nicht mehr rechtfertigen kann, habe ich mich voller Begeisterung in diesen Gedichtband hineingelesen. Szenen aus Köln, Bilder vom Rheinufer, wie sie mir selbst bei meinen Spaziergängen vor einem Jahr begegnet sind. Dieses Lesen ist für mich eben eine Träumerei, eine Schwärmerei, ist Melancholie.
Donnerstag, den 04.10.1979
Besuch meiner Tante in meiner kleinen Wohnung. Wir aßen auf Tischchen, von Tellerchen und aus Täßchen, mit Töpfchen und Kännchen - also wie bei dem langatmigen Spiel eines kleinen Kindes. Durchweg natürlich Zigaretten. Wenig Gesprächsstoff. Ein mühsames Schachspiel (das ich übrigens verlor). Ein Glas Wein.
Das war's. Abschied. Bis zum nächsten Mal. Und doch war es mehr. Plötzlich gingen mir wieder die Möglichkeiten auf, die mir dieses eigene Zimmer bietet. Schreiben, Lesen, Grübeln, Träumen - all dies alleine, und doch kommt der Anstoß von einem Menschen, und wahrscheinlich braucht all das auch, nachdem der Anstoß gegeben ist, die Aussicht auf einen Menschen ...
Freitag, den 05.10.1979
Bei einer Dichterlesung von J.C. Delius gewesen; seine Gedichte sagen mir zu, ohne daß ich sie besonders herausragend finde; es gab anschließend noch eine etwas peinliche Diskussion, bei der ein versierter älterer Germanist dem Schriftsteller unzählige Fehler glaubte nachweisen zu müssen.
Samstag, den 06.10.1979
Ich nahm mir vor, vor meiner letzten (!) Tour zu Kaserne nicht mehr nach Hause zu fahren, meine Bundeswehrklamotten habe ich deshalb mit in meine Wohnung geschleppt. So rücksichtslos muß ich sein, immerhin besitze ich dieses pathologische Gewissen, das mich gerade nach solchen Freßorgien oft tagelang straft.
Etwas im Jürgen Becker gelesen; mir aus den "Daten deutscher Dichtung" einige Titel herausgeschrieben; Eßgedanken erfolgreich (wenn auch mühevoll) verdrängt; Bewegung im Tanz; empfundene Reserven, die mir meinen kurzen Kasernenaufenthalt überstehen helfen werden.
Sonntag, den 07.10.1979
Das eine nahm ich mir vor (um damit zuvor gemachten Fehlern vorzubeugen): bloß nichts im voraus 'schlimm' machen; bloß nicht die Dinge so darstellen, wie sie mir verweichlichtem Bübchen erschienen sind; vielleicht kann man den anderen das Leben dort sogar leichter machen, indem man Probleme herunterspielt und Hoffnungen erweckt; und vielleicht hilft mir bei allem der Gedanke: "Was hätte mir geholfen damals?"
Montag, den 08.10.1979
Wieder in der Kaserne - noch einmal in der Kaserne. Wut über die letzten vergangenen Stunden. Herumgelaufen, geredet, gewurschtelt mit meinem restlichen Kram.
Der Mann mit Mecki und dicker Brille, der mir jedesmal gegen 17.20 Uhr im Bus begegnete, schien dicker geworden zu sein; in der Tat schleppte er inzwischen einen erheblichen Ballast mit sich herum. Aber warum soll man das verabscheuen und verurteilen? Irgendwann ist man in jeder Hinsicht 'ausgewachsen'; der Beruf ist sicher und ohne weitere erstrebens- oder abwendenswerte Überraschungen; die Frau ist geheiratet, die Kinder auf der Welt, die Wohnung eingerichtet - was nun? Als ob es immer ein Fortschreiten gäbe, als ob man stets etwas wollen, also unzufrieden sein müsse! Doch was wäre, wenn man irgendwann einmal im "Jetzt" stehenbliebe? Wie könnten wir am Morgen den Tag beginnen, wenn es kein Ziel, keine Richtung mehr gäbe, in die wir unser Tun lenken könnten? Gäbe es dann nicht bloß noch die Untätigkeit? Den Tod?
Dienstag, den 09.10.1979
Wenn sich da so ein frisch eingezogener 'Soldat' umzieht, wenn er voller Stolz auf einen harmonischen Körperbau hinabblicken kann, dann macht sich in mir ein leiser Wunsch bemerkbar, der sich bei näherer Betrachtung als drängendes Verlangen entpuppt. Dann suche ich flehend in seinen Blick und verfalle in seltsamste Illusionen, obwohl doch alles nur Verzweiflung und Hilflosigkeit ist.
Mit Erschrecken stelle ich fest, wie beliebt meine Person inzwischen hier geworden ist (eben gerade durch meine Abwesenheit). Als ein Vorgesetzter mich auf dem Geschäftszimmer etwas schreiben sieht, bemerkt er, man habe mich ja richtig eingeteilt. Von den 'Neuen' höre ich, wie gut mein Gitarrenspiel sein soll. Und alle bedauern sie, daß ich die eine Woche hier noch nutzlos absitzen muß. Doch meine einzige Leistung, war doch die, daß ich es denen da oben leicht gemacht habe, über mich zu verfügen.
Älter, man könnte sagen 'erwachsen' geworden; mir schwant, daß alles, was ich von jetzt an beginne, nicht mehr die Eigenart eines Spieles haben kann, daß plötzlich alles ernst, das heißt endgültig ist und sämtliche Konsequenzen beinhaltet.
Donnerstag, den 11.10.1979
Nun war es also soweit. Entlassung, Verabschiedung, Rückreise mit Stadtbummel durch Bremen. Das soll es also gewesen sein; fünfzehn Monate, in denen Wut, Verzweiflung und tödliche Lethargie aufbewahrt bleiben. Entschlüsse, mehrmals gefaßt und immer wieder verworfen; Hoffnungen, deren einzige Rechtfertigung vielleicht darin lag, daß sie mir zu Lebensrettern wurden; Pläne, die längst wieder aus meinem Denken verschwunden sind.
Sonntag, den 14.10.1979
Ein friedlicher, etwas langweiliger, etwas träger Sonntag in meiner Bude. Gekocht, gespült, aufgeräumt, die Vorräte gesichtet: Nun kann es losgehen, das Studium, morgen.
Montag, den 15.10.1979
Hab' die Sachen von vor einem Jahr gelesen; waren ganz gut; es scheint, ich muß schreiben, um zu wissen, was ich denke; vielleicht auch, um überhaupt zu denken.
"Starkes Verkehrsaufkommen wegen großer Manöverbewegungen" - So hört sich das also von hier aus an; so harmlos spiegelt sich diese Scheiße bei uns 'draußen' wider!
Mittwoch, den 17.10.1979
Die Zeit! "Nutz die Stunde und sei bereit" (Radio). Warte ich darauf, alt zu werden? Warum warte ich bloß, warum?
Dienstag, den 18.10.1979
Gespräch mit Klaus; er läßt sich vom Studienbetrieb verblüffen, scheint mir; vielleicht ist das nur am Anfang ... "Wenn ich heute nach Hause komme, ist niemand da.", sagte er mir ein wenig hilflos.
"Apocalypse now" - So hieß mein Ziel dieses Abends, so hieß der Film im Kino, so hieß ein schockierendes Erlebnis! Krieg total, Krieg in Vietnam, wie ich ihn mir nicht realistischer hätte vorstellen können. Töten als grauenvolle Orgie, mit Wagnermusik und Klängen von Jimi Hendrix. Der Wahnsinn militärischen Denkens und Handelns, die Vergötterung der Technik, das plötzliche Versagen zivilisatorischer Bequemlichkeit. Der Film zeigte mir auch, was das eigentlich ist, was die Bundeswehr so spielerisch auf Manövern und Ausbildungsorgien einübt. Was das überhaupt alles ist: schießen und verteidigen, Verletzung und Tod.
Erstaunlich ist auch, wie wenige der Beteiligten sich anschließend gegen das Militär erhoben haben! Offenbar ist es so, daß diejenigen, die wirklich wußten, was los war, entweder gestorben sind oder unter dem ungeheuren seelischen Druck stehen, alles vergessen zu müssen.
Freitag, den 19.10.1979
Vor der Uni ein Rollstuhlfahrer, ein Student; ich denke an Simon, daran, daß einer mit einem unabänderlichen Schicksal kämpft, während der andere, dem noch alle Türen offenstanden, aufgibt.
Auf einer Lesung von Frederike Mayröcker gewesen; mein Eindruck von ihr: erschreckend zerbrechlich und, wie es scheint, zerbrochen. Ihre Literatur paranoisch verworren, ohne festes Ziel, ohne System, im Grunde also das, was ich mir auch gerne aus den Fingern sauge. Die Diskussion drehte sich am Ende um Belanglosigkeiten. Keine Antwort auf die Frage, wozu Lyrik.
Samstag, den 20.10.1979
Die Zeit (was immer das ist) zernagt mich; Hoffnungen sterben nacheinander ab; der Handlungsfreiraum schrumpft mit jedem Blick, die Wahrheit geht über in Erfahrung, die Gründe des Lachens versiegen und aus meinem Dasein wird bloße Lüge!
Sonntag, den 21.10.1979
Manchmal beneide ich diejenigen, die sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht haben. Vielleicht war es das einzig Kluge, was Simon machen konnte ...
Dienstag, den 23.10.1979
"Ich renne herum wie Falschgeld", so könnte man das ausdrücken, was ich bei meinen seltsamem "Studentendasein" empfinde. In den Pausen, die ich meist mit Markus, einem Kommilitonen, verbringe, weiche ich jedem Gespräch aus, entweder indem ich über irgend ein banales Thema rede, oder indem ich irgendwohin starre. Ihn anzusehen, ohne etwas Ablenkendes zu sagen, gelingt mir nicht.
Päckchen von Oliver erhalten (Buch: "Orchis militaris" von Ivo Michiels); nun spüre ich wieder ein wenig, daß ich lebe ;unser Briefwechsel ist wie ein Gespräch, ein Gespräch, das ich sonst mit niemandem führe! Hab' ihm sofort zurückgeschrieben.
Mittwoch, den 24.10.1979
Brief von Dagmar; es ist einfach erstaunlich, wie lebend sie mir aus ihren Zeilen entgegenlacht. Als sei sie in der Lage, mit ihren Worten ihre ganze Erscheinung, jeden Gesichtszug und jeden Tonfall zu mir herüberzuschicken. "Ist das nicht ein tolles Herbstwetter, das wir haben?!" Ihr Lachen, ihre Begeisterung für oft so einfache Dinge ist mir bei diesem Satz so deutlich, als stünde sie vor mir.
Donnerstag, den 25.10.1979
Sigrid schrieb in ihrem Brief gestern, daß man sich an so manches nie gewöhnen könne. Was bedeutet überhaupt: sich an etwas gewöhnen? Heißt das nicht, es nicht mehr wahrzunehmen, davon nicht mehr belastet zu werden? Also ist Gewöhnung der Komplize aller regelmäßig verübten Verbrechen, Quälereien und Ungerechtigkeiten. Am Anfang jedoch steht das Empfinden dessen, was geschieht, und das häufigste Argument für die Untätigkeit in diesem Augenblick lautet: "Daran gewöhnt man sich!" Man gewöhnt sich, weil man nichts tut - und man tut nichts, weil man sich gewöhnt.
Der fruchtbarste Augenblick für jede Aktivität ist also derjenige, in dem man auf etwas Neues trifft. Solange etwas neu ist, erkennt man es besser, differenzierter und objektiver. Später verliert es an "Bedeutung", es wird langsam "selbstverständlich" und erhält somit als solches seine Daseinsberechtigung.
Freitag, den 26.10.1979
Wieder über die Gefahr der "Gewöhnung" nachgedacht. Gewohnheit bedeutet, nicht mehr bewußt zu handeln, sondern sich in eingeschliffenen Verhaltensweisen zu bewegen; jeder Akt, der der Gewöhnung erlegen ist, ist Bestandteil eines 'Tiefschlafs', dessen Leblosigkeit auch daran abgelesen werden kann, daß er sowohl aus dem Bereich des aktiven Denkens als auch (und gerade) aus der Erinnerung verschwindet. Leben heißt also, Eintönigkeiten zu entfliehen, beziehungsweise Dinge immer wieder neu zu entdecken. Leben heißt dann, die Bequemlichkeit des "Geschehen-Lassens" zu vermeiden, sich in Bewegung zu setzen, sich in gewissem Maße zu belasten, wie das auch in körperlicher Hinsicht sinnvoll ist.